Etingen l „Ich freue mich, dass so viele Gäste die Einladung nach Etingen angenommen haben und im Sack gelandet sind“, so begrüßte Hans Jaekel, Pädagogisch-Diakonischer Vorstand der Evangelischen Stiftung Neinstedt, die Gäste auf dem ehemaligen Bauernhof. Der Vierseitenhof wurde zu einer Wohnstätte für 13 Menschen mit geistiger Behinderung umgebaut. Jaekel hieß im Besonderen Marianne Riecke willkommen. „Frau Riecke und Familie – wir möchten Ihnen ganz herzlich Danke sagen, dass Sie uns Ihr Grundstück zu treuen Händen und mit dem Wunsch, dass in diesem Haus soziale Arbeit passiert, überlassen haben“, sagte der Diakon und bedankte sich bei allen, die bei der Umsetzung des Projektes geholfen hatten.

„In Etingen merken wir jetzt alle, dass europäisches Geld wirklich mal im Dorf ankommt. Es wird viel über die EU geschimpft, aber in diesem Fall sind 350.000 Euro-Europa-Geld gut angelegt“, sagte Jaekel und hob die Zusammenarbeit mit der Stadt Oebisfelde-Weferlingen und mit den Planern sowie die Unterstützung der Vertreter der Leader-Gruppe hervor. Etwa 900.000 Euro kostete die Realisierung des Projektes insgesamt. „Wir sind froh, dass es in Etingen eine Kirchgemeinde gibt. Wir wünschen uns, dass es künftig Projekte gibt, die wir miteinander gestalten können“, betonte Jaekel.

Kontakte knüpfen

Sechs der künftigen Bewohner waren auch anwesend. „Das sind die Neubürger Etingens“, sagte der Diakon und erklärte, dass es den Bewohnern des Hofes ganz wichtig sei, Kontakte zu knüpfen. Er motivierte die Etinger, fröhlich auf die Menschen mit Behinderung zu zugehen.

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Bernd Bergmann, Bereichsleiter der Nathusius-Höfe, berichtete, wie es zur Idee des Wohnprojektes kam. „Herr Riecke hatte uns eingeladen und gesagt: ,Wir haben hier ein Haus, das wollen wir euch Neinstedtern gern zeigen.‘ Stephan Zwick vom Kaufmännischen Vorstand und ich wussten damals nicht, was uns erwartet. Vor dem Taubenturm hat er uns empfangen. Wir waren überwältigt von der Größe und vom Zustand des Hauses. Wir haben uns gefragt: Schaffen wir das überhaupt?“, erinnerte sich Bergmann. Der Bereichsleiter zeigte auf den Fahrstuhl und sagte: „Die Menschen, die hier einziehen, brauchen den Fahrstuhl noch nicht, aber die Bewohner werden auch älter.“ Schmunzelnd behauptete er, dass das Haus den einzigen Fahrstuhl in Etingen hat. Bergmann erinnerte an das Hoffest 2016, bei dem das Projekt vorgestellt wurde. „Wir wollen so ein Fest zum Austausch regelmäßig veranstalten – vielleicht gemeinsam mit der Kirchgemeinde und den Etingern zu Erntedank“, blickte Bergmann voraus.

Michael Lange, Teamleiter von den Bereichen Calvörde-Etingen, zeigte sich erstaunt, dass sich über 150 Interessierte – Leute aus dem Dorf, aber auch aus den benachbarten Orten – durch das Haus führen ließen. „Wir starten am Montag mit dem Einzug in dieses wunderschöne Haus. Es sind erst sechs Bewohner, aber die Kapazität besteht für 13. Wir wollen das Haus mit Leben erfüllen“, blickte Lange voraus und verwies auf seine Kollegin Kristin Klatt, die vor Ort dafür sorgen wird, dass die Bewohner sich auch zuhause fühlen. Zwei neue Kollegen werden das Team verstärken. Mit steigender Anzahl der Bewohner soll es eine weitere Personalaufstockung geben.

Hans-Werner Kraul (CDU), Bürgermeister der Einheitsgemeinde Oebisfelde-Weferlingen, wünschte, dass das Haus gedeihen möge und hob hervor „Hier finden Menschen, die unsere Hilfe bedürfen, nicht nur ein neues Zuhause, sondern es werden auch Arbeitsplätze geschaffen.“

Etingens Ortsbürgermeister Marko Alex (UWG) verriet, dass er gegenüber vom Hof wohnt. „Die Etinger haben mit Spannung das Baugeschehen verfolgt. Spaziergänge wurden in den Sack verlegt, um zu sehen, was hier passiert“, beschrieb Alex. Er schwärmte, dass das Bauprojekt gelungen sei und gestand, dass alle Bewohner im Sack froh sind, dass die Bautätigkeit nun beendet ist. „Wir hoffen, dass die Bewohner sich gut integrieren. Die Etinger sind offen. Auf gute Nachbarschaft!“, appellierte der Ortschef.

Marianne Riecke ist Namenspatronin

Im großen Ohrensessel nahm die einstige Hofbesitzerin und jetzige Namenspatronin Marianne Riecke Platz. Bis zum Beginn des Umbaues hatte Marianne Riecke noch im Haus gewohnt. Jetzt lebt sie nur wenige Meter vom Hof entfernt. „Es ist sehr schön, das Haus jetzt zu sehen. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich war nur als junges Mädchen mal fünf Jahre weg, als ich im Internat war“, erzählte die 98-Jährige und blickte mit einem überaus zufriedenen Lächeln in die Runde. Von den meisten Etingern wird sie liebevoll „Tante Marianne“ genannt.

„Ein Traum hat sich mit dem Hof für die Bewohner erfüllt“, sagte beim Rundgang durch das Haus Rosemarie Kaatz. Sie gehört seit 1997 zum Kuratorium der Evangelischen Stiftung und ist seit 2005 die Vorsitzende. „Ich bin den Neinstedtern von Kindesbeinen an verbunden. Meine Großeltern haben schon immer, wenn etwas übrig war, es zu den Neinstedtern gegeben“, erinnerte sich Rosemarie Kaatz.

Stolz zeigt Mirko Schrader den Besuchern sein Zimmer. Der 26-Jährige hat zuvor in Haldensleben gewohnt. „Etingen ist ein Abenteuer und eine Herausforderung für mich“, verriet Schrader und erklärte den Gästen: „Ich möchte hier viele neue Menschen kennenlernen. Ich bin tierlieb, denn meine Oma hatte auch Gänse, Hühner und Schafe.“ Gleich kam eine Einladung von einer Familie, doch später bei der Heuernte zu helfen.

„Es ist ein komisches Gefühl. Vorher habe ich allein in Calvörde gewohnt und Montag ziehe ich auf den Hof“, blickte die 36-jährige Melanie Handke voraus. „Ich freue mich auf die Ruhe hier in Etingen“, sagte der 34-jährige Jens Neumann, der zuvor in der Calvörder Einrichtung wohnte. „Ich bin gespannt, was meine Freundin Elisa zu meinem neuen Zuhause sagen wird“, sagte Heiko Löwe voller Vorfreunde. Alle Bewohner haben ein eigenes Zimmer. Löwe teilt sich das Badezimmer mit seinem besten Freund Kai Wenzel. „Auf dem Dorf ist es bestimmt viel schöner. Es wird sicher nicht langweilig, denn auf dem Hof gibt es genug zu tun“, weiß Wenzel.