Velsdorf l Seine Recherchen ergaben, dass Velsdorf 946 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Demnach könnte – wenn nicht die Corona-Pandemie dazwischen gekommen wäre – das 1075. Bestehen des Dorfes in diesem Jahr groß gefeiert werden. „Es hat mir schon immer großes Interesse bereitet, in die Vergangenheit einzutauchen. Wir müssen die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen“, sagt Wilfried Bammel bei einem Treffen – coronabedingt an der frischen Luft – auf dem Velsdorfer Friedhof. Seiner Ansicht nach sei es wichtig zu wissen, woher man kommt. Über die Ahnenforschung ist Bammel auf die Dorfgeschichte gestoßen. Die Mission des selbst ernannten Heimatforschers ist es, mit Recherchen einen Teil der Geschichte als Art Vermächtnis für die Nachkommen zu hinterlassen.

Von Lemsell ging es nach Velsdorf

Geboren ist Wilfried Bammel in Lemsell. „Durch Zufall bin ich auf meinen Ururgroßvater Heinrich – Christoph Hallmann gestoßen, der dort den legendären Lärchenwald angepflanzt hatte. Das hat mich motiviert, weiter zu forschen“, erzählt der Chronist. 2018 hielt Bammel mit seinen Forschungsergebnissen einen Vortrag, anlässlich der Feierlichkeiten zum 950. Jahrestag der erstmaligen Erwähnung seines Geburtsortes Lemsell.

Zuhause fühlt sich der Hobbyforscher jedoch inzwischen in Velsdorf. 1971 heiratete er nämlich dort seine Frau Edith. Beruflich bedingt zog die Familie damals an die Ostsee. 1993 kam er nach Velsdorf zurück. „Es wird ein geschichtsträchtiges Jahr. Velsdorf wird nicht nur 1075 Jahre alt, auch persönlich befinde ich mich in einem Jubiläumsjahr – meinen 70ten. Im Herbst wollen meine Frau und ich dann unsere Goldene Hochzeit feiern“, blickt Bammel voraus.

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Kirchenbücher, Archive und das Internet

Mit der Rückkehr in die Heimat begannen auch seine Recherchen. Kirchenbücher, Archive und das Internet waren die wichtigsten Quellen. „Meine Heimatforschung führte mich an Hand von Indizien zu der Erkenntnis, dass Velsdorf mit dem in der vom 29. Januar 946 datierten Schenkungsurkunde von Otto I. als Fastlevesthorp bezeichneten Ort übereinstimmt“, sagt Bammel. Er zeigt auf einer Karte im Handatlas für die „Geschichte des Mittelalters und der neuen Zeit“ von 1880 den Standort von Fastlevesthorp, der identisch mit den Koordinaten von Velsdorf ist. „Anhand der Lage der umliegenden Orte besteht für mich kein Zweifel daran, dass es sich bei Fastlevesthorp um unser heutiges Velsdorf handeln muss“, betont Bammel. Er gesteht, dass es ihn frustriert, denn es sei ihm nicht gelungen, herauszubekommen, wie aus dem Namen Fastlevesthorp letztendlich Velsdorf entstanden ist.

Fakt sei, dass in der Zeit des Übergangs von der althochdeutschen zur mitteldeutschen Sprache im 10. Jahrhundert viele Ortsnamen bis zu deren Unkenntlichkeit geschliffen worden. Zudem seien Schriftstücke in Latein verfasst aber infolge des gesprochenen Wortes im Althochdeutschen nach dem „Gehör“ aufgeschrieben worden.

Suche nach der Urkunde begann

Im Landesarchiv Hannover stieß der 69-Jährige auf den entscheidenden Hinweis. „Otto der I. hat mit der Urkunde vom 29. Januar 946 Fastlevesthorp an das Servatiuskloster Halberstadt in Quedlinburg an seine Mutter, der Äbtissin des Klosters, zu ihrer Seelenheil geschenkt“, erklärt der Hobbyforscher.

Die Suche nach der Urkunde begann. Das Landesarchiv Niedersachsen verwies ihn an das preußische geheime Staatsarchiv Berlin. „Dort habe ich angerufen. Sie sagten mir, dass die Urkunde mal bei ihnen war, aber mit der politischen Wende an das Land Sachsen-Anhalt gegeben wurde“, berichtet der Velsdorfer. Im Archiv in Magdeburg wurde er fündig. Stolz präsentiert Bammel eine Kopie der Urkunde.

Ergebnisse sind Gemeinschaftsarbeit

Der Velsdorfer betont, dass das Ergebnis seiner Recherchen eine Gemeinschaftsarbeit ist. „Das Wissen einer Gruppe ist immer größer, als das Wissen eines Einzelnen in dieser Gruppe“, sagt er und bedankt sich bei Helmut Mewes von der Geschichtswerkstatt „Samuel Walther“ in Wegenstedt, bei Andreas Knauf, Pfarrer im Ruhestand aus Calvörde und bei seinen Freunden Norbert Grothe und Karl-Heinz Mahnecke aus Velsdorf sowie bei Stephan Schmidt aus Berlin.

„Steinerne Seiten“ der Ortschronik

Zu den geschichtsträchtigen Plätzen im Dorf gehört auch der Friedhof. Bammel bezeichnet diese Ruhestätten als die „Steinernen Seiten“ einer Orts-chronik. „Sie gewähren uns Einblicke in die Vergangenheit, die man nicht nur sehen, sondern auch anfassen kann. Hier ist die Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes noch in Stein gemeißelt“, beschreibt Bammel. Leider seien in jüngster Vergangenheit viele „Seiten“ aus dieser Chronik entfernt, die den Nachfahren in der Zukunft unwiederbringlich fehlen.

Eiserne Friedhofsglocke klingt noch heute

Nicht aus Stein sondern aus Eisen ist die Friedhofsglocke, die auf einer freistehenden Konstruktion per Hand zu läuten ist. „Ursprünglich war die Velsdorfer Glocke eine Spende von der Frau eines Bauern für die Schule, die gleichzeitig auch als Kapelle genutzt wurde. Sie hatte die Glocke von ihrem Bruder geerbt“, weiß Bammel aus alten Aufzeichnungen.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurde die Glocke – wie viele andere auch – wahrscheinlich eingeschmolzen. „Die Glocke, die nun auf dem Friedhof läutet, stammt aus dem Jahr 1952 und war früher die Schulglocke.

Jubiläumsfeier wird nachgeholt

Eigentlich sollte das Jubiläum von Velsdorf gefeiert werden. Vorgesehen war es, einen Findling mit einer Gravur zu enthüllen. Die Corona-Pandemie lässt den Plan scheitern. Die Feierlichkeit soll aber nachgeholt werden. Außerdem wollen sich die Velsdorfer an den Festtagen der Gemeinde Calvörde, die 2020 ausgefallen waren und 2021 nachgeholt werden sollen, beteiligen. Die Dörfer sollen sich mit ortstypischen Darbietungen einbringen. 1075 Jahre Velsdorf ist das Motto, bei dem sich alle Velsdorfer Vereine beteiligen können. „Ein Ort, der 1075 Jahre auf dem Buckel hat, verdient unser aller Respekt, im Mittelalter einstmals ,wüst‘ gefallen, wurde es wieder aufgebaut und neu besiedelt. Im November waren 86 männliche und 81 weibliche Einwohner in Velsdorf gemeldet. Schon unsere Ahnen scheinen gewusst zu haben, dass es sich in Velsdorf gut leben lässt“, sagt Bammel mit dem Blick auf die zunehmende Einwohnerzahl.