Wedringen l Vor rund 6500 Jahren sah es bei Wedringen anders aus, als heute. „Die größte Veränderung hat sicherlich der Mittellandkanal mit sich gebracht“, sagt Dr. Susanne Friederich, Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Gemeinsam mit Grabungsleiterin Judith Blödorn habe sich die Fachfrau schon öfter Gedanken darüber gemacht, wie es wohl vor Einschnitten wie diesem in der Gegend ausgesehen haben könnte. Denn auch das Einordnen und eine gewisse Vorstellungskraft sind Aufgaben, die die Archäologen erfüllen, die derzeit nahe Wedringen zugange sind.

Über 50.000 Funde bisher

Im Zuge des Neubaus der Ortsumfahrung der B 71 bei Wedringen führt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie dort seit April 2018 flächendeckende archäologische Grabungen durch. Bisher erstrecken sich diese über 19 verschiedene Fundstellen und umfassen insgesamt 16 Hektar. Weit über 8000 Strukturen und mehr als 50.000 Funde hat das 50-köpfige Grabungsteam auf der 4,5 Kilometer langen Straßentrasse bereits freigelegt und dokumentiert.

Bevor westlich von Wedringen, im Bereich der Brücke über den Mittellandkanal, die Straße weiter gebaut wird, finden nun die letzten Geländearbeiten der Archäologen statt. Dort wurde vor etwa 6500 Jahren ein Bestattungsplatz angelegt, der ganz klar zur sogenannten Rössener Kultur zählt. Diese Kultur war im ausklingenden Altneolithikum aktiv, zirka 6600 bis 6450 Jahre vor der heutigen Zeit. Die Rössener Kultur ist nach einem in den 1870er Jahren entdeckten Gräberfeld im heutigen Leunaer Ortsteil Rössen benannt – war also durchaus im Bereich des heutigen Sachsen-Anhalts angesiedelt.

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Die Menschen dieser Kultur lebten innerhalb kleiner, weiler- oder dorfartiger Siedlungen in bis zu 30 Meter langen Gebäuden. Ihre Siedlungs- und Bestattungsplätze lagen vor allem in ertragreichen Löss-Gebieten der Region. Umso mehr überrasche der neu entdeckte Fundplatz bei Wedringen, wie Susanne Friederich und Judith Blödorn berichten. Weniger die Bodenqualität als vielmehr die Gewässernähe zu Beber und Ohre dürften damals den Ausschlag für die Platzwahl gegeben haben.

Gräber geben Rätsel auf

Der Fund der Gräber lässt die Augen der Archäologinnen leuchten. „Das ist schon etwas ganz Besonderes“, ordnet Judith Blödorn die Entdeckung ein. So sehr sich die Fachleute aber freuen, so viele Rätsel geben die Gräber ihnen auch auf. Die gilt es nun, zu lösen.

Eine Frage, die sich die Archäologen beispielsweise stellen: War die Lage am Rande der damals eigentlich genutzten Besiedlungszone Grund für die ungewöhnliche Bestattungsweise? Denn statt die Toten, wie üblich in der Rössener Kultur, als unversehrte Körper niederzulegen, wurden die Leichname verbrannt. Auf der insgesamt knapp 1,25 Hektar großen erfassten Fläche wurden 25 Befunde erkannt. Die Grabgruben entsprechen zwar in ihrer Größe denen für Körperbestattungen, enthalten aber anstelle eines kompletten Skeletts nur Leichenbrandsplitter. In den Gräbern befanden sich zudem durch Hitzeeinwirkung zersprungene Steinäxte. Sie zeugen davon, dass die Toten zusammen mit persönlichen Beigaben verbrannt worden waren.

Untypisch: Leichname wurden verbrannt

Am Rand der Grabgruben stellte man, wie bei einer Körperbestattung, die Gefäße nieder. Wie Dr. Susanne Friederich erklärte, seien flächendeckend verzierte Keramikgefäße charakteristisch für die Rössener Kultur. Mit Vogelknochen seien die Ornamente zur damaligen Zeit in den Ton gedrückt worden. Neben den Gefäßen gehören Geräte aus Felsgestein zu typischen materiellen Hinterlassenschaften der Kultur. Für diese Zeit war typisch, Steinbeile mithilfe von Haselnussruten und Schleifsand zu durchlochen – hier liegt die Geburtsstunde der Axt.

Die in den Gräbern gefundenen Gefäße treiben den Archäologen die nächsten Fragezeichen ins Gesicht. Einige von ihnen stehen wortwörtlich auf dem Kopf, sehen aus, wie achtlos auf den Boden geworfen. Sind sie Relikte einer speziellen Bestattungszeremonie? Fanden im Zusammenhang mit dem Begräbnis möglicherweise Reden und Umtrünke statt? Ob man den Verstorbenen in den Gefäßen Speisen mit auf den Weg ins Jenseits gab, müssen die Fachleute außerdem klären.

Weitere Untersuchungen geplant

Wie Dr. Susanne Friederichs erläutert, können Fragen wie diese im Zuge weiterer Untersuchungen beantwortet werden, beispielsweise durch die Begutachtung der organischen Reste in den Tongefäßen. Schon jetzt werde deutlich, dass mit dem Fundplatz in Wedringen erstmalig ein ganz neuer Aspekt der Rössener Kultur erfasst wurde. Nachweise der Kultur gibt es vom Rhein bis nach Böhmen. Während der Hausbau im gesamten Gebiet uniform ist, dürfte es an der nördlichen Randzone zu Eigenständigkeiten im Grabbau gekommen sein.

Wedringen ist dafür ein einmaliges Zeitzeugnis.