Hundisburg l Bahn für Bahn schiebt Martin Schuart einen Wagen über das Feld. Dabei hat der Student der Ur- und Frühgeschichte eine Menge vor: Die Forscher untersuchen ein Areal mit einer Größe zwischen 8.000 und 10.000 Quadratmetern.

An dem Wagen sind vier sogenannte Förster-Sonden befestigt. Mit ihrer Hilfe können die Experten von der Uni Kiel in den Boden hinein „blicken“ - und damit in die Vergangenheit des Ortes Nordhusen. Bisher ist über ihn nicht viel bekannt: Er wurde 1218 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und im 15. Jahrhundert aufgegeben. Aber vermutlich besaß Nordhusen einige Bedeutung. Dafür sprechen laut Haldenslebens ehemaligem Museumsleiter Ulrich Hauer unter anderem die Größe und die Beschaffenheit des Kirchturms. Dessen Ruine ist das letzte weithin sichtbare Zeichen Nordhusens.

„Wer eine Kirche in dieser Größe baut, hat durchaus einen gewissen Einfluss. Auch die Größe des Ortes selbst dürfte beeindruckend gewesen sein“, bestätigt Dr. Christoph Rinne vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Kiel.

Am Montag ist er mit zwei Studenten im benachbarten Hundisburg eingetroffen. Am Dienstagnachmittag begann die eigentliche Untersuchung. Sie soll bis heute fortdauern. Für Dr. Rinne ist die Börde kein unbekanntes Gebiet. Unter anderem forschte er bereits an der Burg Wichmannsdorf und an einem Hünengrab auf dem Küsterberg. „Die Landschaft ist historisch hoch interessant“, erklärt der Archäologe. „Von der Steinzeit bis zur Neuzeit: Auf wenigen Quadratkilometern können wir hier etwas aus jeder Epoche präsentieren.“

2009 widmete sich Dr. Christoph Rinne zum ersten Mal der Erforschung Nordhusens. Zunächst ging es um die Kirche selbst. Später auch um den Ort. Bisher wurde unter anderem ein Graben entdeckt, der den Ort umgab. Doch das eigentliche Zentrum der untergegangen Siedlung ist bislang ein weißer Fleck. Das ändert sich gerade.

Grubenhäuser

„Die Sonden messen das bodennahe Erdmagnetfeld“, erklärt Rinne. Damit können die Forscher verschiedene Dinge aufspüren. Neben Eisen geht es vor allem um Ziegel, Keramik und Pfostenlöcher. Letztere geben einen Hinweis darauf, wo früher Bauwerke standen. Auf den Aufnahmen aus der Vergangenheit finden sich einige Hinweise auf sogenannte Grubenhäuser. Sie dienten als Wirtschaftsgebäude und waren ein Stück weit in die Erde hinein gebaut. Boden und Wände waren möglicherweise mit Grauwacke befestigt - eine Gesteinsart, welche die Sonden ebenfalls registrieren.

Bei der aktuellen Untersuchen geht es laut Dr. Christoph Rinne vor allem um drei Fragen: Wo lag die Siedlung im Verhältnis zur Kirche? Hier gebe es bereits einige Anhaltspunkte. Wie groß war Nordhusen? Wie sah die Struktur des Ortes aus? „Wenn man Genaueres wissen will, muss man graben“, hält der Archäologe fest. Das sei vorerst aber nicht geplant.

Ein Detail am Rande: Die Förster-Sonden sind nach ihrem Erfinder Professor Friedrich Förster benannt. Er wurde in Hundisburg geboren und ist auch der Namenspatron des Haldensleber Gymnasiums.

Wie Ulrich Hauer bereits in den Jahresschriften des Museums festhielt, ist das Schicksal Nordhusens symptomatisch für die Region: „Am Ende des 12. Jahrhunderts war die Region zwischen Ohre und Aller wahrlich eine blühende Landschaft. Zunehmende Bevölkerungszahlen und wirtschaftliches Wohlergehen gingen einher mit der Kultivierung bislang öder Ländereien und der Gründung zahlreicher neuer Siedlung.“ Doch diese Blütezeit war nicht von Dauer: „Im 14. Jahrhundert kam es zum Verfall der Preise für Agrarprodukte und Klimaveränderungen führten wiederholt zu Missernten. Letztlich dezimierten Pestepidemien die Bevölkerungszahl in erschreckenden Maße und das um sich greifende Raubrittertum trug ein Übriges zur Verbreitung von Unsicherheit und Chaos bei“, so Ulrich Hauer. „Über 60 Prozent der Dörfer zwischen Ohre und Aller wurden bis Ende des 15. Jahrhunderts von ihren Bewohnern verlassen und fielen wüst.“