Flechtingen l Bei Sigmund Hahn ist es Durchfall. Nicht gerade ein häufiges Symptom nach einer Corona-Infektion. Zudem hat er weder Fieber noch Husten, als er bei seinem Hausarzt vorspricht. Der geht von einem Infekt aus, schickt Hahn wieder nach Hause. Insgesamt acht Tage erträgt der 61-Jährige den Durchfall in seiner Wohnung in Salzgitter. Dann ist er so schwach, dass er nicht mehr aus der Badewanne kommt.

Hahn muss auf die Intensivstation, er wird getestet, es ist Covid-19. Er wird ins künstliche Koma versetzt, Luftröhrenschnitt, Beatmungsgerät, mehrere Wochen liegt er in der Lungenklinik Lostau. Seine Chancen, am Leben zu bleiben, schätzen die Ärzte auf 50 Prozent. So hätten sie es seiner Frau gesagt, berichtet er. Doch Hahn überlebt den schweren Verlauf der Krankheit.

In den Alltag zurückkehren ist nach Krankheitsverläufen wie diesem nicht ohne weiteres möglich. Für die Patienten gibt es besondere Reha-Programme. Eben darauf hat sich die Median-Klinik in Flechtingen spezialisiert. Seit Mai haben mehr als 20 Patienten das dortige Reha-Programm nach überstandener Corona-Infektion schon absolviert. Laut Chefarzt Per Otto Schüller kommen sie aus ganz Deutschland. Auch aus dem Ausland habe ihn kürzlich eine Anfrage erreicht, berichtet der Mediziner, der in der Flechtinger Klinik die Abteilungen für Herz- und Lungenheilkunde leitet. Teilweise hätten sie in den vergangenen Wochen bis zu sieben Patienten gleichzeitig in der Klinik gehabt, derzeit seien es zwei, berichtet Schüller. Maximal könnten sie 20 Therapieplätze anbieten.

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Bei der Behandlung arbeiten die Ärzte in Flechtingen mit den Median-Kliniken in Heiligendamm an der Ostsee und im nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen zusammen. In Heiligendamm hätten bereits um die 60 Patienten die spezielle Reha in Anspruch genommen, berichtet Schüller. Gemeinsam mit den Kollegen der beiden anderen Standorte und Wissenschaftlern der Uni Lübeck forsche er zudem zu den Langzeitschäden bei schweren Covid-19-Verläufen.

Schwere Fälle lösen Traumata aus

Wie schwierig die Situation für einige Patienten auch nach überstandener Infektion sein kann, hat Schüller in den vergangenen Wochen erlebt. Bei einigen schweren Fällen, bei denen die Patienten etwa eine Nahtoderfahrung gehabt hätten, zeigten sich Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hinzu kämen Konzentrationsstörungen, Schluckstörungen oder eine Störung des Gangs.

Und dann natürlich die Lunge: Ihre Funktionen zu stärken, ist ein Hauptziel der Therapie in Felchtingen. Mit speziellen Atemübungen soll sich die Atemmuskulatur der Patienten verbessern. Ausdauertraining und Krafttraining, teils an speziellen Trainingsgeräten, stehen auf dem Programm. Insgesamt 21 Tage dauert die Therapie. Ziel sei es, eine Alltagstauglichkeit zu erreichen, betont Schüller.

Wie weit die Patienten sind, wird an der Flechtinger Klinik mit einem Sechs-Minuten-Lauf gemessen. Teilweise würden die Patienten in dieser Zeit nur eine Wegstrecke von 300 Metern zurücklegen, berichtet Schüller.

Auch Hahn legte in der Zeit anfänglich nur wenig mehr als 300 Meter zurück. Tage zuvor habe er noch überhaupt nicht laufen können, berichtet der 61-Jährige. Schon länger hat der Niedersachse einen Herzschrittmacher, vor zehn Jahren hatte er eine Herz-OP. Hahns Therapie in Flechtingen wurde noch eine Woche verlängert. Mittlerweile ist der Familienvater aus der Klinik entlassen.