Haldensleben l „Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll“, sagt Jaqueline Gersch. Ihre Kinder, sechsjährige Zwillinge und ein 13-jähriger Teenager, zeigen sich im Lockdown traurig, deprimiert und sogar aggressiv. Die dreifache Mutter aus Hillersleben (Elbe-Heide) fühlt sich hilflos und teilt dieses Schicksal mit vielen Eltern in Deutschland. Der Corona-Lockdown geht nicht nur Erwachsenen an die Substanz, sondern kann sich auch auf die Psyche der Kinder auswirken.

Was die Pandemie mit den Jüngsten der Gesellschaft macht, zeigt die bundesweite Copsy-Studie. Untersucht wurde dabei die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen. Fazit: Beides hat sich während der Pandemie verschlechtert. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten ist von 18 auf 30 Prozent angestiegen. Fast jedes dritte Kind leide laut der Studie ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten.

Das kann Jaqueline Gersch bestätigen. „Die Zwillinge besuchen die Notbetreuung im Kindergarten und haben damit Kontakt zu Gleichaltrigen. Trotzdem merkt man, dass sie traurig sind“, sagt sie. Immer wieder würden die Zwillinge fragen, warum sie ihre Freunde nicht mehr sehen können. Oftmals ersetzen Besuche bei der Oma die Zeit, die sonst mit Gleichaltrigen verbracht wird. „Aber Erwachsene können Kinder als Spielgefährten eben nicht ersetzen“, betont sie.

Die Kontakteinschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie machen den meisten Kindern genauso zu schaffen wie den Erwachsenen, bestätigt Dr. Dagmar Prophet. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Ameos-Tagesklinik in Oschersleben. „Das Zusammensein mit Freunden wirkt anregend, emotional ausgleichend und entlastend“, sagt sie. Damit würden derzeit bedeutsame Faktoren für den sozialen und emotionalen Kompetenzerwerb fehlen.

Teenager können viele Dinge nicht erleben, die die Jugendzeit normalerweise prägen. Jaqueline Gersch sieht ihren 13-jährigen Sohn gerade abrutschen. Das Schulpensum zuhause sei zu hoch. Da die Eltern beide in systemrelevanten Berufen arbeiten, bleibt er tagsüber sich selbst überlassen. Der Notenschnitt rutscht seit Beginn der Pandemie Stück für Stück ab. „Er hat in seinem Zimmer schon Möbel demoliert und ist aggressiv“, erzählt sie. Sie habe Hilfe gesucht – bei Lehrern, Ärzten, Psychologen. Ohne Erfolg. „Ich komme nicht mehr an ihn heran. Es ist eine schreckliche Zeit für ihn“, berichtet sie.

Dabei ist der Besuch der Schule für viele Kinder nicht nur mit dem Lernen an sich verbunden, sondern auch mit einer festen Tagesstruktur. Die gibt es im Homeschooling oft nicht mehr. „Gerade Kinder und Jugendliche mit psychischen Vorerkrankungen reagieren besonders sensibel auf Veränderungen ihrer gewohnten Lebensumstände und vermehrten Stress und haben häufig auch geringere Kompensationsmöglichkeiten als ihre Klassenkameraden“, so Dagmar Prophet. Oft sei dies mit einem Rückzug aus der Familie und dem Freundeskreis sowie Interesseneinschränkungen verbunden. Die andauernden Schulschließungen können die Schwierigkeiten verfestigen.

Dass sich viele Kinder in der Pandemie verändert haben, merkt auch Franziska Reinhold. Sie ist Schulsozialarbeiterin an der Alstein-Grundschule in Haldensleben. „Schulisch merkt man das an der verminderten Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer“, berichtet sie. Sechs Schulstunden durchzustehen, würde den Schülern nach dieser langen Zeit schwerfallen. Motivation sei hier der Schlüssel. Doch sie sieht auch optische Unterschiede. „Gerade in sozial schwachen Familien sieht man, dass die Kinder teilweise sehr zugenommen haben“, berichtet sie. Ohne Schulsport und Bewegung an der frischen Luft sind die Ausmaße schnell sichtbar und können fatale Folgen für die Zukunft haben.

Worauf sollten Eltern jetzt achten? Als Beispiele nennt die Psychologin Dagmar Prophet Gereiztheit, Rückzug, Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen. „Konkrete Anfälligkeiten hängen jedoch von der Persönlichkeit des Kindes und dem Grad der Belastung ab“, sagt sie. Gerade bei jüngeren Kindern können manchmal körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen Hinweise auf Stress sein. Eltern sollten dann eine professionelle Einschätzung einholen.

Manchmal reicht es auch einfach, zuzuhören und für die Kinder da zu sein. Das zumindest bemerkt Schulsozialarbeiterin Franziska Reinhold in ihrer täglichen Arbeit. War sie vor der Pandemie mit durchschnittlich acht Einzelfällen pro Woche beschäftigt, sind es inzwischen 15. Dabei erzählen die Kinder vermehrt private Dinge. „In letzter Zeit höre auch ich oft die Frage: „Darf ich Sie einfach mal drücken?‘”, erzählt sie. Die Kinder würden ihre Nähe suchen, sie vermissen menschlichen Kontakt. Doch die Corona-Pandemie hat auch dafür gesorgt, dass die Kleinen schneller in Streit geraten. „Es prasselt so viel auf die Kinder ein und sie werden im Kindsein so eingeengt, da reißt der Geduldsfaden anscheinend schneller“, sagt sie.

Doch was können Eltern jetzt tun? Psychologin Dagmar Prophet rät, sich selbst und seinen Kindern gegenüber geduliger und nachsichtiger zu sein. Dabei sollten Eltern auf ihre eigenen Ressourcen achten. „Je stabiler Eltern sind, umso besser können sie ihren Kindern Sicherheit und Halt geben“, sagt sie. Wichtig ist für Familien jetzt, gemeinsam Zeit zu verbringen. Außerdem seien feste Strukturen wie Essens-und Einschlafzeiten wichtig. Vor allem Jugendliche sollten elterliche Kontakt- und Aktivitätsangebote erhalten, damit die Zeit an Smartphone, Tablet & Co. nicht ausufert.

Welche langfristigen Folgen der Lockdown für Kinder und Jugendliche hat, ist noch nicht absehbar. „Ich sehe in der kommenden Zeit stark erhöhte Herausforderungen auf pädagogische Fachkräfte und sämtliche Helfersysteme im Kinder- und Jugendbereich zukommen“, so Dagmar Prophet. Sie sei jedoch überzeugt von der enormen Entwicklungskraft von Kindern, die oft mit Anpassungsfähigkeit und Kreativität an schwierige Situationen herangehen. „Insofern bin ich optimistisch, dass viele Kinder und Jugendliche diese schwere Zeit unbeschadet überstehen“, sagt sie und gibt Eltern einen kleinen Hoffnungsschimmer.