Schachmusuem

Was ein Ströbecker Gästebuch so besonders macht

120 Jahre lang haben sich Meister und Großmeister, hochrangige Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland in das unscheinbare Buch des Ströbecker Schachvereins eingetragen. Der Kulturschatz verursacht auch Sorgenfalten.

Von Sabine Scholz
Restaurator Nikolai Exner (links) erläutert in Halberstadt die Besonderheiten bei der Restaurierung des Fremdenbuches des Ströbecker Schachvereins. Der neue Sammlungsleiter für das Schachmuseum Ströbeck, Cihangir Erol, zeigt Fotos vom Ausgangszustand des Buches.
Restaurator Nikolai Exner (links) erläutert in Halberstadt die Besonderheiten bei der Restaurierung des Fremdenbuches des Ströbecker Schachvereins. Der neue Sammlungsleiter für das Schachmuseum Ströbeck, Cihangir Erol, zeigt Fotos vom Ausgangszustand des Buches. Foto: Sabine Scholz

Halberstadt - Die schmalen, dunkelbraun verfärbten Streifen am Blattende werden bleiben. Ebenso die verwaschen wirkenden, helleren an den Längsseiten. Sie zeigen: Das Buch, das da auf dem Tisch liegt, ist oft in die Hand genommen und aufgeblättert worden. Fein säuberlich aufgelistet finden sich hier Daten, Spielergebnisse, Namen neben schwungvollen Unterschriften und Widmungen.

Es ist so oft im Einsatz gewesen, dass die Blätter sich von den Heftfäden lösten, manchen Stellen ausfransten und ausrissen. 120 Nutzungsjahre hinterlassen eben Spuren.

Schwierige Papierqualität, viele Tinten

„Die hat man versucht zu beseitigen“, erklärt Nikolai Exner und zeigt auf eine Stelle im Papier, wo man vor vielen Jahren ein fehlendes Teil angefügt hatte. Dass zur „Reparatur“ der Seiten immer wieder auch zu „Selbstklebstreifen“ gegriffen wurde, wie Exner sagt, wenn er den allseits Begriff Tesafilm umgehen will, lasse bei Restauratoren das „P“ in den Augen aufblitzen. „P wie Panik“, sagt Exner. Denn der Klebstoff dringt im Laufe der Zeit immer tiefer in das Papier ein und lasse sich nur schwer wieder herausziehen. „Da braucht man dann spezielle Lösungsmittel“ erklärt der Hallenser, der in den vergangenen Monaten mindestens 70 Stunden damit verbracht hat, das Fremdenbuch des Ströbecker Schachvereins zu restaurieren.

Dabei waren die Klebestreifenreste und -spuren nur einTeil der Herausforderung für den Fachmann. Anders als ein gedrucktes Buch, sind solche Archivmaterialien schwerer zu restaurieren, weil man kein Wasser einsetzen kann. Denn während Druckerschwärze nicht verläuft, ist das bei Tinte, Filzstiftfarben oder Bleistift anders. Und so ein Gästebuch ist ein Sammelsurium an verschiedensten Farben und Tinten. Zumal, wenn es wie dieses hier 1886 begonnen und bis 2006 in Benutzung war.

Nur wenige originale Objekte erhalten

Dass das Buch aus den 1880er Jahren stammt, macht es für Museumschefin Antje Gornig besonders wertvoll, weil es ein Sachzeugnis aus einer Zeit ist, als Ströbeck begann, sich wieder mehr seiner Schachtradition bewusst zu werden. „In das 19. Jahrhundert fällt die Einführung des Unterrichtsfachs Schach an der Ströbecker Schule, Vereine beginnen sich sich zu gründen und das alte Erbe neu zu entdecken“, berichtet Gornig.

Doch leider seien einige der Objekte, die diese „Ströbecker Kulturrevolution“ belegen, bei dem Feuer am 14. November 2019 verbrannt oder unrettbar beschädigt worden. So manche Vereinsfahne, aber auch Schülerschachbretter aus dem 19. Jahrhundert sind für immer verloren.

Die Mitte dieses Jahrhunderts kennzeichnet für Papierrestauratoren zudem eine Zäsur. Das Büttenpapier ist nicht mehr die Regel, es kommen preiswertere Varianten auf den Markt. Die allerdings versäuern im Laufe der Zeit – erkennbar am Vergilben des Papiers. Dass manche Seite des unter dem Sammelbegriff Geschäftsbuch gehandelten Fremdenbuches hellbraun ist, verweist auf nicht ganz so gute Papierqualität. Es musste deshalb entsäuert werden, auch ohne Einsatz von Wasser.

Zwei Seiten mehr als als vorher

Dass das Archivgut unter den großen Begriff fällt, ist auch der Art der Heftung geschuldet. Schließlich mussten Geschäftsbücher für die Eintragungen möglichst gerade auf dem Tisch aufliege. Auch wenn viele Seiten aufgeschlagen waren, sollten Wulste vermieden werden. Nikolai Exner hat dafür gesorgt, dass alle Blätter wieder zu Lagen gelegt und entsprechend geheftet wurden. Den Buchrücken musste er allerdings komplett ersetzen, der originale Einband ist ansonsten erhalten.

Fast nebenbei berichtet der Restaurator, dass das Buch bei der Rückgabe zwei Seiten mehr aufweist. Er habe zwei bewusst miteinander verklebte Seiten wieder lösen können. „Dafür allerdings musste ich diese Seiten wässern“, sagt er. Ein bisschen habe die gezeichnete Umrandung darunter gelitten. Sichtbar wurde, dass der Schachverein 1944 von Kulturorganen der Nationalsozialisten vereinnahmt werden sollte. „Das ist alles Zeitgeschichte“, sagt Gornig, „offenbar haben sich die Ströbecker sehr lange dagegen verwahren können.“

Die bei der Vorstellung des restaurierten Schatzes anwesenden Ströbecker hören es wohlwollend. Aufmerksam verfolgen Renate Martens, stellvertretende Vorsitzende des Schachvereins, sowie die Vereinsmitglieder Hannelore Gaedecke und Oswald Lichtner die Ausführungen Exners.

Bürgerhaus-Sanierung lässt auf sich warten

Ebenso aufmerksam hört Cihangir Erol zu. Seit 1. Juni ist er am Städtischen Museum Halberstadt angestellt und soll künftig die Sammlung des Schachmuseums betreuen. Für dessen touristische Entwicklung verfasst Lara Zober von der Hochschule Harz gerade ihre Bachelorarbeit. Sehr zur Freude von Ortsbürgermeister Jens Müller (BISS/SPD), der gemeinsam mit Oberbürgermeister Daniel Szarata (CDU) bei der Rückgabe dabei ist. Und natürlich auf die Frage wartet, wie es weitergeht in Sachen Schachmuseum.

„Es läuft vieles, was man nicht sieht“, sagt Müller. Gespräche mit der Stadt, Erarbeitung von Konzepten und Fördergeldanträgen gehören ebenso dazu wie die stetig laufende Restaurierung der aus dem brennenden Museum geretteten Objekte. „Die Feuerwehrleute haben da einen echt tollen Job gemacht, ohne ihren Einsatz gäbe es wohl kaum etwas, was in den neuen Museumsräumen ausgestellt werden könnte, dafür gebührt ihnen großer Dank.“

Die neuen Museumsräume lassen noch auf sich warten. Wohl erst im kommenden Jahr können sichtbare Arbeiten für die Sanierung des Bürgerhauses Ströbeck starten, in dem künftig das einzige öffentliche Schachmuseum Deutschlands sein Domizil haben wird.