Haldensleben l Morgen ist Totensonntag. Der Tag, an dem Protestanten der Verstorbenen gedenken. Das vor liebevoll gepflegten Gräbern zu tun, ist immer weniger Menschen wichtig. Auf den Haldensleber Friedhöfen entscheiden sich mittlerweile mehr als die Hälfte für die anonyme Urnenbestattung.

Schon seit einigen Jahren geht der Trend zur Urne. Nach Angaben der Stadt sind mittlerweile neun von zehn Bestattungen Urnenbeisetzungen. Vor zwei Jahrzehnten waren es noch sieben von zehn gewesen. Rund 65 Prozent der Urnen werden anonym oder teilanonym beigesetzt.

Grabstelle bleibt unbekannt

Teilanonym heißt: Die Urne wird im Beisein von Angehörigen beigesetzt, die genaue Grabstelle wird aber nicht gekennzeichnet. Es gibt aber eine zentrale Gedenkstätte mit den Namen aller dort Bestatteten. Anonyme Bestattungen hingegen nimmt die Friedhofsverwaltung vor, ohne dass Angehörige dabei sein können.

Für beide Varianten will die Stadt zukünftig mehr Möglichkeiten schaffen. Auf dem Süplinger Friedhof soll im kommenden Jahr eine Urnengrabanlage für teilanonyme Beisetzungen entstehen. Im Haushalt sind dafür 77 000 Euro vorgesehen, von dem Geld will die Friedhofsverwaltung allerdings auch eine Sanierung am Denkmal für Widerstandskämpfer sowie Baumpflanzungen bezahlen. Auf dem Friedhof in Süplingen gibt es bislang nur eine anonyme Urnengrabanlage. Ortschaftsrat und Einwohner hätten sich eine teilanonyme Anlage gewünscht, heißt es von Seiten der Stadtverwaltung.

Platz reicht nicht mehr

Auch auf dem städtischen Friedhof in Haldensleben soll etwas passieren. Mitte der 90er Jahre war dort die erste anonyme Urnengemeinschaftsanlage entstanden. Zwölf Jahre später folgte die zweite, weil der Platz auf der alten nicht mehr ausreichte. Nun können die Friedhofsmitarbeiter auch auf der zweiten Anlage bald niemanden mehr beisetzen. Die Verwaltung rechnet damit, dass im Jahr 2021 keine Grabplätze mehr frei sein werden.

Es muss also wieder ein neues anonymes Gräberfeld her. Die Planungen laufen bereits. Im Haushalt sind 82 000 Euro für die neue Anlage vorgesehen. Wie genau sie aussehen soll, ist noch nicht entschieden. „Das Planungsbüro ist dabei, einige Varianten zur Gestaltung zu erarbeiten“, sagt Stefanie Stirnweis, Pressesprecherin der Stadt.

Anonyme Urnenbeisetzung günstiger

Auf der alten anonymen Grabanlage dürfen die Friedhofsmitarbeiter erst einmal niemanden beisetzen. Es gelte eine Ruhefrist von 20 Jahren, die erst nach der letzten Beisetzung auf dem Grabfeld beginne, erläutert Angelika Witt, die in der Stadtverwaltung den Bereich Friedhöfe leitet.

Witt sagt, es sei vor allem der Pflegebedarf für Einzelgräber, der Menschen dazu bewege, lieber anonym bestattet zu werden. Sie wollten ihren Angehörigen so nicht zur Last fallen. Zudem ist ein anonymes Urnengrab billiger. Die Friedhofsverwaltung nimmt dafür laut Witt 764 Euro. Hingegen würden für eine Erdbestattung im einzelnen Grab für 30 Jahre etwa das Doppelte fällig.

Seebestattungen werden beliebt

Den Trend zur anonymen Urne kann Norman Stadler bestätigen. Er ist Inhaber des Bestattungsinstituts Stadler in Haldensleben. Nach eigenen Angaben betreut er rund 300 Bestattungen im Jahr. Rund 96 Prozent seien heute Feuerbestattungen, sagt er. Anfang der 90er Jahre, als sein Vater den Betrieb geführt habe, seien es noch unter fünf Prozent gewesen, berichtet er. Immer beliebter würden heute außerdem Seebestattungen, bei denen die Asche ins Wasser gestreut wird. „Viele wollen die Asche auch gerne mit nach Hause nehmen“, sagt Stadler. Das alldings sei in Sachsen-Anhalt verboten, betont der Bestatter.

Im Trend zur anonymen Urne sieht Stadler auch einen gesellschaftlichen Wandel hin zu weniger engen familiären Bindungen. Eine Umkehr des Trends ist nicht in Sicht. Von der Stadtverwaltung heißt es dazu: „Wir glauben, dass der Trend zur anonymen und teilanonymen Urnenbeisetzung auch weiterhin bestehen wird.“