Zur Person

l geboren am 17. Dezember 1980 in Stuttgart

l Studium im Fach Orchesterleitung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar

l 2009 bis 2011: 1. Kapellmeister beim Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

l seit 2013 Chefdirigent des Folkwang Kammerorchesters Essen

l seit 2007 dirigiert Johannes Klumpp das Festivalorchester der Sommermusikakademie, seit 2016 ist er dort künstlerischer Leiter

l www.johannesklumpp.de

Hundisburg l Die Sommermusikakademie in Hundisburg ist ein Höhepunkt im Haldensleber Kulturkalender. Auch sie musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Johannes Klumpp, Dirigent und musikalischer Leiter der Sommermusikakademie, spricht im Interview mit Reporterin Juliane Just über neue Wege in der Musikbranche.

Volksstimme: Herr Klumpp, wie sehr schmerzt es, dass die Sommermusikakadamie abgesagt werden muss?
Johannes Klumpp:
Die aktuelle Situation hat es deutlich gemacht, dass wir die Sommermusikakadamie wahrscheinlich absagen müssen. Es war also kein Schock für uns, man konnte sich darauf vorbereiten. Trotzdem schmerzt es natürlich, dass wir diesen musikalischen Höhepunkt im 28. Jahr nicht veranstalten können.

Was bedeutet das für Hundisburg, Haldensleben und die Region?
Die Musikakademie hat natürlich immer weit gestrahlt. Es wäre Musiker aus vielen Nationen angereist, das Publikum kommt mitunter auch von weit her. Für die Region ist das natürlich schmerzlich, aber in diesem Sommer ist alles ein bisschen anders.

Die Absage des Höhepunktes im Haldensleber Kulturkalender kam recht spät.
Wir haben erst die Entscheidungen und Verordnungen der Regierung abgewartet. Anschließend haben wir uns zuerst bei allen Beteiligten – den Musikern, den Planern – gemeldet und verkündet, dass wir die Veranstaltung absagen müssen. Das dauert bei der Fülle an Personen natürlich eine Weile. Danach sind wir mit der Nachricht an die Öffentlichkeit gegangen.

Worauf müssen Musikliebhaber in diesem Jahr verzichten?
Es gibt viele Konzertformate, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Bekannt ist das Alindequartett, dass in diesem Jahr zum ersten Mal einen eigenen Konzertauftritt geplant hat. Dort hätte Bariton Sebastian Seiz stimmlich unterstützt. Die Musikkabarettisten Timm Beckmann und Markus Grieß wären auch dabei gewesen. Zentral wäre das Orchester gewesen, das aus ganze Europa zusammenkommt und innerhalb von einer Woche ein Orchester bilden. Es hätte einen Horn-Meisterkurs von Christoph Eß stattgefunden, der gut nachgefragt war. Oder auch die Jazznacht mit ‚Hildegard Lernt fliegen‘. Ich habe mich sehr darauf gefreut. Diese Musiker sind nach wie vor interessant und wir müssen schauen, was wir davon im nächsten Jahr wieder ins Programm holen können.

Sie versprachen im vergangenen Jahr eine Neuerung für die Sommermusikakademie. Können sie uns die Überraschung verraten, auch wenn wir sie nicht erleben?
Um ehrlich zu sein lieber nicht. Die Wandelkonzerte wären anders abgelaufen als bisher. Da ich aber nicht weiß, ob ich das im nächsten Jahr noch mache, verrate ich es lieber nicht.

Es gibt eine Ersatzveranstaltung im September. Woran tüfteln Sie?
Wir überlegen, die Sommermusikakademie auf das erste September-Wochenende zu verschieben. Wir wollen etwas Essentielles mit aus dem Großprogramm der Sommerveranstaltung hinüberholen und trotzdem ein kleines, feines Highlight bieten. Es gibt allerdings noch viele Fragen zu klären. Die Finanzierung ist ein Beispiel. Der Wunsch wäre, dass man es schafft, ein Wochenende mit Musik zu füllen – und ein bisschen was für die Seele der Menschen bereitzuhalten. Wir planen natürlich ins Blaue hinein, da die ganze Branche im Ungewissen ist. Bis 31. August dürfen keine Großveranstaltungen stattfinden, doch wir wissen nicht, ob wir überhaupt im Jahr 2020 noch spielen dürfen. Ich habe mir gedacht, wenn es irgendwie geht, dann vielleicht in Hundisburg. Wir müssen sowieso schauen, wie die Lage in vier Monaten ist. Wenn wir vier Monate zurückdenken, wussten wir alle noch nicht, dass Corona überhaupt existiert.

Gerade in der Scheune in Hundisburg wurde die besondere Atmosphäre immer gelobt – so nah sei das Publikum selten am Orchester. In Zeiten der Corona-Pandemie sind solche Konzerte nicht mehr vorstellbar.
Ja das ist leider wahr. Die Sichtachse in der Scheune ist eine ganz besondere. Wir planen keine Konzerte mit fester, enger Bestuhlung. Die Abstände zwischen den Menschen muss fokussiert werden. Es bringt aber auch nichts, die Stühle in riesigem Abstand auseinander zu stellen. Ehepaare beispielsweise wollen natürlich gern beieinander sitzen ohne Abstand. Dafür müssen wir dann Lösungen finden. Konzerte müssen anders gedacht werden Wir machen uns Gedanken, wie wir die Konzerte flexibel konzeptionieren können. Vielleicht könnten wir auch Veranstaltungen im Garten mit besonderer Atmosphäre stattfinden lassen. Die ganze Branche diskutiert ja darüber, wie es weitergeht. Wir müssen jetzt erfinderisch, flexibel, offen und kreativ sein. Aber das Kreative liegt uns ja in der Kunst ganz gut. Die Hauptprobleme für die Orchester sind die Bläsergruppen. Die Tröpfchen, die beim Atmen oder Niesen ausgestoßen werden, werden im öffentlichen Leben mit Mundmasken eingedämmt. Das geht beim Musizieren natürlich nicht, die Atemluft treibt das Instrument an. Deshalb wird es wohl eher nur Streichensembles geben.

Was hat sich in Ihrem persönlichen Leben in diesen Zeiten verändert?
Alles. Musiker waren die ersten, die abgeschaltet worden sind. Als Dirigent war ich in den letzten Monaten und Jahren mit verschiedenen Orchestern sehr viel auf Reisen und dementsprechend nicht viel Zuhause. Man kann sich vorstellen, dass man das immer sehr vermisst, wenn man unterwegs ist. Die Situation ist für mich ganz anders, aber ich habe mich entschieden, nicht zu klagen. Das sind keine schönen Zeiten, aber andere Menschen, die um ihre Gesundheit oder ihr Leben bangen, haben es schlimmer. Ich kenne eine Person, die an dem Coronavirus gestorben ist. Deshalb ist das Thema für mich sehr nah. Dagegen kommen mir meine Probleme – gerade jene materieller Natur – sehr klein vor. Somit fokussiere ich mich auf die positiven Sachen, zum Beispiel dass ich meine beiden Kinder sehr intensiv erlebe. Oder dass ich die Sonnenstrahlen genießen, die ich oft beim Proben eben nicht habe.