Haldensleben l Manchmal ist es nur eine kleine Meldung. Ein Bürger ruft an und berichtet, dass das zweijährige Kind seiner Nachbarin unterernährt und unterentwickelt sei. Es könne weder laufen noch sprechen. Die Wohnung sei nicht beheizt. Im Jugendamt des Landkreises Börde setzt dieser Anruf einen Prozess in Gang, der Jahre andauern kann. Wer ist die Familie? Hatte ein Sozialarbeiter des Teams schon mit ihnen zu tun? Liegt eine Kindeswohlgefährdung vor?

Viele Male hat Manuela Fricke diese Situation schon erlebt. Zwei bis drei Mal in der Woche gehe eine solche Meldung beim Jugendamt des Landkreises Börde ein. Sie ist Teamleiterin des sogenannten Allgemeinen Sozialen Dienstes. Dort arbeiten insgesamt 24 Personen, die für alle Familien des Landkreises zuständig sind. Eine Hälfte davon agiert aus Haldensleben, die andere Hälfte sitzt in Oschersleben. Komplettiert wird der Allgemeine Soziale Dienst vom Pflegekinderdienst, der die Pflegefamilien im Landkreis koordiniert.

Die Arbeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes ist vielfältig. Es geht darum, die Kinder zu schützen, sie notfalls sogar aus der Familie herauszunehmen. Es geht aber auch darum, den Familien zu helfen, ihr Leben wieder zu ordnen, die Familie zu stärken und sie in Sachen Erziehung zu schulen. Die Hilfen sind breit gefächert. So kann auch eine Pflegefamilie eine Art Hilfe sein, auch wenn es sich für die Eltern vielleicht erst einmal nicht so anfühlt. Die Sozialarbeiter nehmen ein Wächteramt ein. „Das ist gerade bei Kleinkindern, die sich selbst noch nicht helfen können, wichtig“, sagt Manuela Fricke.

Jedes Kind wird zum Fall

Jedes Kind wird im Jugendamt zu einem Fall. Auch wenn jeder Fall individuell behandelt wird, ist der Ablauf immer ähnlich. Wird eine Kindeswohlgefährdung gemeldet, prüfen die Mitarbeiter, was an den Vorwürfen dran ist. „Wir besuchen die Familien, wir sprechen mit den Beteiligten und schauen uns die Kinder an“, beschreibt Manuela Fricke die Vorgänge. Je nach Lage des Falls werden entweder die Eltern kontaktiert oder beteiligte Institutionen wie Kindergarten, Schule oder ein Arzt.

Die Mitarbeiter setzen sich dann zu einem Fachteam zusammen. Dort werden die gegebenen Sachverhalte des Falls besprochen und eine weitere Vorgehensweise geplant. Wenn die Situation akut erscheint, fahren die Mitarbeiter sofort zu den Familien – und zwar immer zu zweit.

So war es auch bei dem zweijährigen Kind, das vom Nachbarn gemeldet wurde. Vor Ort löste sich die Situation auf. „Das Kind war erst ein Jahr und drei Monate. Es musste dementsprechend noch nicht zwingend laufen oder sprechen können“, berichtet Manuela Fricke. Die Wohnungsverhältnisse hätten jedoch verdeutlicht, dass die Familie Hilfe brauche.

Wenn Eltern die Probleme nicht sehen

Doch es gibt auch andere Fälle, weiß die studierte Sozialarbeiterin aus Erfahrung. Es gebe Eltern, die die Probleme nicht mehr sehen würden und sie dementieren, auch wenn die Jugendamt-Mitarbeiter sie darauf hinweisen. „Wenn die Eltern keine Probleme sehen, müssen wir eingreifen und das Kind in Obhut nehmen“, so Fricke. Die Kinder werden dann je nach Alter und Situation entweder bei Angehörigen wie Großeltern untergebracht oder in Pflegestellen oder Heimeinrichtungen. Sind die Eltern mit der Inobhutnahme nicht einverstanden, muss das Familiengericht eingeschaltet werden.

Für das Kind sei die Herausnahme aus der Familie oftmals das beste, auch wenn die Entscheidung nicht immer leicht sei. „Einige Eltern reagieren völlig gleichgültig darauf, andere wiederum zeigen sich sehr betroffen“, berichtet Manuela Fricke. Oftmals seien die Familien sogenannte Multiproblemfamilien. Dort kommen mehrere Probleme aufeinander, die das Fass irgendwann zum Überlaufen bringen – Drogen, Beziehungsabbrüche, Trennung, Jobverlust. „Die Eltern sind manchmal in einer Situation, in die sie sich nicht selbst gebracht haben, weil sie beispielsweise eine schwierige Biografie haben“, erklärt Manuela Fricke. Sie als „Rabeneltern“ zu verurteilen bringe niemandem etwas.

Im Gegenteil, die Arbeit des Jugendamtes setzt hier an. Die Eltern werden so unterstützt, dass die Kinder irgendwann wieder bei ihnen leben könnten. Ein Hilfeplan, in dem die Ziele für die nächsten Monate aufgeschrieben werden, hilft dabei. Je nach Problemlage der Eltern kann das ein langer Prozess sein. Meist begleitet ein Mitarbeiter die Familien über Jahre hinweg. Dort sei vor allem eine professionelle Distanz zueinander wichtig, weiß die Teamleiterin.

„Wir müssen uns davor schützen, dass wir zu sehr in die Familien einbezogen werden“, berichtet sie. Hochstrittige Situationen zwischen getrennten Eltern sind für sie alltäglich. „Wenn Elternteile sich streiten, ist es in der Verantwortung der Mitarbeiter, hier eine neutrale Position zu wahren“, beschreibt Manuela Fricke den täglichen Spagat im Berufsleben.

Probleme durch Patchwork-Familien

Das Gezanke ums Kind, das habe es auch früher schon zwischen getrennt lebenden Partnern gegeben. Doch die Familienkonstellationen hätten sich über die Jahre sehr verändert. Sogenannte Patchwork-Familien, bei denen ein oder beide Elternteile ein Kind aus früherer Beziehung mitbringen, seien früher nicht üblich gewesen, während sie heutzutage fast normal seien. Doch das bringe auch Probleme mit sich, die es früher nicht gab.

Manchmal gibt es Fälle, da müssen die Mitarbeiter nicht nur die Kinder, sondern auch sich selbst schützen. Vernachlässigte Babys, schwer verletzte Kinder, unterernährte Schutzbedürftige – die Arbeit ist mitunter emotionsbehaftet. „Es gibt durchaus Fälle, die wir an einen anderen Kollegen übergeben, da die jahrelange Arbeit eine objektive Sicht nicht mehr zulässt“, sagt Manuela Fricke. Die Mitarbeiter müssten in ihrer Person schon sehr gefestigt sein, um das aushalten zu können.

Aushalten müsse man auch die Geschichten, wie das Kind angeblich zu seinen Verletzungen gekommen ist. „Das ist nicht immer nachvollziehbar“, sagt die Sozialarbeiterin. Die Mitarbeiter würden den Eltern mitteilen, dass der erzählte Unfallhergang nicht plausibel sei. Ist ein Kind verletzt, wird im Zweifelsfall immer ein Rechtsmediziner hinzugezogen. Doch dort beginnt auch eine weitere Schwierigkeit, so Fricke: „Selbst wenn wir wissen, was passiert ist, wissen wir meist nicht, welches Elternteil es war.“ Die Straftat kann dann nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. „Solche Fälle können wirklich frustrierend sein“, betont Fricke.

Trotz allem sei der Beruf „unheimlich vielseitig und spannend“, auch wenn es manchmal „brutal, emotional aufwühlend und belastend“ sei. Am Ende eines jeden Tages gebe es auch immer Fälle, die gut laufen, auch wenn man in der Gesellschaft immer nur von den strittigen Fällen spricht. „Ich habe mich 2012 für diesen Job entschieden, weil ich der Meinung bin, dass unsere Kinder den Schutz der Gesellschaft verdient haben“, sagt sie.