Haldensleben l Wenn Smilla an die Startlinie geht, ist höchste Konzentration angesagt. Mit ihrem Pferd gilt es, den Parcours aus verschieden hohen Hindernissen perfekt zu überwinden. Der einzige Unterschied zum normalen Reiten: Nicht die Hufe des Pferdes springen über das Hindernis, sondern Smillas Stiefel. Sie ist eine der Teilnehmerinnen, die am ersten Trainingstag zum „Hobby Horsing“ – also das Reiten ganz ohne Pferde – in der Reithalle König teilgenommen haben.

Es ist ein etwas bizarrer Anblick für Außenstehende, was sich in der Reithalle abspielt. Etwa 25 Mädchen galoppieren durch die Halle – das Steckenpferd immer zwischen den Schenkeln. Die Mähnen fliegen nur so umher – sowohl bei den Reiterinnen als auch bei den Pferden. So laufen sie auf die Hürden zu, manchmal scheut das Pferd, manchmal gelingt der Sprung aber auch auf Anhieb perfekt.

Was sich nach einem Scherz anhört, ist in Finnland längst eine Trendsportart. Das „Hobby Horsing“ hat sich dort bereits zu einem Turniersport entwickelt. „Wir haben uns damit beschäftigt und wollten das gern in Haldensleben anbieten“, sagt Jessica König, die das Steckenpferdreiten nach Haldensleben geholt hat. Prompt meldeten sich junge Sportlerinnen mitsamt Pferd an.

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Spring- und Dressurreiten

Dabei betreiben die Steckenpferd-Fans das Hobby durchaus sehr ernst. Fast jede der anwesenden Teilnehmerinnen hat das Pferd eigenhändig in mühsamer Kleinstarbeit genäht – mitsamt Knopfaugen, wallender Mähne und weichen Nüstern. Bei den Plüschtierpferdeköpfen mit Zaumzeug ist alles erlaubt. In der Haldensleber Reithalle war sogar ein Einhorn unter den Tieren vertreten. Jedes Pferd hat selbstverständlich auch einen Namen – bei lebendigen Tieren ist das ja schließlich auch so. Die jüngste Teilnehmerin bei dem Haldensleber Trainingstag, die sich aufs – zugegeben sehr kleine – Steckenpferd hievte, war zweieinhalb Jahre alt.

Doch nicht nur Springreiten gibt es beim „Hobby Horsing“, auch Dressurreiten können die Sportlerinnen üben. Dann kommt es wie beim echten Dressurreiten vor allem auf eine elegante und feine Kür an – gestreckte Füße sind für die Steckenpferdreiterinnen ein Muss. Schritt, Trab und Galopp müssen dann perfekt beherrscht werden. Bei Turnieren, wie sie in Finnland bereits ausgetragen werden, wird auf die Schwierigkeit der Kür geachtet und darauf, dass immer eine Hand an dem Pferd und die andere am Zügel ist. Das ist eine der wichtigsten Regeln beim „Hobby Horsing“.

Die Hindernisse für das Springreiten werden von zwei Trainern eigenhändig zusammengestellt und variiert. „Natürlich verwenden wir keine Hindernisse vom echten Springreiten. Das wäre für die Kinder zu hoch“, so Jessica König. Als springen die Mädchen über kleine Wassergräben aus Mini-Wasserbassins oder über kleine Baumstümpfe.

Keine teuren Reitstunden

Damit die Mädchen auch sachgerecht angeleitet werden, wurden die Jugendreiter Gordon Schridde und Nick Greifert kurzerhand zu Steckenpferd-Trainern umfunktioniert. Die beiden haben sich zahlreiche Videos angesehen und sich auf ihre neue Arbeit vorbereitet. „Wir finden es skurril, wie sich um die Pferde gekümmert wird“, sagt Gordon Schricke. „Aber der Ehrgeiz ist bei den Teilnehmerinnen definitiv da.“ Die beiden Jungtrainer könnten sich durchaus vorstellen, dass „Hobby Horsing“ auch in Deutschland eine Sportart werden könnte. Doch bis dahin müssen sie ihre Schützlinge erst noch trainieren.

Dazu gehört auch Smilla. Sie hat nicht nur das Pferdchen aus Holz und Stoff, das ihre Mutter liebevoll genäht hat, sondern auch ein richtiges. „Ich finde das ,Hobby Horsing’ total cool“, sagt sie. Dabei gibt es für sie gleich mehrere positive Unterschiede zum Reiten auf einem lebendigen Pferd. „Das Stockpferdreiten ist nicht so aufwändig“, berichtet sie. So fällt die Pflege des Tieres nach dem Training weg. Außerdem könne man viele Dinge ausprobieren, die man mit einem richtigen Pferd nicht könne. „Man kann zum Beispiel höhere Dressuren reiten“, so die Vollblutreiterin. Teure Reitstunden können sich Eltern ebenfalls sparen.

Das Fazit des ersten Trainingstags: Die Kinder sind Feuer und Flamme. Deswegen veranstaltet Familie König ein Turnier in der Reithalle. „Wir sehen, dass es den Kindern Spaß macht und hoffen auf rege Beteiligung“, sagt Jessica König. Bis dahin gilt, wie bei fast allem im Leben: üben, üben, üben.

Wer das Spektakel mit seinen eigenen Augen sehen möchte, ist am Sonnabend, 4. Januar, von 13.30 bis 16 Uhr in der Halle an der Bülstringer Straße 106 a willkommen.