Halberstadt l Es ist das wohl Schlimmste, was jungen Eltern passieren kann. Ihr Baby ist tot. Gestorben, ohne ersichtlichen Grund. Der Notarzt konnte nichts mehr für das Kind tun. Er fährt sofort nach dem Einsatz, der nächste Notfall wartet schon. Währenddessen erleben die Eltern die wohl dunkelsten Stunden ihres Lebens. Damit sie die nicht allein durchstehen müssen, gibt es das Team der Notfallseelsorge.

„Wir sind da, hören zu, halten aus“, sagt Karsten Wohlfahrt. „Wir sind so etwas wie die Erste Hilfe für die Seele.“ Seit 2014 engagiert sich der Installateur aus Halberstadt im Team der Notfallseelsorger.

Team

Dieses besteht derzeit aus zehn Personen, allesamt Ehrenamtler. Sie werden gerufen, um Betroffenen und Hinterbliebenden nach tragischen Ereignissen beizustehen. Nach Unfällen, Tod eines Angehörigen, Suizid in der Familie, zur Unterstützung beim Überbringen von Todesnachrichten oder plötzlichem Kindstod kommen die Notfallseelsorger zum Einsatz.

Und sie müssen einiges aushalten können. Neben dem seelischen Leid erwartet sie am Einsatzort schon einmal eine erhängte Person oder Menschen mit starken Brandverletzungen, berichtet Daniela Wäser. Sie ist die Teamleiterin in Halberstadt. Wie hält man das aus? „Man muss lernen, Abstand zu halten. Wir sind da, um Beistand zu leisten, nicht um mitzutrauern oder Mitleid zu empfinden. Damit hilft man niemandem“, erklärt Daniela Wäser. Das sei nicht immer leicht – gerade, wenn es Parallelen zum eigenen Leben gibt. Und Fälle, in denen es um Kinder geht, seien besonders schlimm.

Beispiel

Ein extremes Beispiel hat Klaus Bieda erlebt. Er musste einen Unfallfahrer betreuen, der den Tod eines Mädchens verursacht hat. „Es ist schwer, da den richtigen Weg zu finden“, sagt er. Der Mann habe sichtlich unter Schock gestanden. Man dürfe nicht zulassen, dass man in so einer Situation – wenn auch unterbewusst – Vorwürfe macht, verurteilt.

Obwohl man körperlich eigentlich keine Leistung bringt, schlauchen solche Einsätze, kosten viel Kraft. „Es hilft, wenn man mit der Familie darüber spricht“, sagt Karsten Wohlfahrt. „Und wir besprechen die Einsätze hinterher im Team“, ergänzt Daniela Wäser. Zusätzlich gibt es regelmäßig Supervisionen, also psychotherapeutische Gespräche für die Ehrenamtler, damit sie das Erlebte verarbeiten können, erläutert sie.

Dank

Seit 2013 ist die 33-Jährige dabei – sehr jung für solch ein Ehrenamt. Aber sie wusste gut, worauf sie sich einlässt. „Ich haben Psychologie studiert und mein Vater ist im Rettungsdienst tätig“, erläutert Wäser. Ein Zeitungsbeitrag gab den Ausschlag für sie, sich in der Notfallseelsorge zu engagieren. „Darin bedankte sich eine Augenzeugin des Zugunglücks von Hodorf für die Notfallseelsorge. Das hat mich beeindruckt. Ich wusste vorher gar nicht, dass es so etwas gibt.“

So ergeht es vielen. Dass es Notfallseelsorger in Halberstadt gibt, ist vielen nicht bekannt. „Auch die Polizei musste erst lernen, dass es uns gibt“, berichtet Klaus Bieda. Der 61-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern in Halberstadt. „Ich habe eine Zeit lang im Rettungsdienst gearbeitet und bei den Einsätzen mitbekommen, dass etwas fehlt.“ So werden die Verletzten selbst versorgt, doch sobald sie ins Krankenhaus gebracht werden oder nur noch der Tod festgestellt werden kann, stehen die Angehörigen allein da. Allein mit ihrer Trauer, ihrem Schock, dem Nichtwissen, wie es jetzt weitergehen soll. Um diese Situation zu kompensieren, wurde 2005 ein Notfallseelsorger-Team in Halberstadt ins Leben gerufen. Klaus Bieda hat damals einen Aufruf in der Zeitung gelesen, und gemeinsam mit seiner Frau beschlossen, sich ausbilden zu lassen.

80 Stunden umfasst die Ausbildung, die mehrmals im Jahr angeboten wird, und verteilt auf drei Wochenenden stattfindet. Den Teilnehmern werden Grundlagen zu Themen wie Krisenintervention, psychologische Erste Hilfe, Strukturen des Rettungsdienstes und Selbstschutz vermittelt. Ein vierter Wochenendkurs findet ein Jahr nach der Erstausbildung statt.

Ausbildung

In diesen Tagen beginnt Susanne Leschik die Ausbildung. Warum? „Ich möchte für Menschen da sein“, sagt die Augenärztin aus Halberstadt. Sie ist mit einem Mitglied der Notfallseelsorge befreundet. „Wir haben uns oft über die Arbeit unterhalten. Spontan ist der Entschluss also nicht“, betont die 50-Jährige.

Es sei ohnehin nicht spontan möglich, Notfallsselsorger zu werden, ergänzen die erfahrenen Mitglieder. Zu den Kursen wird nur zugelassen, wer ein „Bewerbungsgespräch“ mit einem Teamleiter vor Ort und einem Supervisor absolviert hat. Es gibt strenge Voraussetzungen. So sollen Interessenten mindestens 25 Jahre alt und psychisch wie physisch gut belastbar sein und in einem sozailen Umfeld gut integriert sein. Wer selbst im zurückliegendem Jahr ein traumatisches Erlebnis hatte, ist ungeeignet.

Keine Therapie

Aus gutem Grund. „Wir sind keine Therapie“, betont Constantin Schnee. „Weder für uns noch für die Betroffenen.“ In der Regel bleiben die Notfallseelsorger nur wenige Stunden vor Ort, bis zum Beispiel Verwandte eintreffen, um sich um die Betroffenen zu kümmern. Es gehe darum, den Menschen in der Akutphase Beistand zu leisten – für die Trauerbewältigung sind andere zuständig. Oftmals, so berichtet Ina Schnee, werden sie gar nicht richtig von den Betroffenen wahrgenommen. Und, trifft man sie später auf der Straße, erinnern sie sich nicht. „Das ist auch gut so. Wir sollen und wollen keine Beziehung zu den Angehörigen aufbauen, sondern nur im ersten Moment für sie da sein“, betont Karsten Wohlfahrt.

Er und seine Mitstreiter wurden im vergangenen Jahr zu 27 Einsätzen gerufen, meist über die Leitstelle. Damit die Notfallseelsorger immer erreichbar sind, gibt es Zwölf-Stunden-Schichten. Bereitschaftsdienst, das Telefon immer in Reichweite. „Derzeit ist jeder sechs bis achtmal im Monat dran“, informiert Daniela Wäser. Das sei eine hohe Belastung, auch wenn sie nicht zum Einsatz gerufen werden. Deshalb hofft sie, dass sich noch mehr Menschen dafür entscheiden, Notfallseelsorger zu werden.

Infos zur Notfallseelsorge und der Ausbildung gibt Landespolizeipfarrerin Thea Ilse per E-Mail an thea.ilse@freenet.de sowie unter Telefon 01 71/ 5 42 34 38