Calvörde l „Hildchen liest uns gleich ein Märchen vor“, rufen voller Vorfreude die Frauen und Männer, die mit allen Freunden und Gästen im Obergeschoss im Haus Bonin Weihnachten feiern. Hildegard Wiechert ist mit 94 Jahren die älteste der insgesamt 49 Bewohner in den Häusern der Evangelischen Stiftung Neinstedt in Calvörde und Etingen.

Während sie im schweren Polstersessel Platz nimmt, holt Teamleiter Michael Lange ihr das dicke Buch. Mucksmäuschenstill lauschen die Zuhörer der Geschichte von den Tieren, die gemeinsam das Böse besiegen und im Wald friedlich Weihnachten feiern.

Auch Hildegard Wiechert hat in ihrem Leben viel Schreckliches, aber auch viel Gutes erlebt. „Ich habe einen Schutzengel“, sagt sie 94-Jährige beim anschließenden Kaffeetrinken. Auf die Frage, was das Weihnachtsfest für sie bedeutet, hat sie große Mühe, ihre Tränen zu verbergen. „Weihnachten macht mich immer ein bisschen traurig“, gesteht sie und erzählt aus ihrem Leben. Seit 71 Jahren sind die Neinstedter Anstalten ihr Zuhause. Sie kam 1925 in Aweyden (Ostpreußen) auf die Welt. Hildegard Wiechert erzählt, dass sie in ihrer Familie sechs Kinder waren – drei Mädchen und drei Jungen. Sie war das jüngste Kind. „Meine Mutter ist früh gestorben. Mein Vater war im Krieg geblieben. Auch meine Brüder mussten an die Front. Die Russen kamen zu uns nach Hause und haben mich und meine Schwestern mitgenommen. Es wurde uns viel Schlimmes angetan. Nur mich gibt es noch“, sagt sie mit leiser Stimme. Hildegard Wiechert erzählt, dass sie als junges Mädchen drei Jahre lang in russischer Kriegsgefangenschaft war. „Meine Füße sind mir damals erfroren. Die Ärzte wollten mir schon ein Bein abnehmen. Außerdem hatte ich Ausschlag auf dem Kopf. Es war eine schreckliche Zeit“, denkt sie zurück. Die Bilder von damals sind geblieben. Mit leiser Stimme spricht sie weiter: „Ich habe viel durchgemacht. Aber schon damals habe ich wohl einen Engel gehabt, der mich bis heute beschützt“.

Bilder

Gezeichnet und traumatisiert von den damaligen Erlebnissen im Krieg und in der Gefangenschaft kam die damals 22-Jährige 1948 ins Schloss Detzel, das zu den Neinstedter Anstalten gehörte. Ihr Schutzengel habe dafür gesorgt, dass sie an diesen behüteten Ort Obdach fand. „Als ich im Schloss Detzel ankam, hatte ich kurz geschorene Haare und einen alten Anzug an. Der Heimleiter dachte, ich wäre ein Junge und gab mir erst einmal einen warmen Mantel“, denkt sie zurück. „Es gab damals ja keine Therapien. Ansonsten hätte Hildchen vielleicht ein ganz normales Leben führen können“, sagt Lange.

Viele schöne Jahre im Schloss

Viele schöne Jahre habe sie im Schloss erlebt. 2002 zog sie dann mit ihren Mitbewohnern in die neuen Häuser nach Calvörde. Im Haus Bonin lebt sie in einem hellen geräumigen Zimmer. „Die alten Schränke habe ich aus dem Schloss mitgenommen“, verrät sie und zeigt auf ihre Kostbarkeiten. Dazu gehören auch ihre Fotoalben, die voll Erinnerungen stecken. Glücklich sei sie, dass sie ihre „Familie“ bei den Neinstedter Anstalten gefunden hat. „Hier ist mein Zuhause“, sagt sie.

Der Teamleiter streichelt ihr über den Kopf und erzählt: „Hildchen ist in der Wohngruppe immer noch sehr aktiv. Sie ist morgens immer die erste. Sie hilft den anderen Bewohnern beim Bettenmachen. Auch wenn sie jetzt auf die Hilfe eines Rollators angewiesen ist, sorgt sie für Ordnung. Sie ist die gute Seele in der Gruppe“, schwärmt Lange.

„Vor einigen Jahren war Hildchen sehr krank“, erzählen ihre Mitbewohner. Ihr Schutzengel war rund um die Uhr im Einsatz. Ärzte und Betreuer gaben sie nicht auf. Sie wurde wieder gesund. Mit dem Alter gibt es immer wieder gesundheitliche Herausforderungen, die sie voller Lebenswillen meistert.

Trotz ihres Schicksals habe sie nie ihren Humor verloren. Gelernt hat sie von ihrer Jugend an, dass sie sich in der Gemeinschaft behaupten muss. Sie lässt sich nichts gefallen. „Wenn es sein muss, kann ich auch schimpfen“, betont sie. Im Haus begegnen ihr alle überaus respektvoll.

Die Bewohner genießen sichtlich die Geborgenheit in der Einrichtung, trösten sich gegenseitig und freuen sich auf die Geschenke und das gute Essen.

„Nur wenige unserer Bewohner fahren Weihnachten zu ihren Familien. Vor allem die Älteren haben gar keine Angehörigen mehr. Und manchmal bestehen gar keine Kontakte mehr zu den Familien. Alle, die im Haus bleiben, feiern in kleinen Wohngruppen. Jeder bekommt ein Geschenk und natürlich ein Festtagsessen – Gulasch und Rouladen sind am beliebtesten“, beschreibt Lange.

Höhepunkt der Weihnachtsfeier ist der Auftritt des evangelischen Kirchenchores Bülstringen/Wieglitz. Mit altbekannten Liedern sorgt der Chor für besinnliche Festtagsstimmung. Anne-Marie Krause dirigiert, lädt zum Mitsingen ein und kündigt das Lied „Am Weihnachtsbaum, die Lichter brennen“ an. „Am Weihnachtsbaume, da hängt ’ne Pflaume“, ruft eine Bewohnerin und alle – auch die Chormitglieder – müssen herzlich lachen. Dann erschallt der Gesang und verbreitet ein harmonisches Miteinander. Der 83-jährige Martin Ahrent vertritt die Tenöre, die an diesem Tag mit dem Großteil des Chores in Magdeburg einen Auftritt haben.

Groß ist die Freude über den Besuch von Moritz Körtge. Der junge Mann hatte ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Behinderteneinrichtung absolviert und dabei viele Freundschaften mit den Bewohnern geknüpft. „Moritz ist bei uns immer willkommen“, betont Lange. Der 19-jährige Bülstringer bringt einen selbst gebackenen Kuchen mit und löst sein Versprechen ein, bei Veranstaltungen mitzuhelfen.

Auch Hildegard Wiechert hat den jungen Mann in ihr Herz geschlossen. Eines steht für die betagte Dame fest, ihren Lebensabend möchte sie gemeinsam mit ihrem Schutzengel im Haus Bonin verbringen: „Wo soll ich denn sonst hin? Hier bin ich Zuhause.“