Haldensleben l Ein Großteil der Siedlung Niendorf aus dem 12. und 13. Jahrhundert ist bereits bei einer archäologischen Grabung im Jahr 2010 erfasst worden. Nun waren ganz in der Nähe wieder Archäologen tätig, auf dem Gelände der Firma Hövelmann.

„Wir legen hier die Randbereiche der Wüstung Niendorf frei“, sagte Grabungsleiterin Johanna Kutowsky. Das Areal grenzte an den nicht mehr erhaltenen Wall an, der das 35 Hektar große Dorf ursprünglich umfasst hatte.

In diesem Bereich seien in mittelalterlichen Dörfern vor allem feuergefährliche oder unangenehme Arbeiten untergebracht gewesen, die man im Siedlungszentrum nicht haben wollte, erklärte Johanna Kutowsky. „Wir haben in manchen Gruben sehr viel Schlacke gefunden. Das deutet auf Metallverarbeitung hin.“

Bronzenadel und Knochenwürfel

Neben Keramik und Knochen, die vor allem in Abfallgruben gefunden wurden, gehörten auch ein Spinnwirtel, ein Knochenwürfel, eine Bronzenadel und verschiedene Schnallenteile zu den Fundstücken.

Die beiden Höhepunkte waren aber mit Abstand eine kleine Fischfigur aus Zinn und ein Kamm, welche in einem Kastenbrunnen entdeckt wurden. Da der Brunnen durch Sauerstoffabschluss recht gut erhalten sei, könne das Holz durch eine dendrochronologische Untersuchung gut datiert werden, meinte Johanna Kutowsky. Durch die zeitliche Einordnung wiederum werde man Rückschlüsse auf das Alter von Kamm und Fisch ziehen können.

Bislang wird noch gerätselt, welche Funktion der Fisch gehabt haben könnte. „Das muss natürlich noch ausgewertet werden, aber möglicherweise handelt es sich einen Talisman oder ein religiöses Zeichen“, vermutete Johanna Kutowsky.

Fische seien zwar in der heutigen Zeit als christliches Zeichen sehr bekannt, im Mittelalter wäre dies aber noch nicht der Fall gewesen. „Daher ist der Fund schon ungewöhnlich“, so Johanna Kutowsky, die bereits seit zwei Jahren als Grabungsleiterin für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle tätig ist.

Bei den Grabungsarbeiten vor acht Jahren war auf dem Gelände von Hermes bereits ein Löffel mit Fischdarstellung gefunden worden.

Englische Studenten helfen mit

Am 20. August sollen die Grabungsarbeiten abgeschlossen sein. Angesichts der kurzen verbleibenden Zeit war Johanna Kutowsky froh, dass sechs Archäologiestudenten aus England fleißig mit anpackten. Sie waren durch das europäische Förderprogramm Erasmus nach Haldensleben gekommen.

„Das ist wirklich gut, weil ich dringend Leute gebraucht habe. Wir haben hier viel zu tun“, sagte Johanna Kutowsky.

Trotz der momentan vorherrschenden Hitze und der anstrengenden Arbeit, ist der Reiz groß, einen ungewöhnlichen Fund, wie den Zinn-Fisch, zu machen. Das fand auch Sissy Dukat, die als Grabungshelferin seit zwei Wochen dabei ist. „Ich habe hier schon viel gelernt. Graben, Vermessen, Fotografieren und Zeichnen - die Arbeit ist sehr vielfältig“, resümierte sie.