Photovoltaikanlage

Dorster dikutieren über die neue Solaranlage in ihrem Dorf

95 Hektar groß ist in der Gemarkung Dorst die mögliche Fläche für Photovoltaikanlagen. Bei einer Info-Veranstaltung haben Befürworter und Gegner des Vorhabens Argumente vorgetragen. Mit einer Befragung sollen Entscheidungen in den Orten getroffen werden.

Von Anett Roisch
Bürgermeister Volkmar Schliephake sagt: „Wir haben jahrzehntelang den Strom aus der Lausitz oder aus dem Ruhrgebiet in Anspruch genommen. Jetzt, wo Kohle nicht mehr gefördert wird, kommen wir mit Solar auf den schlechten Böden ins Rennen.“
Bürgermeister Volkmar Schliephake sagt: „Wir haben jahrzehntelang den Strom aus der Lausitz oder aus dem Ruhrgebiet in Anspruch genommen. Jetzt, wo Kohle nicht mehr gefördert wird, kommen wir mit Solar auf den schlechten Böden ins Rennen.“ Foto: Anett Roisch

Dorst - „Wir wollen heute unsere Gedanken austauschen“, sagte Calvördes Bürgermeister Volkmar Schliephake (CDU), als er mehr als 50 Bürger bei der Informationsveranstaltung in Dorst begrüßte.  Die Gemeinde Calvörde hatte vor drei Wochen einen Arbeitskreis gegründet und einen Flyer mit Informationen erarbeitet. Bei Versammlungen sollen Befürworter und Kritiker von Solaranlagen zu Wort kommen. 

„Halten wir uns mal einen Spiegel vors Gesicht. Da sehen wir, wie sich insbesondere unsere kleinen Ortsteile verändert haben. Landwirtschaftliche Betriebe werden immer weniger. Orte wie Dorst und Velsdorf haben schon seit Jahren keine ortsansässigen Bauern mehr“, schilderte Schliephake. Das würde - nach den Ausführungen des Gemeindechefs - das Dorfleben verändern. Die Natur allein würde nicht ausreichen, um die jungen Menschen auf dem Lande zu halten. Dazu muss es eine Infrastruktur, Kindereinrichtungen und Vereinsleben geben. Dafür brauche die Kommune Geld. „Solarbetreiber werden die Vereine unterstützen“, sagte Schliephake. Solar sei kein Allheilmittel, aber ein kleiner Baustein zum Klimaschutz. „Wir als Gemeinde bieten mit dem Energiekonzept den Eigentümern und Landwirten eine Chance, auf schlechteren Böden einen Ertrag zu erwirtschaften. Die Dorfgemeinschaft bekommt einen Mehrwert durch bessere Strompreise und nicht zuletzt durch Steuereinnahmen, die in einigen Jahren fließen werden“, erklärte der Bürgermeister.

Herbert Lüddecke aus Dorst wollte wissen, was mit den Flächen passiert, die verpachtet sind, um Biogasanlagen mit Mais zu versorgen. Hubertus Nitzschke (UWG), Leiter des Arbeitskreises, erklärte, dass dies allein Sache des Eigentümers oder des Landwirts sei, ob er weiter Ackerbau betreiben will oder die Fläche verpachtet. „Wir entscheiden jedes Jahr, welche Menge wir an die Biogasanlage abgeben können. Schließlich brauchen wir für unser Vieh das Futter“, erklärte Landwirt Franz Maier. 

Solar auf dem Areal des alten Schweinestalls

Manfred Franke, Ortsteilbeauftragter von Dorst, schlug vor, das Areal der einstigen Schweineanlage für eine Solaranlage zu nutzen. „Diese Altlast aus DDR-Zeiten ist leider zu einem Abenteuerspielplatz mit hohem Gefahrenpotential verkommen. Diese Fläche und das Dach der Gemeindehalle bieten sich an, mit Solartechnik zu bebauen“, sagte Franke und nannte die ehemalige Konservenfabrik in Calvörde als ein positives Beispiel, bei dem Solar auf einer Industriebrache gesetzt wurde.

Die fast 100 Hektar große Fläche, die in der Gemarkung Dorst vorgesehen sind, sei – nach Frankes Ansicht – eine „Nummer zu groß für Dorst“. Das sei mehr als ein Drittel aller Ackerflächen. „Etwas weniger Solar bedeutet etwas mehr Natur, damit der Wildbestand auch Berücksichtigung findet“, erklärte der Ortsteilbeauftragte.

Franke fordert die potentiellen Betreiber auf, allen Einwohnern Verträge zur Beteiligung an den Photovoltaikanlagen, zur kostengünstigen Stromlieferung und zur Unterstützung von Vereinen anzubieten. „Dies alles brauchen wir mit Laufzeit und Zahlungen, damit es keine leeren Versprechungen gibt“, betonte der Dorster. Schliephake blickte voraus: „Wir werden uns über den Flächenkorridor unterhalten müssen. 95 Hektar für Dorst im Verhältnis zur gesamten Gemarkungsfläche ist in der Tat eine Größenordnung, die man sich noch mal ansehen muss.“ Die Idee, die Stallanlagen mit ins Auge zu fassen, habe er bereits bei den Investitionsinteressierten ins Gespräch gebracht.

Die Kommune habe auch bereits versucht, das Dach der Halle für Photovoltaik zu vermarkten. „Da bleiben wir dran!“, versprach Schliephake.

Carsten Rodbertus von der Projektentwicklungsgesellschaft Somikon, berichtete, dass das Unternehmen früher Solaranlagen auf Dächer gebracht habe. „Die Vergütung für Dachanlagen wurde so gekürzt, dass wir heute keinen Gewinn mehr machen. Wenn wir aber hier zu Potte kommen, dann ist es selbstverständlich, dass wir auch etwas mitmachen, was sich eigentlich nicht rechnet“, so der Projektleiter.

Frühkartoffeln aus Ägypten?

„Unsere Bauern sind vor eineinhalb Jahren in Berlin wegen Landverluste auf die Barrikaden gegangen. Jetzt geben sie 500 Hektar Acker her. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Kriegen wir jetzt unsere Frühkartoffeln aus Ägypten “, fragte Lothar Müller. Als Bewohner von Dorst schlug er vor, auf dem Truppenübungsplatz Solaranlagen zu bauen.

„Wenn ich auf die Flächen schaue, sehe ich nur Mais. Die Nitratwerte sind um ein Vielfaches überschritten. Die Äcker sind tot gespritzt und braun“, schilderte Wolfram Materne, Bewohner von Dorst. Dem widersprach Landwirt Christian Prozell: „Es ist nachgewiesen. Wir haben keine erhöhten Nitratwerte in der Gemeinde Calvörde.“ Es gäbe eine Düngeverordnung, die sein Unternehmen einhalten würde.

Materne, der selbst auch Ackerflächen besitzt, erklärte, dass er sich über den Bau von Solaranlagen, die mit Hecken umgeben werden, freuen würde. „Die Äcker werden dann für 20 Jahre in Ruhe gelassen. Das heißt, es kann sich eine Artenvielfalt entwickeln“, erklärte Materne. Lüddecke fragte, was die Solaranlagen für die Jagd bedeuten? Ingo Springborn von der Jagdgenossenschaft erklärte: „Wir haben nur ein kleines bejagdbares Gebiet von etwa 450 Hektar. Wenn uns davon ein Großteil verloren geht, ist die Jagdgenossenschaft so gut wie tot.“ Springborn favorisierte für Solar das Dach der Gemeindehalle und die einstige Schweineanlage. „Die Energiewende muss kommen, aber wir müssen gucken, wo sie am günstigsten ist - nicht für die Betreiber, sondern für uns“, betonte Springborn.

Der Gemeinderat sei – nach Ansicht von Schliephake – in der Pflicht, Überlegungen anzustellen, um an Einnahmen zu kommen. Schließlich kostet die Schloss-Sanierung in Dorst auch Geld, das erwirtschaftet werden muss.

Gebaut wird nur, wenn es eine Mehrheit im Ort gibt

Um ein Abstimmungsergebnis zu bekommen, wurde bei der Versammlung in Klüden die Bundestagswahl ins Gespräch gebracht. Nach Rücksprache mit der Verwaltung sei eine Bürgeranhörung im Zuge der Wahl wenig sinnvoll, weil dann alle Bürger in den elf Ortsteilen gefragt werden müssen. „Dann würde es kein differenziertes Ergebnis für Klüden, Zobbenitz, Wegenstedt, Calvörde und Dorst geben. Das bringt uns nicht weiter“, sagte der Bürgermeister. Er schlug vor, eine Befragung in den betroffenen Ortsteilen zu initiieren. Alle Wahlberechtigten würden einen Brief bekommen und könnten mit einem Ja oder Nein entscheiden. „Der Vorteil der Befragung ist, dass wir örtlich das Ergebnis abfragen können. Ohne eine Mehrheit wird nicht gebaut“, ergänzte Nitzschke.

Eine Info-Versammlung ist für den heutigen Mittwoch um 19 Uhr auf der Terrasse des Wegenstedter Bürgerhauses angesetzt.