Der archäologische Kulturenbegriff

Der in der Archäologie verwendete Kulturenbegriff unterscheidet sich ein wenig von dem in der Alltagssprache verwendeten Ausdruck. Während letzterer Menschen in Gruppen zusammenfasst, die gleiche beziehungsweise ähnliche Vorstellungen in diversen Lebensbereichen haben, ist diese Einteilung in der Frühzeit nicht ohne Weiteres möglich. Da die Menschen dieser Zeit keine Schrift kannten, konnten sie ihre Lebenswelt für künftige Gnerationen nicht festhalten.Archäologische Funde schaffen Abhilfe. Damit lässt sich das Leben der Menschen zum Teil rekonstruieren. Ähnliche Funde deuten dabei auf eine ähnliche Lebenswelt hin, wodurch die Menschen auch bei auseinanderliegenden Fundstellen in gemeinsame Gruppen eingeteilt werden können. Diese Kulturen werden häufig nach den Funden benannt, ein Großteil – wie die Linearbandkultur – beispielsweise nach den Verzierungstechniken, die sie für ihre Keramiken verwendet haben.Auch über die Glaubenswelt der unterschiedlichen Kulturen können anhand der Funde Aussagen getroffen werden. Judith Blödorn nennt ein Beispiel: In Sachsen-Anhalt exisitierten zeitgleich die Schnurkeramische Kultur und die Schönfelder Kultur. Während erstere ihre Toten bestattet haben, wurden sie bei letzteren verbrannt. Dies deute auf unterschiedliche Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod hin. (ma)

Vahldorf/Wedringen l Der Bau der Umgehungsstraße B71n gestaltet sich für Archäologen als wahrer Glücksgriff. Nachdem bereits westlich von Wedringen interessante Funde aus der Bronze- und Eisenzeit gemacht wurden, stoßen die Archäologen auch zwischen Vahldorf und Wedringen auf eine Vielzahl von Objekten. Diese sind sogar noch um einiges älter und werden auf die Jungsteinzeit, etwa 5300 vor Christus, datiert.

Bereits im August dieses Jahres wurde eine besondere Entdeckung gemacht: die Archäologen haben dort die älteste, nördlichste Ackerbausiedlung gefunden (Volksstimme berichtete). Sie stammt von den Menschen der sogenannten Linearbandkeramischen Kultur, die die Landwirtschaft aus dem Nahen Osten nach Europa brachten. „Dabei verdrängten sie die hiesigen Jäger und Sammler immer weiter nach Norden“, sagt Susanne Friederich, Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle. Diese „Verteibung“ führte nach neuestem Forschungsstand also mindestens bis in die Börde.

Pfeilspitze mit Kerben gefunden

Komplett aufs Jagen verzichtet haben aber auch die ersten Ackerbauern nicht, wie der Fund einer Pfeilspitze beweist. „Obwohl sie Ackerbau betrieben und mit Schafen, Ziegen, Kühen und Schweinen bereits die meisten heutigen Nutztiere domestiziert hatten, hatte die Jagd noch einen hohen Stellenwert“, sagt Judith Blödorn.

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Die Grabungsleiterin wühlt eine Pfeilspitze aus einem Druckverschlussbeutel und fährt mit den Fingern über den gezahnten Rand. „Diese Auskerbungen wurden extra herausgeschlagen, damit die erlegten Tiere aufgrund des höheren Blutverlusts schneller sterben“, erklärt sie.

Immer deutlicher wird, dass diese Menschen nicht nur die Landwirtschaft und Jagd beherrschten, sondern auch große Kenntnisse in vielen Handwerksbereichen besaßen. So etwa auf dem Gebiet der Hausbaus. Judith Blödorn spricht sogar von „formvollendeter Zimmermannstechnik“.

Häuser "wanderten"

Die Leipzigerin zeigt stolz die Klinge eines Steinbeils vor. Ebenso wie die Pfeilspitze war auch diese mit Baumharz, dem „Kleber der Steinzeit“, wie sie es bezeichnet, am Schaft fixiert. Allein mithilfe solcher Steinbeile – Metallverarbeitung war zu dieser Zeit noch nicht bekannt – haben die Menschen der Jungsteinzeit Bäume geschlagen und mit dem Holz 30 bis 40 Meter lange und 7 bis 8 Meter breite Wohnstallhäuser errichtet, auf die diverse Pfostenlöcher im Boden hinweisen.

Wie es der Name andeutet, haben darin nicht nur ganze Familienverbände, sondern auch deren Tiere gelebt. Die Wände bestanden aus Flechtwerk und waren mit Lehm verdichtet. Judith Blödorn bezeichnet die Bauweise deshalb als „erstes Fachwerk“. Laut der Archäologin waren die Gebäude wahrscheinlich sogar zweistöckig und deren Wände bemalt.

Lange Bestand hatten die Wohnhäuser jedoch nicht. Da sie ausschließlich aus Holz und anderen relativ schnell verfallenden Naturmaterialien gebaut wurden, überdauerten sie in der Regel wohl nur eine Generation. Waren sie nicht mehr bewohnbar, wurde einige Meter weiter ein neues Langhaus errichtet. Die Siedlungen seien also im Laufe der Zeit „ein wenig gewandert.“

Ein Spinnrad zum Mitnehmen

Beim Siedlungsbau achteten die Linear- bandkeramiker penibel auf den Boden. „Die Gebäude standen auf Ton- und Lehmböden“, sagt Judith Blödorn. Einige Meter weiter beginnt Sandboden, doch auch dies war „kein Niemandsland“, wie die Archäologin weiter ausführt. Hier wurden Brunnen und andere Wasserstellen sowie Abfallgruben entdeckt. Im Gegensatz zu Gräbern, bei denen die Archäologen von einer „positiven Auswahl“ sprechen, da den Verstorbenen nur „gute Dinge“ mit ins Jenseits gegeben wurden, handelt es sich bei den Hinterlassenschaften in den Gruben um eine „negative Auswahl“, da darin entsorgt wurde, was nicht mehr gebraucht wurde.

Interessant sind aber auch diese Dinge allemal. Aus einem weiteren Druckverschlussbeutel zieht Judith Blödorn ein radförmiges Objekt aus Stein. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Spinnwirtel; ein „Spinnrad to go“, wie es Judith Blödorn scherzhaft ausdrückt. Solche Gerätschaften zum Verspinnen von Fasern werden teilweise heute noch in manchen Regionen der Erde genutzt. Damit konnten bereits die Menschen der Jungsteinzeit relativ hochwertige Stoffe aus Lein und Schafswolle herstellen.

All diese Werkzeuge zeugen von „großem technischem Know-How“, so Judith Blödorn. Sie ist sich sicher: Die damaligen Menschen waren bereits ähnlich intelligent wie wir. Aus den Stoffen, die ihnen zur Verfügung standen, haben sie das Beste rausgeholt, um sich ein möglichst angenehmes Leben zu gestalten.