Haldensleben l Vieles war in den vergangenen Wochen verboten, größere Familienfeiern oder Schwimmbad- und Kinobesuche etwa. Gottesdienste sind hingegen seit Beginn dieses Monats wieder erlaubt.

Argumente für das Zulassen von religiösen Veranstaltungen waren in den vergangenen Wochen viele zu hören von den Kirchenvertretern. Verwiesen wurde etwa auf das Grundrecht der Religionsausübung. Matthias Simon, Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Sankt Marien in Haldensleben, betont: „Die Menschen finden im Gebet Halt in unsicheren Zeiten“.

Erstmals wieder Gottesdienst

Am 10. Mai hat die Mariengemeinde erstmalig seit dem Shutdown wieder einen Gottesdienst abgehalten. Draußen, vor der Marienkirche. Zuvor habe es eine Abstimmung mit dem Gesundheitsamt gegeben, berichtet Simon. Der Gottesdienst durfte nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Singen war den Gläubigen erlaubt, zwei Lieder hätten sie gemeinsam gesungen, sagt Simon. Mehr als 50 Menschen seien dort gewesen.

Am selben Tag hatten sich auch in Frankfurt am Main etwa 180 Gläubige einer Baptistengemeinde zum Gottesdienst getroffen. Allerdings nicht draußen, sondern im Bethaus der Gemeinde. Die hessische Landesregierung untersagte den Gemeinden das Singen nicht, auch ein Mund-Nasen-Schutz war nicht verpflichtend. Wie genau das Virus bei dieser Veranstaltung übertragen wurde, ist nicht abschließend geklärt.

Risiko beim gemeinsamen Singen

Infolge des Gottesdienstes verzeichneten die Behörden allerdings mehr als hundert Infizierte. Die Gemeinde räumte ein: „Im Nachhinein betrachtet wäre es für uns angebracht, beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten.“ Experten gehen von einer hohen Ansteckungsgefahr aus, wenn viele Menschen in einem Raum gemeinsam singen.

Auch die Evanglische Gemeinde Sankt Marien hielt zuletzt zwei Gottesdienste im Gemeindesaal ab. Einen mit knapp 50 Gläubigen, zum zweiten seien 28 Menschen gekommen, berichtet Simon. Allerdings sei bei beiden Veranstaltungen nicht gesungen worden, betont er. Auch diese beiden Gottesdienste hätten lediglich eine halbe Stunde gedauert. Dazu sei der Mundschutz verpflichtend. Für seine Predigten auf Abstand habe er seinen Mundschutz allerdings abgenommen, sagt der Pfarrer.

Den Pfingstgottesdienst am Sonntag würde Simon am liebsten wieder draußen abhalten. Dazu müsste aber das Wetter mitspielen. Und das Gesundheitsamt. Die Marienkirche steht der Gemeinde wegen der Umbauarbeiten vorerst nicht zur Verfügung. Simon geht davon aus, dass die Kirche erst zum Sommer des kommenden Jahres wieder nutzbar ist. Wo die großen Gottesdienste zum Weihnachtsfest gefeiert werden sollen, weiß der Pfarrer noch nicht.

Konfimanten sollen über Termin entscheiden

Unklar ist bisher auch, wann Konfirmationen in Haldensleben stattfinden. Die Gemeinde habe 14 Jugendliche, die in diesem Jahr konfirmiert werden wollten. Ihnen habe man nun zwei Termine zur Auswahl gestellt: den 3. Oktober oder Pfingsten im kommenden Jahr. Die Jugendlichen sollen nun entscheiden, was ihnen lieber ist – wobei noch nicht klar ist, ob es am 3. Oktober tatsächlich etwas wird.

Darüber hinaus sind viele weitere Veranstaltungen und Treffen von Gemeindemitgliedern abgesagt, berichtet Simon. Seniorenkreise, Kindergruppen, die Frauengruppe, sie alle könnten derzeit nicht zusammenkommen. Einige Mitglieder würden sich allerdings verstärkt online austauschen, sagt Simon, so etwa die Mitglieder der Jungen Gemeinde.

Pfarrer hat zuletzt mehr telefoniert

Auch er habe zuletzt stärker als sonst auf Onlinemedien gesetzt, berichtet der Pfarrer. Zudem habe er mehr telefoniert als jemals zuvor. Besonders schwierig seien die Gespräche mit Trauernden, berichtet der 58-Jährige. Dennoch biete er zur Vorsicht lieber erst einmal das Telefongespräch an.

Simon warnt davor, die sozialen Folgen der Coronakrise zu unterschätzen. „Die Vereinsamung vieler Menschen ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen“, betont er. Kürzlich habe er ein Gespräch mit einer trauernden Tochter gehabt, die sagte, ihre Mutter sei zwar nicht an Corona gestorben, aber doch wegen Corona. Weil sie an der Kontaktlosigkeit gelitten habe, am Entzug von Nähe.