Althaldensleben l Lina, die eigentlich anders heißt, will weg. Ihr Vater, die Drogen, die Ablehnung ihres neuen Freundes in der Familie, für das 16-Jährige Mädchen ist das nicht mehr zu ertragen. Als der Vater mitbekommt, dass sie abhauen will, zerreißt er ihren Pass. Egal, Lina geht. Weg aus München, ab nach Südspanien. Mit ihrem Freund.

Ein halbes Jahr später wird Lina in Magdeburg aufgegriffen. Sie ist auf der Durchreise nach Polen, wo sie einst aufgewachsen ist. Sie will zu ihrer Oma. Die Polizei lässt sie nicht weiterreisen, nicht ohne Pass. Zurück zu ihren Eltern will das nun 17-jährige Mädchen nicht. Lina kommt erst einmal nach Haldensleben, ins Kinderheim Waldstraße.

Insgesamt hat das Jugendamt des Landkreises im vergangenen Jahr 122 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Darunter waren nur wenige unbegleitete Minderjährige aus dem Ausland, ihre Zahl sinkt seit der Flüchtlingskrise der Jahre 2015 und 2016. Rechnet man diese Gruppe heraus, ergibt sich ein noch deutlicherer Anstieg der Inobhutnahmen im vergangenen Jahr. Als Hauptgründe benennt Jugendamtsleiter Matthias Wendt hier „erkannte Kindeswohlgefährdungen sowie innerfamiliäre Konflikte“.

Wie ist dieser Anstieg zu erklären? Wendt macht dafür drei Gründe aus. Zum Ersten hätten seine Mitarbeiter im vergangenen Jahr häufiger große Familien betreut, bei denen dann oft viele Kinder in Obhut genommen worden seien. Zum Zweiten setze das Jugendamt nun früher an mit seiner Hilfe für Eltern, etwa mit Familienhebammen. Dadurch seien zusätzliche Fälle der Inobhutnahme zu verzeichnen, berichtet Wendt. Zum Dritten sieht der Jugendamtsleiter des Landkreises eine gestiegene Sensibilität in der Bevölkerung für das Thema Kindeswohl.

Ein Anstieg der Zahlen von Inobhutnahmen verzeichneten auch andere Landkreise, sagt Wendt. Bundesweit sei ein Anstieg festzustellen.

Fast alle Plätze belegt

Im Kinderheim „Waldstraße“ in Althaldensleben sind derzeit alle 16 Betreuungsplätze belegt. Freie Plätze gebe es nur noch in der an das Kinderheim angeschlossenen Trainingswohngruppe für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren, berichtet die Leiterin Doreen Krause. Dort seien noch zwei der fünf Plätze frei.

Krause berichtet, das Kinderheim sei schon immer gut ausgelastet gewesen. Und Krause muss es wissen. Sie war von Anfang an dabei. Als das Kinderheim 1998 in Althaldensleben eröffnete, begann sie dort als Erzieherin, wurde Teamleiterin. Seit 2016 ist sie die Chefin der Einrichtung mit insgesamt 17 Mitarbeitern.

Es komme schon mal vor, dass sie von den Kindern und Jugendlichen „Mutter“ genannt werde. Trotzdem, Ersatzmütter wollten sie und ihre Mitarbeiterinnen im Kinderheim nicht sein. „Wir können keine Familie ersetzen, wir sehen uns als Unterstützer“, sagt Krause. Aufgenommen würden in ihrem Heim junge Menschen zwischen fünf und 17 Jahren. Die größte Gruppe seien die 14- bis 16-Jährigen, berichtet die Leiterin. Träger der Einrichtung ist das Paritätische Sozialwerk Kinder- und Jugendhilfe.

In den 22 Jahren seines Bestehens in Althaldensleben hat das Kinderheim laut Krause mehr als 500 Kinder- und Jugendliche aufgenommen. Einige bleiben nur wenige Wochen, andere viele Jahre. Das Hauptziel sei bei den meisten, dass sie zurück in ihre Familien könnten, betont sie. Deshalb würde auch immer versucht, die Familien einzubinden. Bei der Mehrheit der Kinder und Jugendlichen, die in ihr Haus kämen, gelinge eine Rückkehr zu den Eltern, sagt Krause.

Für Lina kommt eine Rückkehr zu ihren Eltern nach München erst einmal nicht in Frage. Sie ist erst seit wenigen Wochen in Haldensleben, vorerst will sie bleiben. „Frau Krause hat viel für mich getan“, sagt sie.

In neun Monaten wird Lina 18 Jahre alt. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie dann wieder nach Spanien aufbrechen wird, in den Süden, nach Andalusien, zu ihrem Freund. Bis dahin wolle sie Spanisch lernen.