Halberstadt l Laut Duden ist eine Kapsel ein kleiner, runder oder ovaler Behälter. Nicht so in Halberstadt, hier bekommt das Wort eine ganz neue Definition. Eine Kapsel ist eckig und mit den Maßen 70 mal 40 Zentimetern alles andere als klein. „Es soll ja auch viel reinpassen“, sagt Volker Bürger. Als Vorsitzender des Halberstädter Geschichtsvereins gehört er zu den Auftraggebern der Kapsel. In die sollen jede Menge Geschichte und Geschichten gepackt werden. Als Geschenk der heutigen Halberstädter für die Menschen, die in 25 Jahren in der Stadt leben. Zeitkapsel und Schatzkiste in einem.

Dreh- und Angelpunkt ist der 8. April. An diesem Datum vor 75 Jahren ist Halberstadt bei einem Bombenangriff zerstört worden. „Das war eine Zäsur für Halberstadt, die bis heute deutlich ist und es auch bleiben wird“, sagt Bürger. Es sei wichtig, dass der 8. April Mahn- und Gedenktag bleibt. Aber er soll nicht nur mit diesem einschneidenden Ereignis in Verbindung stehen. „Wir haben trotz allem viel erreicht in den zurückliegenden Jahren“, betont er. Halberstädter – heutige und künftige – können stolz auf ihre Stadt sein. Auch daran solle der 8. April erinnern. Und der Tag wird etwas sein, worauf sich die Einwohner freuen können – am 8. April 2045 wird die Zeitkapsel geöffnet.

Zeitplan wegen Corona verschoben

Damit der Inhalt bis dahin gut geschützt ist, braucht es eine stabile Verpackung. „Wir haben uns für Douglasie entschieden. Das Holz sieht gut aus, harzt nicht und hält“, erläutert Andreas Pusch. Er ist Ausbilder im Aus- und Weiterbildungszentrum (AWZ). Im Rahmen der Vereinshilfe baut er gemeinsam mit dem gelernten Möbeltischler Frank Bertram die Truhe.

Das Grundgerüst ist fertig: Holzplatten wurden miteinander verleimt, Schraubzwingen sorgen für Halt, bis der Kleber getrocknet ist. Eine Plexiglas-Scheibe ist bereits zugeschnitten und mit einem Einwurf versehen. Damit die Leute ihre Beiträge selbst einwerfen können, wie Volker Bürger erklärt, die Briefe aber dennoch geschützt sind.

Denn eigentlich, so hatten es die Organisatoren geplant, sollte die Zeitkapsel ab dem 8. April in den Halberstädter Rathauspassagen ausgestellt werden. Am selben Tag sollte die Eröffnung der Sonderausstellung „Der 8. April 45. Halberstadt brennt“ stattfinden, in deren Rahmen Interessierte ihre Beiträge bis zum 24. April in die Truhe hätten legen können. Zwei Tage später sollte diese mit einem Deckel sowie einer Tafel zur Erklärung an der Front versehen und mit Wachs und Siegel verschlossen ins Stadtarchiv gebracht werden.

Eigentlich. Dieser Zeitplan kann aufgrund der Coronapandemie und den damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens nicht eingehalten werden. „Die momentane Lage gibt uns das Zeitfenster vor“, sagt Volker Bürger. Er betont: „Aber das Projekt wird nicht an Corona sterben sondern zu einem geeigneten Zeitpunkt nachgeholt“.

Und so wird weiter geplant und gemeinsam mit den Erbauern der Truhe an der Ausführung gefeilt: Griffe aus Holz oder aus Seilen? Sind Schrauben schick oder störend? Mit welcher Technik und an welcher Stelle soll das Logo angebracht werden? „Wir befinden uns noch in den Schatzjahren, darum darf das entsprechende Logo nicht fehlen“, erläutert Bürger.

Von Kloster über Sport bis zu Hundekot

Nicht nur über das Aussehen, auch über den Inhalt macht sich der Vorsitzende des Geschichtsvereins Gedanken. „75 Jahre in Frieden zu leben ist ein großes Privileg, das wir erfahren durften. Sagen wir den Menschen in der Zukunft, wie uns unsere Stadt heute gefällt. Was haben wir erreicht, was wollen wir noch erreichen und was gefällt uns nicht und kann oder muss noch verändert werden?“, heißt es in dem Aufruf, den der Verein und das Städtische Museum verfasst haben. Es gibt nur eine Einschränkung: Die Beiträge sollen in einen Briefumschlag, maximal im A4-Format, passen.

„Vermutlich werde ich zwei Umschläge reinpacken“, kündigt Volker Bürger an. Zum Inhalt hüllt er sich noch in Schweigen. AWZ-Geschäftsführer Detlef Rutzen ist da etwas redseliger. „Ich werde etwas zur Geschichte des Burchardi-Klosters einreichen und auflisten, was wir hier schon erreicht und geschaffen haben.“ Augenzwinkernd fügt er an: „Zum Sport werde ich selbstverständlich auch etwas verfassen“. Immerhin ist er Präsident des Kreisfachverbandes Fußball.

Wer jetzt davon abgeschreckt ist, ein umfangreiches Schreiben aufzusetzen, kann beruhigt sein. „Ein Gedankengang, ein Stichwort reicht auch“, sagt Volker Bürger. Beiträge können anonym erfolgen oder mit einer Vorstellung des Verfassers. Grüße an die Familie, ein selbstgemaltes Bild, Wichtiges aus dem privaten oder beruflichen Leben, Erinnerungen an Ereignisse, ein Foto vom Lieblingsplatz – alles sei erlaubt. Das Aufzeigen von Missständen und Dreckecken soll ebenso nicht fehlen. „Auch das Bild eines Hundehaufens mit der Frage, ob diese Problematik endlich in den Griff bekommen wurde, ist denkbar“, gibt Bürger ein Beispiel.

Die Auswirkungen des Coronavirus auf das städtische Leben werden wohl ebenfalls zu lesen sein, ergänzt er. „So wie sich die heutige Generation kaum vorstellen kann, wie es zu Zeiten des Mauerfalls war, wird es in 25 Jahren auch mit der Coronakrise sein. Welche Auswirkungen hat sie auf uns? Wie haben wir die Zeit empfunden? Das in 25 Jahren zu rekapitulieren dürfte spannend sein.“

Die Pandemie wirft nicht nur den Zeitplan der Organisatoren über den Haufen. Ursprünglich wollten Verein und Museum mit Schulklassen, Kindergärten, Vereinen und Senioreneinrichtungen zusammenarbeiten. Dass dürfte sich angesichts der aktuellen Situation schwierig gestalten.

Ein Selbstporträt für die Zukunft

Ein anderer Einfall der Organisatoren lässt sich dagegen sogar trotz häuslicher Quarantäne umsetzen, das „Selfie in die Zukunft“. Per E-Mail – Betreff „Zeitkapsel“ an schatzjahre@halberstadt.de – können Selbstporträts an die Stadt gesendet werden. „Wir drucken sie dann aus, um sie in die Zeitkapsel zu legen – wer weiß schon, welche digitalen Speichermedien dann genutzt werden“, sagt Museumsmitarbeiterin Simone Bliemeister.

Angesichts der aktuellen Lage, so erläutert Volker Bürger, können auch alle anderen Beiträge auf diesem Wege eingesendet werden. Zudem sei der postalische Weg möglich: unter dem Stichwort „Zeitkapsel“ an das Städtische Museum Halberstadt, Domplatz 36, 38820 Halberstadt.