Haldensleben l „Integration ist kein Sprint, sondern ein Ausdauerlauf“, erklärte Corinna Sladky, Leiterin des Amtes für Migration im Landkreis Börde, beim Bürgerdialog über Integration, zu dem Staatssekretärin Susi Möbbeck, Integrationsbeauftragte der Landesregierung, am Donnerstagabend in die Kulturfabrik eingeladen hatte. Die Gesprächsrunde machte genau das deutlich.

11.1369 Ausländer waren 2018 in Sachsen-Anhalt registriert, informierte Susi Möbbeck. Das seien nur fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, der Bundesdurchschnitt liegt bei etwa zwölf Prozent. Die zehn größten Gruppen sind 23.527 Syrer, 10.811 Polen, 7815 Rumänen, 5722 Afghanen, 4159 Russen, 3790 Vietnamesen, 3380 Bulgaren, 3177 Inder, 3152 Türken und 3041 Ukrainer.

Besondere Unterstützung

Rund 65 Prozent der Ausländer in Sachsen-Anhalt leben weniger als vier Jahre in Deutschland und benötigen besondere sprach- und kultursensible Unterstützung. Die ausländische Bevölkerung sei wesentlich jünger als die Gesamtbevölkerung, stellte die Staatssekretärin fest. Liegt der Anteil der einheimischen Bevölkerung unter 25 Jahren bei rund 20 Prozent, macht er bei den Zugezogenen rund 40 Prozent aus.

Älter als 65 Jahre sind bei den Einheimischen etwa 26 Prozent, bei den Neubürgern nur drei Prozent. Anders stellt sich auch das Verhältnis von weiblicher und männlicher Bevölkerung dar. Bei der deutschen Bevölkerung sind 51 Prozent weiblich, 49 Prozent männlich. Bei den Ausländern sind rund 40 Prozent weiblich und 60 Prozent männlich. Überproportional hoch liege der Anteil junger Männer.

Landkreis auf Platz 7

Bei den reinen Zahlen an ausländischer Bevölkerung liegt der Landkreis Börde auf dem 7. Platz im Land. Hier leben 5478 Ausländer. Bürger aus der Europäischen Union seien davon 2340 Personen, erläuterte Corinna Sladky. 553 Personen hätten eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, das heißt, dass sie schon länger hier leben. Diese Gruppen machen schon mehr als die Hälfte der Zugezogenen aus. Der andere Teil hat unterschiedlichen Schutzstatus. 950 Geflüchtete haben einen sogenannten Aufenthaltstitel. Ein Drittel davon sind Kinder. 609 sind geduldet, ihr Asylantrag wurde abgelehnt.

„Vor zwei Jahren haben im Landkreis noch rund 1000 Ausländer mehr gelebt“, informierte Corinna Sladky. Sie seien vorrangig nach Magdeburg und Halle gezogen. Inzwischen wurde auch die Gemeinschaftsunterkunft in Haldensleben wieder geschlossen. Es habe jetzt zu viel freie Kapazitäten in den Heimen im Landkreis gegeben. Aus dem Vertrag mit dem Betreiber der Unterkunft in Haldensleben sei der Kreis am ehesten raus gekommen, er wäre ohnehin zum Ende dieses Jahres ausgelaufen. Die Bewohner sind in Wohnungen oder andere Gemeinschaftsunterkünfte umgezogen.

Weg meist sehr lang

Die Amtsleiterin für Migration des Landkreises erläuterte wie zuvor auch die Integrationsbeauftragte der Landesregierung, wie die Herausforderungen angepackt werden. Angefangen bei sprachlicher Bildung sei der Weg in Ausbildung und Arbeit teilweise sehr lang. Meist gäbe es zunächst befristete Arbeitsverträge, teilweise auch geringfügige Beschäftigungen. Mehrere Unternehmen würden Geflüchtete einstellen. Dabei nannte sie besonders das Versandzentrum Hermes.

Corinna Sladky verwies auch darauf, dass es sehr viele lokale Projekte gebe, sehr viel ehrenamtliches Engagement. Als Beispiele nannte sie unter anderem das Integrationsbündnis in Wolmirstedt, die Willkommenskultur in Oschersleben, das Café International in Haldensleben und die Initiative in Wanzleben.

Flüchtlingen Mut machen

Mareike von Brackel, eine von 14 Integrationspaten im Landkreis, erzählte, dass sie sich vor allem um Flüchtlinge kümmere, die die Duldung haben, sie seien die Verlierer, viele hätten Depressionen. Das kennt auch Marcus Schröder, der sich ebenfalls ehrenamtlich um Flüchtlinge kümmert. „Hinter jeder Zahl stehen Menschen mit ihren Schicksalen“, gab er zu bedenken. „Sie hatten ihr Leben und sehen jetzt teilweise nichts Positives mehr.“ Er bat Corinna Sladky darum, dass sich die Mitarbeiter in der Ausländerbehörde noch mehr Zeit für Einzelschicksale nehmen.

Susi Möbbeck riet Marcus Schröder, den Flüchtlingen Mut zu machen, sich trotz unsicherer Perspektiven durchzubeißen. Es gäbe viele Gründe, dass Geduldete nicht abgeschoben werden können. Das betreffe unter anderem auch die Afghanen. Die Sprache zu lernen, lohne sich auf alle Fälle. Möglich sei teilweise auch eine Ausbildungsduldung.

Berichte von gelungener Integration

Von gelungener Integration konnte Andreas Werner, Integrationsberater des DRK, berichten. „Man merkt, dass die Leute ankommen“, versicherte er. Viele seien auch im ländlichen Raum zufrieden. Es gäbe sogar Geflüchtete, die nach Magdeburg oder Halle gegangen waren und wieder zurückkommen, weil sie hier auch eher Arbeit finden.

Nicht von Flüchtlingen, sondern EU-Bürgern sprach Krzysztof Blau, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Sachsen-Anhalt, der gerade von einem Treffen mit Polen kam, die in der Kreisstadt leben. Die Erwartungshaltung der Unternehmen an Zuwanderer sei sehr groß, erklärte er und bat darum, dass die Verwaltung im Landkreis sich auch der Sorgen dieser Zugezogenen annehme.

Enorme Herausforderungen

In den vergangenen Jahren seien die Herausforderungen zur Aufnahme der Flüchtlinge enorm gewesen, entgegnete Susi Möbbeck, da seien die EU-Bürger nicht so im Blick gewesen. Doch inzwischen seien Strukturen aufgebaut: „Jetzt gibt es Integrationsangebote, die für alle Gruppen zur Verfügung stehen.“ Dem stimmte Corinna Sladky zu. Der Landkreis hätte jetzt auch einen Bildungskoordinator als Ansprechpartner für neu Zugewanderte.

Der Integrationsordner mit Hinweisen auf Ansprechpartner, Wissenswertes und das gesellschaftliche Leben im Landkreis, den es bisher in drei Sprachen gibt, könne gern auch ins Polnische übersetzt werden, warb Corinna Sladky um Mitarbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Jetzt seien auch noch Übersetzungen in Russisch und Rumänisch geplant.

Gleich im Anschluss stellten Ann Fabini, Integrationskoordinatorin im Landkreis, und auch Katrin Schuchna, Programmbereichsleiterin Integration, Deutsch als Fremdsprache und Grundbildung an der Kreisvolkshochschule, den Kontakt zu einem Vertreter der Polen in Haldensleben her.