Harzkreis l Auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen findet am Donnerstag, 10. September, ab 11 Uhr der erste bundesweite Warntag statt. Das bedeutet: Bund, Länder, Landkreise und Kommunen proben ohne konkrete Gefahrenlage den Ernstfall. Jener bundesweite Testtag soll fortan jedes Jahr am zweiten Donnerstag im September stattfinden.

„Der Warntag soll dazu beitragen, die Akzeptanz und das Wissen um die Warnung der Bevölkerung in Notlagen zu erhöhen. Wer rechtzeitig gewarnt wird und weiß, was zu tun ist, kann sich in einem Notfall besser selbst helfen“, heißt es vom federführend zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Landläufig erfolgte die Alarmierung über viele Jahrzehnte ausschließlich mit Sirenen. Das Netz ist jedoch seit 1990 deutschlandweit geschrumpft. Viele Kommunen besitzen mittlerweile keine Sirenen mehr. Stattdessen wird auf das Internet sowie auf Handys, Radio und Fernsehen gesetzt.

Mit Ausfall des Internets rechnet niemand

Im Landratsamt Harz sind die Verantwortlichen zwar über den Warntag informiert, doch konkrete Vorhaben seien außerhalb der zentralen Aussagen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nicht vorgesehen, heißt es.

„Ich hab‘ das so verstanden, dass der Staub von den Sirenen gepustet werden soll“, sagt Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse. Er kenne das Problem, dass es in einigen Städten im Landkreis keine Sirenen mehr gibt. „Die Wehren sind mit digitalen Empfängern ausgerüstet worden, die die Sirenen vielerorts verdrängt haben. Selbst auf den Dörfern gibt es sie nicht mehr überall.“

Was nicht überrascht: Aufgrund der hohen Lärmfrequenz seien Sirenen bei vielen Bürgern nicht sehr beliebt. „Stellen sie sich bei den oft hohen Einsatzfrequenzen der Feuerwehren vor, dass jedes Mal die Sirenen ausgelöst werden“, zeigt Lohse durchaus Verständnis.

Zur effektiven Warnung der Bürger muss man sich in Deutschland endlich etwas einfallen lassen“, so der Harzer Kreisbrandmeister. Denn bei wirklichen Krisen oder Katastrophen muss man mit dem flächendeckenden Ausfall des Mobilfunknetzes sowie des Internets rechnen. Dann würde die beste Warn-App nichts nutzen, skizziert Lohse eine Konsequenz.

„Diese Problematik hat Deutschland in den vergangenen 20 Jahren völlig verschlafen“, kritisiert Kai-Uwe Lohse. Der 57-Jährige plädiert dafür, vor einem Warntag erst einmal den Bürgern zu erklären, wofür welche Sirenen-Signale stehen, damit sie überhaupt wissen, wann was zu tun sei und wie reagiert werden müsse.

Im Landkreis Harz gebe es mit Stand Ende 2019 insgesamt 149 Sirenen, informiert Uwe Hoffmann, Sachgebietsleiter Brand- und Katastrophenschutz in der Kreisverwaltung Harz. Mit Sicherheit könne gesagt werden, dass es in Halberstadt und Quedlinburg keine Sirenen mehr gibt. In Wernigerode sind es acht, im Stadtgebiet Osterwieck mit 18 die meisten. In den übrigen Orten sehe die Verteilung so aus: Ilsenburg 8, Blankenburg 16, Nordharz 11, Vorharz 16, Oberharz 17, Thale 8, Huy 14, Ballenstedt 7, Falkenstein/Harz 10 und Harzgerode 8. Die Angaben würden jedoch nicht nach Städten, Ortsteilen oder Mitgliedsorten von Verbandsgemeinden unterschieden.

„Am Warntag löst die Leitstelle des Landkreises Harz die Sirenen zum Probealarm aus“, kündigt Uwe Hoffmann an. Die für die Warnung und Entwarnung der Bürger vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe festgelegten Sirenensignale lauten:

Warnung um 11 Uhr: Ein einminütiger auf- und abschwellender Heulton soll die Bevölkerung auf unmittelbar im Verzug befindliche Gefahren aufmerksam machen.

Entwarnung um 11.20 Uhr: Das Ende eine Gefahrenlage soll mit einem einminütigen Dauerton signalisiert werden.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hebt die Bedeutung des Warntags ausdrücklich hervor: „Im Ernstfall, zum Beispiel bei einem Großfeuer, Hochwasser, einem Anschlag, drohenden Unwettern oder wie bei der Ausbreitung des Coronavirus‘, benötigen die Menschen schnellstmöglich Warnungen und zugleich verlässliche behördliche Informationen und Verhaltensempfehlungen. Mit dem Warntag wollen wir die Bevölkerung sensibilisieren.“ Nur wer eine behördliche Warnmeldung wahrnimmt und richtig einordnet, könne umgehend handeln und sich sowie Familie, Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen in Gefahrensituationen schützen, so der CDU-Landespolitiker.

Vor Ort im Harz zucken verantwortliche Akteure indes teils die Schultern, wenn sie gefragt werden, was am Warntag überhaupt in den Kommunen passiert. Ganz konkret beim Thema der Sirenenauslösung.

Halberstadt: Kernstadt besitzt keine Sirenen

„Wir können in der Stadt Halberstadt keine Sirenen auslösen. Sie wurden in den 1990er Jahren demontiert“, informiert Ralf Fleischhauer, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Halberstadt. Sirenen gebe es nur noch in den Ortsteilen der Kreisstadt, die dort zum Alarmieren der freiwilligen Feuerwehren genutzt werden. „Diese Sirenen werden am Donnerstag um 11 Uhr ausgelöst“, kündigt Ralf Fleischhauer. Andere Mittel stünden der Stadt an diesem Tag nicht zur Verfügung, um die Bürger zu warnen.

Auch der Einsatz von Lautsprecherwagen, um möglichst viele Bürger zu erreichen, sei am Warntag nicht vorgesehen. Der Ordnungsamtsleiter verweist auf die Warn-App NINA, die sich jeder auf dem Handy installieren könne, sowie auf Radio, Fernsehen und das Internet. Ob die Kernstadt irgendwann einmal wieder mit Sirenen ausgestattet wird, kann Ralf Fleischhauer nicht sagen. Er geht davon aus, dass die Stadt Halberstadt wohl in Zukunft auf die modernen Technologien wie Warn-Apps setzt. Außerdem sei die Stadtverwaltung nicht für den Katastrophenschutz zuständig, sondern der Landkreis Harz.

Auf eine kleine Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Rüdiger Erben an die Landesregierung, wie sich die Zahl der Sirenen landesweit seit 2016 entwickelt habe und ob das Land nach wie vor auf das Sirenennetz setze, hieß es: „Im Zeitraum 2016 bis 2020 ist eine Erhöhung der Anzahl der Sirenen von 2124 auf 2143 zu verzeichnen. Sirenen sind nach wie vor ein effektives Alarmierungs- und Warnmittel. Das Vorhalten der Sirenen liegt in Verantwortung der Gemeinden.“ Im Landkreis Harz sei die Zahl der Sirenen von 122 auf 149 gestiegen.

Erben hält Sirenen bei der Bevölkerungswarnung weiter für ein unverzichtbares Mittel. Bei der Alarmierung der Feuerwehren könne man zwar leicht auf Funkalarm-Empfänger zurückgreifen. Für die Bevölkerung erreiche man – gerade in der Nacht – eine Warnwirkung jedoch nur mit Sirenen. Daher wolle er seinen Kampf für mehr Sirenen fortsetzen: „Aus meiner Sicht verdienen Sirenen wieder mehr Aufmerksamkeit, vor allem wenn die Bevölkerung in der Nacht gewarnt werden muss. Nicht jeder hat ein Smartphone mit einer KATWARN-App auf dem Nachttisch liegen. Und auch die App hilft nicht viel, wenn Menschen tief und fest schlafen.“