Berlin/Weferlingen l Ein Wahl-Berliner hat im Flecken Weferlingen zehn Jahre lang das Archiv des Deutschen Esperanto-Bundes versteckt. Er lagerte es in die sachsen-anhaltische Provinz aus, nachdem es bei einem Feuer in der Hauptstadt beschädigt worden war. Im Ort selbst hatte keiner auch nur den Hauch einer Ahnung.

Das Haus ist unauffällig. Zwei Geschosse, spitz zulaufendes Dach – es passt ganz wunderbar in den Ort. Aber es fällt dennoch auf – die Wand zur Straße hin ist vollständig überwuchert mit Rankepflanzen und Rosen. Johann Pachter hat diese Außengestaltung angelegt, vor vielen Jahren schon, erzählt er. 1999 ersteigerte Pachter das Haus bei einer Auktion, die Pflanzen sollten einen Kontrast bilden zum häufigen Grau. Inzwischen dominieren die Rankepflanzen, von den Rosen könne man noch etwas sehen, sagt er. Wenn man genauer hinschaut.

Aber genauer hingucken, das sollte eine ganz lange Zeit möglichst niemand. Denn das Haus barg zwischen 2005 und 2015 einen ganz ungewöhnlichen Schatz. Damit ist nicht der Kinosaal gemeint, an den sich die Alteingesessenen am ehesten erinnern dürften, und auch keine außergewöhnlichen Filmrollen. Im September 2005 passiert in Berlin etwas Unerwartetes, das aus dem Kino in Weferlingen ein Lagerplatz für wichtige Akten machte. Dort brannte plötzlich ein Dach - nicht irgendeines, sondern das auf jenem Esperanto-Haus in Berlin-Lichtenberg, in dem das Archiv des Esperanto-Bundes lagerte.

Als dann im Jahr 2005 das Dach brannte, hatte Pachter angesichts der historischen Vorgeschichte Neonazis im Verdacht. Die Polizei konnte keine Täter ermitteln.

Der heute 69-jährige Archivar zog seine Konsequenzen. Wie er erzählt, transportierte er Briefe und andere vom Löschwasser durchnässten Dokumente erst in eine Scheune in Heimburg (Harz) zum Trocknen. Später brachte er sie nach Weferlingen und ordnete sie wieder – rund 400 Kartons seien das damals gewesen. Immer mal kamen auch Helfer aus Berlin mit. Aber im Dorf erzählte er niemandem, was dort lagerte.

Kleiner Kreis war eingeweiht

Und so blieb im Ort unentdeckt, was sich über Jahre in dem Gebäude verbarg. Nachbarn sahen wohl ab und zu mal fremde Autos davor stehen, ohne jedoch einen Zusammenhang herzustellen. Auch Ortsbürgermeister Dirk Kuthe, der gar nicht so weit weg vom Gebäude zu Hause ist und sein Geschäft betreibt, ist in all der Zeit nichts aufgefallen. Nicht nur für ihn stand das Haus einfach leer.

Selbst Ulrich Wolf, der direkt dort wohnt und immer mal nach dem Rechten sah und für Ordnung sorgte, wusste nichts von einem Archiv. Für ihn war das unscheinbare Gebäude schon aus Kindertagen ein Lichtspieltheater. „Bestuhlung und Vorführgeräte stehen bis heute drin", erzählt er.

Doch die Kinobar, die kurz vor der politischen Wende darin eröffnete, hielt sich nicht lange. Heimatfreund Bernd Hoffmann vom Bürgerverein Weferlingen erinnert sich an einen einzigen Kinobesuch aus dieser Zeit.

Es blieb ein echtes Geheimnis, über das nur Johann Pachter viel erzählen kann. Beim Esperanto-Verein in Berlin war die rund zehn Jahre dauernde Auslagerung des Archives nach Weferlingen immerhin Gesprächsthema. Esperanto-Freunde, die die Volksstimme auf Pachters Vermittlung anschrieb, hatten in vielen Erzählungen davon gehört, waren aber nie dort. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Archivs bestätigte kurz per Mail, dass Sie mehrmals in Weferlingen gewesen sei und geholfen habe.

Pachter erinnert sich: Vieles, was im Kino lag, war Korrespondenz mit Behörden (in deutsch) und mit Esperanto-Freunden in der ganzen Welt (in Esperanto). Aber auch Briefe aus den 1930er Jahren, in denen die Nazis die Esperanto-Vereinigungen auffordern, jüdische Mitglieder zu benennen, seien darunter gewesen. Als großer Schatz gelten ebenso Glasnegative vom Esperanto-Weltkongress 1951 in München. Die Kunst sei damals gewesen, die rund 2000 Teilnehmer auf ein Foto zu bekommen – ohne, dass die Polizei in der Nachkriegszeit mitbekommt, dass dies auf dem Hügel des bayerischen Landtages passieren soll.

Unterlagen liegen jetzt in Koblenz

Gekauft hatte Johann Pachter das Haus in Weferlingen mit einem ganz anderen Ziel. Nicht weit von der niedersächsischen Grenze gelegen, wollte er das frühere Kino wieder als kulturellen Platz für den Ort und die Umgebung beleben. Auch Filme sollten zu sehen sein. Aber die Pläne zerschlugen sich. So stand das Haus einfach da, die Kletterpflanzen wuchsen. Und dann - dann wurde es vor nunmehr 15 Jahren plötzlich wieder gebraucht.

Viele der Unterlagen sind inzwischen im Bundesarchiv in Koblenz gelandet. Die Glasnegative sind jetzt bei der Bayrischen Staatsbibliothek und im Wiener Esperanto-Museum, so Pachter. Im September 2019 hat der Archivar das ehemalige Kino in Weferlingen wieder versteigern lassen. Das Mindestgebot lag bei 1000 Euro, verkauft wurde es im September für 6000 Euro. Johann Pachter war zufrieden. „Es hat seinen Zweck erfüllt", sagt er.