Calvörde l Im Mittelpunkt des Gedächtnisaktes auf dem jüdischen Friedhof in Calvörde stand das Gedenken an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. „Es war ein Pogrom, das bedeutet: menschenverachtende Hetze, massive Ausschreitungen gegen Hab und Gut, brutale Gewalt gegen unschuldige Menschen. Heute wissen wir, es sollte alles noch viel schlimmer kommen als in jener Nacht. Unrecht und Gewalt bis zum Morden von sechs Millionen Juden hatte begonnen“, erinnerte Pfarrer Jürgen Dittrich vom evangelisch-lutherischen Pfarrverband.

Calvördes Bürgermeister Volkmar Schliephake (CDU) sagte: „Vor 80 Jahren wurden in Deutschland viele hunderte jüdische Synagogen in Brand gesetzt oder geplündert. Die Feuerwehren hatten den Befehl, allein die Ausbreitung des Brandes auf die Umgebung zu verhindern, aber nicht zu löschen.“ Schliephake erinnerte an die damaligen Geschehnisse und dem Auftakt der systematischen Judenausrottung.

Aufruf zur Wachsamkeit

Reinhard Rücker, stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins, rief zur Wachsamkeit auf: „Wir erinnern uns in diesen Tagen an die Novemberpogrome in unserem Land vor 80 Jahren. In uns lebt der Wunsch, für uns und für die kommenden Generationen zu lernen, was es heißt: Einander zu heilen und nicht zu verletzen, sich respektvoll und solidarisch zu begegnen und nicht voller Verachtung.“

Heimatvereinsvorsitzende Christa Merker sagte: Das Erinnern an diese Schrecken mag für uns traurig und vielleicht sogar unangenehm sein. Wir tun es aber in der Hoffnung, dass unsere Traurigkeit und unser Erschrecken uns Klarheit gegenüber das, was wir in Zukunft auf jeden Fall verhindern wollen, denn Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit sollen sich sicher fühlen in unserem Land. Sie waren schon immer und sind auch bis heute eine große Bereicherung!“

Pfarrer Winfried Runge von der Pfarrei St. Christophorus - Haldensleben appellierte: „Die Erinnerung möge uns aber wachsam machen für den Hass und die Herabwürdigung weiterer Bevölkerungsgruppen in unserem Land, mögen es Migranten oder Andersdenkende sein.“ Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder ihrer Herkunft abzuwerten, sei – nach den Ausführungen von Runge – weder im Sinne irgendeiner Religion noch im Sinne der Menschenrechte.

Schliephake richtete seinen Blick in die Gegenwart: „Diesen Antisemitismus hat unser Land noch nicht vollständig überwunden. Aktuell gibt es in Europa und in Deutschland eine besorgniserregende Entwicklung.“ Einer Tradition folgend legten die Besucher zum Gedenken an die Toten einen kleinen Stein auf ein Grabmal. Nico Bliesener aus Böddensell begleitete die Veranstaltung musikalisch auf seinem Saxophon und spielte Stücke wie „Als ich fortging“ von der Gruppe Karussell.