Naturschutz

Klimawandel beeinflusst die Vogelwelt auch im Biosphärenreservat Drömling

Rätzlingen (aro). Traditionell an einem Tag Ende März pirschen ausgerüstet mit Fernglas und Schreibblock seit dem frühen Morgen Kartierer in 19 Bereichen bei der Rastvogelzählung durch das Biosphärenreservat Drömling.

Gezählt werden dabei auch vier Seeadler. „Die Seeadler legen weite Wege zurück. Die Rastvogelzählung ist zu einer Zeit, wo sie schon brüten können und einer schon auf dem Nest sitzen könnte. Deshalb sind es auch noch mehr Exemplare“, erklärt Nicole Eckhardt, Mitarbeiterin der Naturwacht im Biosphärenreservat. Nach den Aufzeichnungen gibt es nämlich vier Seeadlerpaare im Drömling.

Beim Roten Milan werden 50 Exemplare gezählt, das ist das beste Ergebnis seit Beginn der Zählung Anfang der 90er Jahre. Das zweitbeste Ergebnis wurde 2020 mit 45 Vögeln ermittelt. „Inzwischen haben die Landwirte in diesem Frühjahr damit begonnen, ihre Felder zu bestellen. Dann versammeln sich die Rotmilane, die auch weite Strecken zu ihren Nahrungsgründen fliegen“, sagt die Naturwächterin und betont, dass der Drömling ein Hauptverbreitungsgebiet der Rotmilane sei. Dies sei so, weil die Greifvögel hier gute Bedingungen haben. Hilfreich für die Rotmilane und andere Vogelarten für die Futtersuche ist, wenn die Landwirte ihre Flächen in Streifen mähen. Viele Bauern würden die Naturschutzidee damit unterstützen.

Kiebitz und Großer Brachvogel genießen in Deutschland strengen Schutz. Es werde viel für den Erhalt der Bestände getan. Flächenschutz oder Ausgleichszahlungen für Schutz von Gelegen an die Landwirte seien nur zwei Beispiele. „Eine Maßnahme ist, dass wir die Gelege des Großen Brachvogels mit Zäunen schützen. Natürlich müssen wir uns dabei mit den Landwirten abstimmen, damit sie die Zäune nicht in die Mähwerke bekommen“, erklärt Nicole Eckhardt.

Absprachen laufen gut

Nach ihren Erfahrungen funktionieren die Absprachen hierzu gut. Dadurch sei es in den letzten Jahren gut gelungen, die Paare, die noch da sind, zu schützen und die flüggen Jungvögel groß zu bekommen. Drei Brachvögel werden bei der jüngsten Zählung im Sachauer, Rätzlinger und Breitenroder Drömling gesichtet. Die Brachvögel sind standorttreu. Das heißt, die im Drömling geschlüpft sind, kommen auch wieder zurück ins Gebiet. 

Besonderheiten bei der Zählung sind – nach den Ausführungen von Nicole Eckhardt  – zwei Kanadagänse und im Rätzlinger Drömling zwei Rostgänse. 

Viele Ursachen gäbe es, dass die Anzahl der Stare stark gesunken ist. 2012 wurden noch 23.883 Exemplare gezählt, jetzt sind es nur noch 3.000. Eine große Rolle spielt dabei - nach Ansicht von Wolfgang Sender – die Erwärmung des Klimas. Sender gilt als der sogenannte Storchenvater im Drömling. Der Mitarbeiter des Biosphärenreservates ist in den Ruhestand gegangen. Aber nach dem Motto „Einmal Ranger, immer Ranger!“ kümmert sich der Wassensdorfer auch weiter um das Wohl der Tiere und um den Artenschutz im Allgemeinen. „Als wir in den 90er Jahren mit der Rastvogelzählung angefangen haben, gab es viel mehr Vögel“, sagt Sender und verweist auf das Artensterben, das nicht ohne Folgen bliebe. Damals habe es im Drömling 40.000 Kiebitze gegeben. Heute sei die Beschaffenheit der Felder ganz anders als früher. „Wir haben jetzt im Winter ganz wenig Äcker, die noch schwarz sind. Die Arten, wie Goldregenpfeifer und Kiebitze, finden im Winter dort keine Nahrung mehr, weil Wintergetreide oder Zwischenfrucht angebaut werden. Für diese Vögel ist das katastrophal“, schildert der Naturfreund.

Ein anderes Problem sei, dass Kiebitze und die Brachvögel in den Überwinterungsgebieten in Frankreich und Italien noch geschossen werden. „Wir bauen Zäune, um die letzten Bruten zu schützen, damit der Fuchs und der Marderhund sie nicht auffressen. Und in anderen EU-Ländern dürfen diese Vögel geschossen werden, dass ist für diese Arten eine Katastrophe“, kritisiert Sender. Erschwerend dazu komme der Klimawandel. „Das Zugverhalten der Vögel hat sich geändert. Wir merken es bei der Zählung, dass wir viele Arten gar nicht mehr erwischen“, erklärt er. Zum Beispiel hätten zuvor tausende Gänse die milden Winter im Drömling verbracht. Dies sei jetzt nicht mehr so. Ähnlich verhält es sich so mit den Kranichen. „Drei Paare habe ich gesehen, wo ich weiß, dass sie hier auch brüten“, sagt Sender.

Während in der Vergangenheit bis zu 300 Singschwäne im Drömling rasteten, wurden nun gerade mal vier Exemplare gezählt. Maximal seien es in diesem Winter 60 Singschwäne gewesen. „Die Singschwäne bleiben da, wo sie Futter finden“, ist sich Sender sicher.

Der Naturexperte plädiert dafür, dass die Landwirte, die etwas Gutes für die Natur tun, auch Geld für eine schonende Bewirtschaftung ihrer Flächen bekommen sollen. Die Schritte in diese Richtung, die die Politik bisher veranlasste, reichen Sender längst nicht aus.

Kiebitze stark dezimiert

In den 1990er Jahren waren es noch über 25.000 Kiebitze, die auf dem Durchzug waren. In diesem Jahr ist die Zahl auf 390 herab gegangen. Der Brutbestand der Kiebitze sinkt in den letzten Jahrzehnten in Europa kontinuierlich. „Wir haben im Reservat nur noch um die 50 Brutpaare vom Kiebitz. Die Bedingungen für diese Art sind schlechter geworden. Durch das warme Klima und wegen der Trockenperioden findet der Kiebitz,  der feuchte Acker- und Wiesenflächen benötigt, keine Nahrung und zieht sich aus diesen Gebieten zurück“, weiß Sender. Das sei auch eine Folge der immer intensiver bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen.

Ranger Thomas Klöber hält seit 1997 bei der Organisation der Rastvogelzählungen die Fäden in den Händen.„Wir freuen uns jedes Jahr, dass die freiwilligen Zähler wieder mitgemacht haben. Es ist ein zuverlässiger Stamm von Leuten, die auch über das entsprechende Wissen verfügen. Auch im niedersächsischen Teil des Drömlings gibt es Unterstützer für die Rastvogelerfassung“, sagt Klöber.