Haldensleben l „Das hier ist eine Arterienverletzung und das hier ein Stück vom Darm“, erläutert Stefan Ert relativ ungerührt. Der Ehrenamtliche vom Deutschen Roten Kreuz Sachsen-Anhalt wühlt zwischen Platzwunden und Abschürfungen, fischt ein Auge aus einer Kiste und holt eine Fingerverletzung hervor. Bei den Wunden, die er zeigt, handelt es sich selbstverständlich nicht um echte. Was aber aussieht wie Zubehör für Halloween-Verkleidungen, ist dennoch kein Spielzeug.

„Notfalldarstellung“, so heißt ein wichtiger Bestandteil der Rotkreuz-Arbeit. Am Wochenende haben sich Teilnehmer aus ganz Sachsen-Anhalt in der Haldensleber Jugendherberge darin ausbilden lassen und absolvierten einen ersten Grundkurs. „Die Notfalldarstellung hat ihren Ursprung im Zweiten Weltkrieg“, weiß Stefan Ert, der von allen nur „Snoopy“ genannt wird, zu berichten. Damals seien vor allem von der britischen Armee richtige Schauspieler engagiert worden, denen typische Kriegsverletzungen aufgemalt wurden. Sie mussten glaubhaft Verletzte mimen können, um Schwestern und Sanitäter bestmöglich auf deren Arbeit vorzubereiten.

Auch heute nutzen Rettungsdienste wie die des DRK, der Malteser oder Johanniter, sowie Zivil- und Katastrophenschützer, Feuerwehren, Polizei und auch Notärzte Notfalldarstellungen, um realitätsnah für den Ernstfall zu üben.

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Einsatzkräfte sollen realitätsnah traini

In Deutschland habe es 1964 den ersten Schminkkasten für das Aufbringen von Verletzungen gegeben, den „Mehlem 64“. Heute besorge das Rote Kreuz laut Stefan Ert die Materialien meist einzeln – teilweise seien sie sehr kostenintensiv, aber würden das glaubhafte Darstellen aller möglichen Wunden besser gewährleisten als beispielsweise noch zu DDR-Zeiten. Die Erfahrung zeigt, dass manchmal aber auch Alltagsgegenstände als Schminkutensilien herhalten können. So werden laut den Profis zum Beispiel mit Watte oder Papier gefüllte Kondome gern zu austretenden Därmen nach einer Bauchverletzung umfunktioniert. Verletzungen können aber mit speziellen Modelliermassen auch vorgefertigt, auf den entsprechenden Körperteil aufgebracht und „eingearbeitet“ werden. „Meistens schminken wir die Wunden aber vor Ort selbst, so wird es einfach am realistischsten“, sagt Stefan Ert.

Und das ist wichtig. Ziel der Notfalldarstellung ist es nämlich, Einsatzkräfte möglichst realitätsnah den „Einsatz am Menschen“ trainieren zu lassen. Und dabei wird nichts dem Zufall überlassen. „Wenn du gestürzt bist und diese Schürfwunde hast, dann würden normalerweise nicht solche großen Scherben an diesen Stellen in deinem Bein stecken“, sagt „Snoopy“ zu Jasmin Gräser. Die junge Frau hat ihre Beine zur Verfügung gestellt, damit Noemi Sophia Hannemann und Jessica Jungmann Wunden schminken üben können. Sie haben ihr neben einer großen Schürfverletzung auch Schnittwunden „zugefügt“, zwei große Glasscherben stecken in den Knien. Das sei aber eher unrealistisch, wenn man über Schotter gerutscht ist, sagt Stefan Ert.

Wunden schminken für die Schulsanitäter

Mit seinen über 30 Jahren Mitarbeit beim Roten Kreuz und dem Jugendrotkreuz konnte er schon viele Erfahrungen sammeln, war bei etlichen Großübungen dabei und ist Teil des Notfalldarstellungsteams in Halle. Sein letzter großer Einsatz war eine Übung am Flughafen Halle-Leipzig. „Wir hatten ein Team von zehn Schminkern aus Sachsen und zehn aus Sachsen-Anhalt und mussten 150 Verletzte schminken“, erzählt der Ehrenamtler. Und auch bei solch hohen Zahlen werde auf Realitätsnähe großer Wert gelegt. „Das Kunstblut wird zum Beispiel erst zum Schluss aufgetragen, wenn das Unfallopfer bereits in Position liegt. Denn es muss die richtige Fließrichtung haben“, erläutert Stefan Ert.

Sein Kollege Georg Jobs vom DRK Magdeburg leitet unterdessen die Teilnehmer weiter an. Unter ihnen sind überwiegend junge Leute, die später einmal eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolvieren möchten. Für sie geht es nach dem Grundlehrgang, den man nach abgeschlossener Erste-Hilfe-Ausbildung mitmachen kann, weiter. Dann folgt der Aufbaulehrgang in Notfalldarstellung, für den eine Sanitätsausbildung nötig ist.

Magdalena Sadler aus Loitsche ist zum Grundkurs gekommen, weil sie selbst schon als Mime bei Wettbewerben des Jugendrotkreuzes mitgearbeitet hat und nun auch das Schminken erlernen möchte. Einmal stellte sie beispielsweise eine Verletzte mit Kopfplatzwunde dar, die laut Skript entstanden war, weil Magdalena mit jemandem beim Fangenspielen zusammengelaufen war.

Den kürzesten Weg zum Kurs in Haldensleben hatte Manuela Krimphove. Die Haldensleberin und Mutter leitet den Schulsanitätsdienst an der Erich-Kästner-Grundschule. Zehn Viertklässler sind dort aktiv, zwölf Drittklässler werden gerade zu Schulsanitätern ausgebildet. „Für die Kinder ist es viel anschaulicher, wenn sie kleine Wunden und Verletzungen sehen und dann versorgen können“, sagt Manuela Krimphove. „Deshalb wollte ich das richtig lernen.“

Am Wochenende ging es um Schnitt-, Riss- und Platzwunden, Gelenkverletzungen und mehr. Bei dem Lehrgang wurde aber auch viel Theorie vermittelt, zum Beispiel Rechte und Pflichten der „Wundenschminker“. Denn am Ende, so Stefan Ert, seien diese auch für die Sicherheit der einzelnen Mimen verantwortlich. Auch die Mimik und Gestik nach bestimmten Verletzungen wurde vermittelt. Beim Aufbaulehrgang werde die Reihe der erlernten Verletzungen erweitert, zum Beispiel um Schussverletzungen, Stromverletzungen sowie Bauchverletzungen.

Beim Deutschen Roten Kreuz können Jugendliche ab 14 Jahren Mimen werden. Wer sich über die Notfalldarstellung informieren möchte, kann dies im Internet tun.