Haldensleben l „Es ist für uns kaum zu schaffen. Wir sind teils allein für 46 Patienten zuständig“, sagt Ameos-Pflegekraft Mario M. (Name von der Redaktion geändert). Seit den unbefristeten Streiks der Mitarbeiter, die am Montag begonnen haben, wird eine Notversorgung aufrecht erhalten. Die Klinik ist damit so besetzt wie an Sonn- und Feiertagen. Mario M. berichtet von seiner Spätschicht.

13.30 Uhr

Schichtbeginn auf der Station, Bereich Somatik. Die diensthabende Krankenschwester übernimmt die Patienten – 36 sind es an der Zahl. Zur Seite steht ihr der Krankenpfleger Mario M. Fast die Hälfte der Patienten, die sie heute gemeinsam betreuen, ist intensiv pflegebedürftig, ein Teil davon wird als geistig eingeschränkt eingestuft.

14 Uhr

Eine Notfall-Patientin muss aufgenommen werden. Das bedeutet für die diensthabenden Kräfte, dass alle Daten der Patientin, die bereits in der Notaufnahme aufgenommen wurden, in das digitale System übernommen werden müssen. Schreibarbeit am Computer also. Eine Krankenakte wird für die Patienten angelegt, sie wird einem Zimmer zugewiesen. Die Mitarbeiter melden die Patientin für weitere vom Arzt angeordnete Behandlungen wie Röntgenaufnahmen an. Die Patienten in ihrer Obhut erhöhen sich auf 37.

Notversorgung heißt: Die Patienten werden versorgt, nicht dringliche Fälle werden jedoch abgewiesen, geplante Operationen verschoben. Die Gewerkschaft Verdi hat eine Notdienstvereinbarung umgesetzt, die Geschäftsführung von Ameos hatte sich dagegen gewehrt. Die Mitarbeiter sorgen eigenverantwortlich für den Ablauf in der medizinischen Einrichtung.

14.30 Uhr

Ein weiterer Notfall-Patient muss aufgenommen werden. Um 38 Menschen kümmern sich die zwei medizinischen Angestellten nun. Ein anderer Patient betätigt die Klingel an seinem Bett. Wenn dies passiert, muss unverzüglich, das heißt ohne schuldhaftes Verzögern, nach dem Patienten geschaut werden. Es muss also alles stehen- und liegengelassen werden. Mario M. geht den langen Gang entlang zum Patienten. Vor Ort angekommen, weiß der Patient aufgrund seiner geistigen Eingeschränktheit nicht mehr, weshalb er die Klingel betätigt hat.

Notversorgung heißt auch, dass Notfälle wie beispielsweise ein Herzinfarkt behandelt werden. Alle Notfälle werden versorgt. Wer jedoch mit einem gestauchten Fuß in die Notaufnahme kommt, wird medikamentiert und wieder nach Hause geschickt. Notversorgung heißt aber auch: Die Patienten werden nicht mehr gewaschen. Es handelt sich dabei um keine lebensnotwendige Maßnahme. Die Patienten werden im Vorfeld des Streiks darüber informiert.

15 Uhr

Der Spätdienst geht durch die einzelnen Zimmer der Station und verabreicht den Patienten die jeweils vom Arzt angeordnete Medikation. 13 Minuten haben die Mitarbeiter über den Tag verteilt theoretisch für jeden Patienten Zeit. „Bereits zwei Stunden nach Dienstantritt sind diese Angaben weit überschritten“, sagt Mario M. Eine qualitative Versorgung sei so nur schwer möglich.

Die Gewerkschaft Verdi ist laut eigenen Angaben auf einen Streik von bis zu 15 Wochen vorbereitet. Doch die Mitarbeiter in Haldensleben ächzen jetzt schon unter der Belastung. In dem unbefristeten Streik fordern die Mitarbeiter höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Bisher hat sich der Arbeitgeber Ameos noch nicht für Verhandlungen mit den Gewerkschaften bereit erklärt.

15.35 Uhr

Ein Patient betätigt den Klingelknopf. Mario M. eilt zu seinem Zimmer. Der Patient erfragt, was es zum Abendessen gibt. Ein weiterer Patient klingelt den Pfleger heran. Dieser hat einen Druckverband am Bein und kann nicht laufen. Er bittet Mario M. um eine Flasche Wasser. Dieser läuft zur Küche und zurück.

16 Uhr

Der Pfleger muss einen Patienten auf die Toilette begleiten, da er dies nicht allein bewältigen kann. Anschließend säubert der Pfleger ihn und bringt ihn wieder ins Bett. Der Schrittzähler des Pflegers zeigt bereits jetzt 16.000 Schritte an. „Das Schlimmste daran ist ja, dass wir nicht nur in der Notversorgung so schlecht besetzt sind, sondern oftmals auch im normalen Dienst“, sagt Mario M.

Laut Bernd Becker von der Gewerkschaft Verdi ging in den ersten Tagen der Notversorgung „alles etwas durcheinander“. So seien die Kontaktdaten der Gewerkschaft für den Notfall in den Häusern teilweise nicht verteilt worden. Trotz des Konflikt gebe es in allen Häusern Regelungen, um Gefahren von Leib und Leben abzuwenden. Er habe den neuen Regionalgeschäftsführer Frank-Ulrich Wiener am Dienstag angeschrieben und ihn erneut gebeten, eine gemeinsame Notdienstvereinbarung abzuschließen.

17 Uhr

Ein weiterer Notfallpatient muss mitsamt Daten aufgenommen werden. Gleichzeitig betätigt ein Patient aus einem isolierten Zimmer die Klingel. Wegen multiresistenter Keime muss sich der Pfleger vor Betreten des Zimmers eine Schutzkleidung überziehen. „Dabei geht so viel Zeit verloren, die uns an anderer Stelle fehlt“, sagt Mario M. Die Patientenzahl erhöht sich auf 39.

18 Uhr

Die Krankenschwester und der Pfleger gehen durch alle Zimmer der Station, um die Abendmedikation zu verabreichen.

Sollte sich die Ameos-Geschäftsführung für Verhandlungen mit Verdi offen zeigen, können die Arbeitskämpfe „zu jeder Zeit unterbrochen werden“, sagt Bernd Becker. Bisher habe es jedoch keine Antwort gegeben. Für die Mitarbeiter in den Kliniken bleibt die Notversorgung damit tagsüber bestehen – vorerst bis Ende Februar, wie Verdi mitteilt.

21 Uhr

Die intravenösen Patienten werden mit ihren Medikamenten versorgt. Der Krankenpfleger findet beim Rundgang einen Patienten, der trotz Aufstehverbot mit Infusionsständer losgelaufen und hingefallen ist. Er versorgt ihn.

22 Uhr

Dienstübergabe. Mario M. ist am Rande seiner Kräfte. „Es ist uns nicht möglich, uns um alle Patienten ausreichend zu kümmern“, sagt er. So ein Tagesfazit mache betroffen. Er sei immerhin Pfleger geworden, um Menschen zu helfen. Nach manchen Arbeitstagen habe er nicht das Gefühl.