Haldensleben l „Vor etwa einem Jahr kam Frau von Bülow zu uns und wollte dem Archiv die Unterlagen der Familie Kühne schenken“, berichtet Einrichtungsleiterin Sandra Luthe. Damit ist Ginny G. von Bülow gemeint, eine Nachfahrin der Familie Kühne. Bei dem Treffen sei zur Sprache gekommen, dass das Kühnesche Haus  im Jahr 2017 seinen 425. Geburtstag feiert.

Aus diesem Anlass fiel die Entscheidung, ausgewählte Dokumente rund um die Geschichte des Hauses der Öffentlichkeit zu präsentieren. Im Eingangsbereich des Archivs finden sich unter anderem historische Fotos, Grundrisse, Zeitungsartikel und Anzeigen. Sie werden in verschiedenen Vitrinen und Schaukästen präsentiert.

Von einer Ruine zum Schmuckstück

Das reich verzierte Fachwerkhaus wurde 1592 von einem Herrn „Lammspring“ errichtet. Der Vorname ist unbekannt. Im Laufe der Jahrhunderte zählten unter anderem Ratsmänner und Bürgermeister zu den Besitzern.

1780 ging das Haus an die Familie Zersch über. Von dieser wiederum „erwarb der kunstsinnige Juwelier Clemens Kühne 1875 das unter Putz liegende, runtergekommene Haus und bewahrte es vor dem Verfall“, heißt es in den Unterlagen zur Ausstellung. „Er ließ das Haus komplett sanieren und gab ihm das Gesicht des ursprünglichen Fachwerkhauses zurück - ein bauhandwerkliches Kleinod aus dem 16. Jahrhundert. Ihm zu Ehren heißt das Haus seither Kühnesches Haus.“

Feuerbrunst überstanden

Zu den Gästen der Eröffnung zählte auch Haldenslebens stellvertretende Bürgermeisterin Sabine Wendler. Sie erklärte: „Das Kühnesche Haus birgt 425 Jahre Haldensleber Stadtgeschichte in sich. Wenn seine Wände sprechen könnten, hätten sie uns sicher viel zu erzählen.“ Nicht zuletzt habe das Haus den Dreißigjährigen Krieg überstanden und die Feuerbrunst im Jahr 1661.

„Seit 2006 ist die Wohnungsbaugesellschaft Haldensleben Eigentümerin dieses historischen Schatzes. Bereits 85.000 Euro hat die Gesellschaft in das Gebäude investiert, und auch für 2018 sind Arbeiten an der Fassade zur Hagenstraße geplant“, so die stellvertretende Bürgermeisterin weiter. „Sie können somit sicher sein, dass für das Kühnesche auch in Zukunft gut gesorgt sein wird.“

Die Wiege im Kühneschen Haus

Darüber hinaus bedankte sich Sabine Wendler bei Ginny G. von Bülow, dass sie durch die von ihr übergebenen Unterlagen die Ausstellung und damit einen Einblick in die Geschichte des Hauses ermöglicht habe. Die Angesprochene nahm die Besucher anschließend mit auf eine Reise in die Vergangenheit: „Clemens Kühne war mein Urgroßvater. Meine Wiege stand im Kühneschen Haus“, berichtete von Bülow.

Später sei sie mit ihrer Familie in die Wachterschen Häuser in der Schulstraße gezogen. Trotzdem sei sie bis 1946 fast täglich in dem Kühneschen Haus gewesen. Dort besuchte sie die Werkstatt ihres Großvaters Franz Kühne, der das Unternehmen übernommen hatte. „Es war eine richtige Alchemistenküche“, berichtete Ginny G. von Bülow.

Konkurs und Verkauf

Ihre Schwester Eleonore Wachter begann beim Großvater eine Goldschmiedelehre und führte die Werkstatt nach dessen Tod im Jahr 1946 fort. Allerdings ging sie 1951 in den Westen. Die Werkstatt wurde aufgelöst. Das Kühnesche Haus war bereits 1933 infolge eines Konkurses an Theo Zabel übergegangen. Dieser wurde 1951 enteignet. 1993 erhielt dessen Sohn Dierk Zabel das Haus durch Restitution zurück. Er verkaufte später an die Wobau.