Haldensleben/Greifswald l Sie hat es eher nebenbei erfahren. Hanna Wichmann saß im Wartezimmer einer Ergotherapie, als jemand ihr sagte, dass sie als Parasportlerin des Jahres nominiert wurde. „Ich konnte es gar nicht fassen. Es ist ein cooles Gefühl“, sagt die 23-Jährige und strahlt. Gegen vier weitere Sportler geht sie nun ins Rennen. Dabei hat Hanna Wichmann nicht nur ein ereignisreiches Jahr hinter, sondern vor allem noch vor sich.

Die junge Frau strahlt ihr Gegenüber meist an. Sie hat große, blaue Augen, die vor allem dann funkeln, wenn sie vom Sport erzählt. Wenn sie spricht, bewegen sich ihre Hände oft schnell und zackig. Manchmal geschieht das aus Versehen. Denn Hanna Wichmann leidet von Geburt an an einer spastischen Tetraparese. Das bedeutet, dass Arme und Beine teilweise gelähmt sind, aber erhöhte Muskelspannungen aufweisen. Deshalb sitzt die junge Frau im Rollstuhl. Doch ihr Werkzeug, ihren rechten Arm, den kann Hanna Wichmann bestens bewegen.

Und dieser rechte Arm wurde in diesem Jahr auch mehr bewegt als jemals zuvor. „Das Jahr war von Februar bis November mit Trainingslagern und Wettkämpfen vollgestopft“, erzählt sie. Zwei Sportarten begeistern Hanna Wichmann: Das Kugelstoßen und das Kegelwerfen. Ist sie beim Sport, ist die 23-Jährige in ihrem Element.

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In Haldensleben hat alles begonnen

Dabei hat alles in Haldensleben begonnen. Im Jahr 2010 meldete ihre Mutter Claudia Wichmann sie beim Gesundheits- und Behinderten-Sportverein Haldensleben an. „Wir wollten ihr Bewegung verschaffen. Das daraus eine Lebensaufgabe wird, wussten wir nicht“, erinnert sich die Mutter. Zufällig kam Hanna Wichmann an den Trainer Christian Wischer, der sie fortan trainierte und ihr den Weg für ihren jetzigen Erfolg ebnete.

Letztes Jahr Europameisterschaft in Berlin, dieses Jahr Weltmeisterschaft in Dubai, nächstes Jahr Paralympische Spiele in Tokio – Hanna Wichmann klettert die Karriereleiter stetig nach oben. Sie spricht von einem „mittelverkorksten“ Jahr 2019, auch wenn ihre sportlichen Erfolge etwas anderes zeigen.

Die Vize-Europameisterin durfte trotz hoher Normen bei der Para-Weltmeisterschaft in Dubai antreten. Für den deutschen Kader holte sie mit 16,09 Metern beim Keulenwerfen Platz 7 und beim Kugelstoßen mit 4,26 Meter den 8. Platz. „Trotzdem war es aufregend, die Zeit der Weltmeisterschaft mit der deutschen Nationalmannschaft zu erleben“, sagt sie rückblickend.

Auf der Weltrangliste zählen Nuancen

Doch die Zeit in Dubai bedeutete für die Sportlerin vor allem Training – jeden Tag, unermüdlich. Da sie abends Wettkampfzeit hatte, wurde auch abends trainiert. Von 16 bis 18 Uhr übte sie im Stadion die Würfe. Doch zu dem Sport gehört noch weit mehr dazu, denn auch das Anschnallen an den sogenannten Wurfstuhl muss geübt werden. Aufgrund der unterschiedlichen Behinderungen der Sportler müssen alle sitzend starten. Auf dem Wurfstuhl werden sie festgeschnallt. Unter Wettkampfbedingungen hat Hanna Wichmann fünf Minuten Zeit, um alles festzuzurren. Gelingt dies nicht, kann die Sportlerin disqualifiziert werden.

Was es bedeutet, sich auf der Weltrangliste zu halten, hat die Haldensleberin in diesem Jahr am eigenen Leibe gespürt. Sie ist auf Platz 8 der Weltrangliste im Keulenwerfen, Rang 9 im Kugelstoßen. „Man gerät sehr schnell unter Druck. Ich möchte aber meinen Platz auf der Weltrangliste halten und quäle mich dafür“, sagt sie. In den ersten Jahren habe sie schnell Fortschritte gemacht, aber unter den Weltrangbesten gehe es meist nur noch um Nuancen.

„Ich habe nie damit gerechnet, einmal in der Weltrangliste mitzuspielen. Es ist ein schönes Gefühl“, sagt die bescheidene Sportlerin. Dabei hat sie in Dubai noch nicht ihr volles Potenzial ausgeschöpft. Ihre Bestleistungen liegen bei der Keule bei 17,95 Meter. Diesen Wert erreichte sie beim Grand Prix in Dubai im vergangenen Jahr. Beim Kugelstoßen hat sie den besten Wert in diesem Jahr mit 4,67 Meter bei den Halleschen Werfertagen erreicht.

Dass sie nun als Paralympikerin des Jahres nominiert wurde, ist für Hanna Wichmann eine Ehre. Nun hat sie Chance auf den Titel für Mecklenburg-Vorpommern. Denn dort lebt die Sportlerin seit 2014. Für eine Ausbildung zog sie nach Greifswald, ihre Sportlerkarriere verfolgt sie seither im Landesleistungszentrum für Behindertensport.

Der Alltag der Sportlerin ist streng getaktet. Um 6 Uhr fährt die zertifizierte Mitarbeiterin im Lager- und Onlinversandhandel zur Arbeit. Um 15.30 Uhr fährt sie nach Hause und zieht sich für das Training um. 16.30 Uhr wird trainiert. 18.30 Uhr ist Physiotherapie. 20 Uhr ist Hanna Wichmanns Tag zu Ende. So läuft fast jeder Tag der 23-Jährigen ab. „Das ist es mir wert“, sagt sie. „Ohne Sport geht es einfach nicht.“

Ihren Alltag meistert die junge Frau größtenteils eigenständig. Doch ganz ohne Hilfe geht es nicht. Da sie nicht selbständig stehen kann, ist ein Pflegedienst notwendig. Deswegen ist sie im betreuten Wohnen untergekommen. „Ich lebe mein Leben weitestgehend unabhängig. Das ist mir wichtig. Ich muss aber auch damit leben, dass ich immer Hilfe brauche“, sagt Hanna Wichmann. Doch es gebe auch Momente, in denen sie das Gefühl hat, dass sie komisch angesehen wird. „Die Menschen schauen mich oft an, fragen aber nie“, erzählt Hanna Wichmann. Oftmals habe sie auch das Gefühl, gar nicht wahrgenommen zu werden.

Paralympics als i-Tüpfelchen

Nach zwei bis drei Wochen in ihrer Wahlheimat zieht es die Sportlerin immer wieder zu ihren Wurzeln zurück. Dann setzt sie sich über fünf Stunden in den Zug, um ein kleines bisschen Heimat zu schnuppern. Oftmals begleitet sie dann ihren Bruder, der ein begeisterter Fußballer beim Haldensleber Sportclub (HSC) ist, zu seinen Spielen. „Wir sind eben eine sportliche Familie“, sagt Hanna Wichmann und lacht.

Diese Zeit, in der die 23-Jährige regenerieren kann, ist für die Sportlerin wichtig. Ihr rechter Arm war in diesem Jahr fast ununterbrochen im Einsatz – Trainingscamp, Wettkampf, Alltagstraining. „Das Jahr war kräftezehrend“, sagt sie. „Ich musste immer fit bleiben.“ Physiotherapie, Ergotherapie und Massagen gehören dazu, um den Wurfarm als auch die Beine zu pflegen und zu regenerieren.

Das nächste Ziel hat Hanna Wichmann bereits vor Augen: Die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio. Auch dort sind die Anforderungen hoch, doch es wäre das „i-Tüpfelchen“ für die Sportlerin. Ob sie teilnehmen darf, erfährt sie erst in einigen Monaten. „Es gibt Tage, an denen ich mich frage, warum ich das alles auf mich nehme. Aber ich habe ein großes Ziel vor Augen und das treibt mich an“, sagt die Vollblutsportlerin.

Doch noch bevor die Zusage für Tokio vielleicht ins Haus flattert, steht die Wahl der Parasportlers des Jahres in Mecklenburg-Vorpommern an. Im Internet können die Zuschauer für ihren jeweiligen Liebling voten. Hanna Wichmann ist deswegen derzeit auf Stimmenfang. „Ich habe den Link schon an alle Bekannten geschickt. Vielleicht kann man dem Glück ein bisschen nachhelfen“, sagt Hanna Wichmann und schmunzelt.

Noch bis zum 12. Januar kann unter www.mv-sportlerdesjahres.de für die Sportler gestimmt werden.