Haldensleben l Wenn es zum Kreativzirkel im Mehrgenerationenhaus EHFA geht, rattert Gisela Wittig mit ihrem Rollator los. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die kleinteilige Pflasterung der Hagenstraße rüttelt nicht nur die Gehhilfe, sondern auch die Seniorin ordentlich durch. Von den Tücken der Haldensleber Innenstadt, die eigentlich als weitestgehend barrierefrei gilt, kann sie ein Lied singen.

Immer dienstags nimmt die 85-Jährige den Weg vom Klinggraben bis ins Mehrgenerationenhaus EHFA auf sich, um gemeinsam mit den Mädels des Kreativzirkels zu stricken, häkeln und quasseln. „Mit dem Rollator bin ich eigentlich gut zu Fuß. Doch an einigen Stellen in der Innenstadt muss ich sehr aufpassen“, sagt sie.

Plattenbänder verlegt

Das Pflaster, wie es heute in der Hagenstraße vorzufinden ist, wurde im Zuge der Stadtsanierung 1994 verlegt. „Dabei hält sich die Bepflasterung an das historische Vorbild der Innenstadt“, sagt Bauamtsleiter Holger Waldmann. Als „Kompromiss“ wurden sogenannte Plattenbänder zu beiden Seiten der Hagenstraße angebracht, die das Befahren mit Gehhilfen, Rollstühlen oder Kinderwagen erleichtern sollen.

Genau auf diesen Platten läuft Gisela Wittig meist. „Hier ist es angenehm“, sagt sie. Doch muss sie aufgrund von Hindernissen ausweichen, bleibt ihr nur noch die Huckelpiste. Das nimmt die Seniorin in Kauf. Die schwierigste Stelle ist für sie an der Ecke zur Ritterstraße, wo der Drogeriemarkt Rossmann zu finden ist. Dort stellen einzelne Steinreihen, die aus dem Pflaster herausragen, ein Hindernis dar. „Ich bin hier zwei Mal fast gestürzt. Ich kann den Rollator dann kaum noch halten“, sagt sie und fährt auf die kleine Erhebung zu. Prompt verhaken sich die Rollen in dem Pflaster, die Gehhilfe hebt fast ab, während Gisela Wittig versucht, diese über das kleine Hindernis im Boden zu manövrieren.

Hagenstraße ist ebenerdig

Dabei spricht Holger Waldmann davon, dass es in der Hagenstraße „gar keine Borde“ gibt und die Hagenstraße „ebenerdig“ sei. Doch ist sie auch barrierefrei? Der Duden definiert das Wort als „keine Barrieren, Hindernisse oder Ähnliches aufweisend und demzufolge auch von Menschen mit Behinderung ohne Erschwernis oder fremde Hilfe nutzbar“. Doch für Seniorin Gisela Wittig beispielsweise ist der Weg nicht ohne weiteres zu meistern.

Die Stadtverwaltung habe ab und zu einen Hinweis von Menschen mit Gehbehinderung erhalten, so Waldmann. Denn die Geschäfte sind größtenteils nicht barrierefrei zugänglich. Manchmal ist es ein kleiner Vorsprung, manchmal eine Treppe, mitunter sogar mehrere Stufen, die es zu überwinden gilt. „Wir haben in der Innenstadt einen hohen Grundwasserstand und viele Gebäude mit Hochkellern. An diesen Stellen ist es nicht so einfach, Rampen als Gehhilfen anzubringen“, erklärt Holger Waldmann die Schwierigkeit. Gisela Wittig berichtet jedoch, dass die Mitarbeiter der Geschäfte sehr hilfsbereit sind .

„Mir würde es schon reichen, wenn einige Steine wieder richtig ins Pflaster geklopft werden“, sagt Seniorin Gisela Wittig. Eine Passantin, die ihre Oma im Rollstuhl durch die Innenstadt manövriert, gibt ihr Recht. „Es gibt kaum Möglichkeiten, Rollstuhlfahrer hier vernünftig durch die Innenstadt zu fahren. Meine Oma ist mir einmal fast aus dem Rollstuhl gefallen“, sagt die Enkelin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie fahre inzwischen in Kurven durch die Innenstadt, um die tückischen Stellen zu umgehen.

Anforderungen ändern sich

Die Stadtverwaltung wird noch in diesem Jahr die Hagenstraße mit neuen Möbeln ausstatten, doch die Barrierefreiheit steht dabei nicht auf dem Plan. „Es gibt keine Vorgaben, wie eine Innenstadt gestaltet werden soll. Das richtet sich nach dem Bedarf und ästhetischen Gesichtspunkten“, sagt der Bauamtsleiter. Er habe in den vergangenen Jahren jedoch bemerkt, dass die Anforderungen an den öffentlichen Raum sich ändern.

Gisela Wittig hat sich bis zur Kreuzung Gerikestraße/Hagenstraße gekämpft. Nun ist der anstrengende Teil ihres Fußweges geschafft. „Wenn ich Zuhause ankomme, bin ich richtig geschafft“, erzählt Gisela Wittig. Für das Manö­vrieren durch die Hagenstraße muss sich die Seniorin sehr konzentrieren. Nur selten kann sie nebenbei einen Plausch halten oder einen Blick nach links und rechts erhaschen. Trotzdem will sie weiterhin mobil bleiben und den Weg zu Fuß gehen – zur Not eben auch mit seinen Tücken.