Haldensleben l Es ist wie in einem Geisterhaus. Die kleinen Räume des Ratsfischerhauses sind vermüllt. Die Tapete blättert von den Wänden, das Parkett wölbt sich an vielen Stellen, die Balken sind krumm und schief. Spinnweben ziehen sich durch das gesamte Gebäude. Hier war lange niemand mehr. Seit Jahren wurde das geschichtsträchtige Gebäude – es ist eines der ältesten der Stadt – dem Verfall preisgegeben. Doch nun gibt es eine Zukunft.

Bei einer Zwangsversteigerung Ende September hat die Stadt das Haus ergattert. „Wir haben lange darauf gewartet. Wir haben natürlich ein Interesse daran, dass stadtbildprägende und historische Häuser in Haldensleben erhalten bleiben und wieder hergerichtet werden“, sagt Bauamtsleiter Holger Waldmann. 2600 Euro hat die Stadt für das verfallene Haus bezahlt.

Statik muss gesichert werden

Seit der Wendezeit ist das Haus laut Holger Waldmann nicht mehr bewohnt. Die Zeit hat an dem Gebäude genagt. Das Haus ist auf der einen Seite abgesackt, davon zeugen verbogene Holzbalken. Im Inneren sind die Schäden deutlich sichtbar. Allgemein ist der Zustand innerhalb der vier Wände desolat. Eine alte Matratze, ein einzelner Schuh und ein einsamer Sessel zeugen von den Menschen, die hier einst gewohnt haben. „Es ist als Wohngebäude kaum noch zu erkennen“, sagt Sven Brack, Abteilungsleiter für Hoch- und Tiefbau in der Stadtverwaltung, der bei der Begehung dabei ist.

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Nun geht es erst einmal darum, das Ratsfischerhaus zu sichern. Demnächst soll laut Holger Waldmann eine „kleine Notsicherung“ vorgenommen werden. Dabei soll die Statik gesichert werden und verhindert werden, dass im oberen Bereich des Hauses Wasser eindringt. Für die Bauarbeiten versucht die Stadt, Fördermittel aus der Städtebauförderung zu erhalten. Das Ratsfischerhaus ist aufgrund seiner historischen Bausubstanz denkmalgeschützt.

Ist das Haus notgesichert, beginnt laut Holger Waldmann die Planung für weitere Bauarbeiten an dem Gebäude. So muss das Haus entkernt und der Dachstuhl saniert werden. Und schließlich, wenn das Ratsfischerhaus wieder in einen adäquaten Zustand gebracht ist, solle es wieder genutzt werden. „Wie diese Nutzung aussieht, wissen wir noch nicht“, sagt Holger Waldmann.

Das Ratsfischerhaus wurde bereits um 1600 erbaut und hat alle Brände und Krisenerscheinungen der Stadt Haldensleben überstanden. Es war seit 1766 für fast zwei Jahrhunderte im Besitz der Familie Reps, ist deshalb auch als „Reppsches Haus“ bekannt. Im Jahr 1937 wurde das Haus an den Schuhmachermeister Gustav Lange verpachtet, ein Jahr zuvor allerdings noch einmal komplett saniert.

Einst Schmuckstück, jetzt Ruine

Der Kaufmann und Heimatforscher Hermann Bolms schrieb in der Beilage zum „Wochenblatt“ 1936 über das Ratsfischerhaus: „Im neuen Schmuck steht das alte schöne Haus nun da! Es entbietet allen, die durch das Stendaler Tor hereinkommen und hier Einkehr halten wollen, ein freundliches Willkommen...“. Der damalige Bürgermeister Ernst Wolter hatte aus den städtischen Mitteln einen Zuschuss bereitgestellt, der Malermeister Schwarze hatte die Malerarbeiten gesponsert, die Leitung der farbigen Ausführung des Anstriches lag in den Händen des Kunstmalers Uffrecht.

Nach einer langen Zeit des Leerstandes wurde das Haus im Jahre 2002 an einen Bewerber aus dem Bördekreis verkauft. Es war schon gezeichnet von Verfall und Zerstörung. Auch nach dem Verkauf setzte sich der Verfall des Hauses fort. Im September 2019 wurde es schließlich zwangsversteigert.

Für die Gebäude im hinteren Bereich kann auch die Stadt nichts mehr tun. „Die Nebengebäude im Hinterhof können wir nicht retten“, sagt Holger Waldmann. Der Fokus liegt jetzt auf dem Haupthaus. Ob dieses noch Überraschungen bereithält, wird erst im Laufe der Bauarbeiten zu sehen sein, wie der Bauamtsleiter bestätigt: „Solche historischen Häuser sind Überraschungspakete. Das haben wir in der Vergangenheit bereits mehrfach erlebt.“