Haldensleben l In Deutschland leben derzeit etwa 2,6 Millionen Kinder unter 18 Jahren in Familien mit mindestens einem suchtkranken Elternteil. Meistens mühen sich Mitglieder der Familien ab, nach außen vermeintlich normal zu wirken – und sind damit auch recht erfolgreich. Doch für die kindliche Entwicklung hat die Sucht der Eltern meist verheerende Folgen, die ein Leben lang bleiben.

„Kinder brauchen eine gleichbleibende Ansprechperson. Wenn ein Familienmitglied suchtabhängig ist, wird es meist unberechenbar“, sagt Wiebke Hoffmann, die als Beraterin in der Drogen- und Suchtberatungsstelle des Partitätischen in Haldensleben tätig ist. Insgesamt 263 Klienten suchten im Jahr 2018 das Gespräch mit ihr auf, etwa 40 Prozent davon haben laut ihrer Schätzung minderjährige Kinder im Haushalt.

Alkohol bleibt die Droge Nummer eins in Deutschland. Viele Abhängige haben einen Job und Kinder und versuchen, trotz Sucht im Leben zu stehen. Doch sie können beidem oft nicht mehr gerecht werden. Sie seien nicht mehr leistungsfähig bei der Arbeit und belasten ihre Familien sehr stark.

„Das führt oft zu Familiengeheimnissen“, sagt Wiebke Hoffmann. Um ihre Eltern zu schützen, schweigen die Kinder in der Kita, Schule oder Hort über die Probleme daheim und übernehmen meist mehr Verantwortung, als sie in ihrem Alter tragen können. Die suchtkranken Eltern sind wegen ihrer Stimmungsschwankungen und des Rausches oft eine Belastung für die Heranwachsenden. Oftmals sei in diesen Familien auch Gewalt im Spiel.

Weiterbildungen für Pädagogen

„Diese Kinder sieht niemand“, sagt Hoffmann. Die betroffenen Kinder benötigen deshalb Hilfe. Für Erzieher und Pädagogen an Kitas und Schulen gibt es regelmäßig Weiterbildungen, um Anzeichen früh zu erkennen. So findet beispielsweise in dieser Woche eine Aktionswoche des Netzwerkes „Nacoa“ statt. Unter dem Motto „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“ finden deutschlandweit Veranstaltungen statt, um Menschen zu sensibilisieren, die professionell mit Kindern arbeiten. Auch in Haldensleben bietet die Drogensuchtberatungsstelle in diesen Tagen eine solche Weiterbildung an.

„Erst einmal ist es wichtig, dem Kind zu vermitteln: Ich bin da“, beschreibt Wiebke Hoffmann. Die Beziehung zwischen der Person und dem Kind ist entscheidend, damit es Vertrauen fasst. Ist das Kind schmutzig, verletzt oder ohne Verpflegung können sich die pädagogischen Kräfte Hilfe suchen.

So gibt es mit der Netzwerkstelle Kinderschutz und Frühe Hilfen ein Angebot des Landkreises. Dort sind drei Mitarbeiterinnen tätig, die Eltern bei der Vermittlung geeigneter Hilfen in der Börde unterstützen. Angesiedelt ist die Netzwerkstelle beim Jugendamt. Pädagogische Fachkräfte können hier ebenfalls bei einer anonymen Fallberatung um Rat fragen. Die Vernetzung vielfältiger Angebot und Ansprechpartner soll erreichen, dass sich Zuständige untereinander kennen, um im Bedarfsfall schnell zu reagieren.

„Gerade für Personen im schulischen Bereich ist es wichtig, das sie frühe Warnsignale der Kinder erkennen“, sagt Wiebke Hoffmann. So würden die Kinder oft Strategien entwickeln, die sich zunächst in einzelnen Verhaltensweisen äußern und sich schließlich in Rollenbildern festigen können.

Frühe Warnsignale bei Kindern erkennen

So gibt es beispielsweise den „Helden“, der äußerlich leistungsfähig wirkt, Aufgaben des suchtkranken Elternteils übernimmt und Berater, Freund und Freundin des nicht trinkenden Elternteils ist. Es gibt den „Sündenbock“, der seiner Umwelt mit sehr viel Feindseligkeit begegnet und zu Trotz, Wut und Aggressivität neigt. Der „Clown“ hingegen zeigt sich übermäßig süß und tut alles, um Lachen oder Aufmerksamkeit zu bekommen. Diese Kinder sind allerdings auch ängstlich und wenig belastbar. Das „verlorene Kind“ hingegen kommt als einsamer Einzelgänger daher, der von außen getroffene Entscheidungen einfach widerstandslos hinnimmt.

Allgemein spielt das Alter laut der Suchtberaterin eine große Rolle. Ein Säugling könne sich nicht wehren, ein Jugendlicher versorgt sich selbst. Kleinkinder werden meist in ihrer Entwicklung gestört, während Jugendliche zur Flasche greifen. Oftmals beziehen Kinder das Verhalten der Eltern auf sich und haben Schuldgefühle. Sie denken: Weil ich nicht lieb bin, muss Mama trinken. Die bedingungslose Liebe von Eltern lernen sie meist nicht kennen. Außerdem unterscheiden sie oft in liebe Mama und trinkende Mama. Sie übernehmen meist mehr Verantwortung, als sie tragen können.

Doch oftmals sind es nicht nur die Defizite in der kindlichen Entwicklung, sondern die Folgen, die ein Leben lang bleiben. „Viele dieser Kinder werden in ihrem späteren Leben an psychischen oder sozialen Störungen leiden“, sagt Wiebke Hoffmann. Etwa ein Drittel wird wie seine Eltern früher oder später ein Abhängigkeitsproblem entwickeln oder sich einen Partner mit Suchtproblem suchen. Auch Essstörungen treten im späteren Leben häufig auf.

Doch nicht nur für die Kinder ist die Situation eine Zumutung, auch die Eltern kämpfen an allen Fronten. „Ein Leben zwischen Job und Kindern ist auch ohne Suchterkrankung anstrengend. Die Probleme häufen sich meist, bis das Kartenhaus zusammenfällt“, so Wiebke Hoffmann. Damit es nicht so weit kommt, ist es entscheidend, dass die Eltern oder Kinder sich Hilfe suchen. Für die Suchtberaterin ist klar: „Diese Kinder sollten nicht allein gelassen werden mit ihren Problemen.“