Haldensleben l Mit dem Hammer in der Hand schleicht sie um den Baum und klopft immer wieder an den Stamm. Das ist kein seltsames Ritual, das Andrea Sczech hier vollführt, sondern ein sogenannter Klopftest. Er verrät der Baumkontrolleurin der Stadt Haldensleben, was in seinem Inneren vorgeht. Ist er bereits hohl, kann auch sie nichts mehr tun.

Doch bis dahin dauert es meist viele Jahre. Seit 2016 hat Andrea Sczech die Grünlandschaft der Stadt im Blick und kennt jeden einzelnen Baum. Sie hat die Kartierung der Bäume vorgenommen und hat zu jedem eine Akte. „Das ist wie eine Art Personalausweis“, sagt sie. Über ein Computerprogramm kann sie Art, Alter, Höhe, Stammumfang, Vitalität, Pflanzjahr und vieles weiteres aufrufen. Sogar ein Bild der Pflanze ist dabei.

Pflege von 8000 Bäumen

Dafür streift sie täglich vom städtischen Bauhof aus durch die Grünanlagen und kontrolliert Baum für Baum. Insgesamt 8000 Pflanzen sind unter ihrer Obhut. Dabei kontrolliert sie die Alten, die Jungen, die Gesunden, die Kranken. Letztere stehen vor allem an der Masche. „Die Eichen dort sind bis zu 150 Jahre alt“, sagt sie. Insgesamt 828 sogenannte Altbäume weilen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten in der Stadt.

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Für den Beruf des Baumkontrolleurs gibt es keine Ausbildung. Für Andrea Sczech kam der Beruf eher durch einen Zufall zustande. „Ich habe eine Ausbildung zur Forstwirtin gemacht. Anfangs habe ich die Bäume also noch gefällt“, sagt sie und lacht. Sie entschied sich um und wechselte zur Fachhochschule Neubrandenburg, um dort Landschaftsarchitektur und Umweltpanung zu studieren. Die Arbeitsstellen seien im Jahr 2006 rar gewesen. Als eine Baumkontrolleurin gesucht wurde, nahm sie die Stelle an – und blieb bei diesem Beruf. Das war in Frankfurt am Main – auch diese Stadt kennt sie baumtechnisch wie ihre Westentasche.

Das meiste kann man schon von außen sehen

Untersucht Andrea Sczech einen Baum, beginnt alles mit der bloßen Betrachtung. „Ich sehe mir den Baum genau an. Zu 90 Prozent kann ich dann schon alle Schäden sehen“, sagt sie. Oftmals sehe man Krankheiten vor allem an der Krone. Je nach Jahreszeit zeigt auch die Rinde Risse oder das Laub seltsame Formen. Doch nicht alles lässt sich mit dem bloßen Auge sehen – dafür der Hammer. Denn auch vermeintlich vitale Bäume können von Pilzen befallen sein, die das Wurzelwerk oder das Innere des Baumes schädigen. Das ist ein Prozess, den die Baumkontrolleurin über eine lange Zeit beobachtet. „Oftmals reagieren Bäume auch erst Jahre später auf einen Umstand“, sagt sie. So könne man beobachten, dass Bäume Jahre nach Bauarbeiten in ihrer Nähe schwächeln.

Je nach Problemlage ordnet die Expertin dann verschiedene Arbeitsschritte an. Das kann ein Verschnitt der Äste sein, eine Kur gegen die Pilze oder auch ein Seil, um die Krone zu sichern. Bei Straßenbäumen spielt auch die Verkehrssicherheit eine große Rolle, denn die Bäume dürfen den Verkehr nicht beeinträchtigen.

Zwischen Vitalwerten und Todesurteilen

Haldensleben erhält von der Expertin ein grünes Siegel – die Stadt beherbergt viele Bäume, die auch in einem guten Zustand sind. Und das sei viel wert: „Stadtbäume sind allgemein viel gestresster als Bäume auf dem Land.“ Gründe dafür seien unter anderem andere Klima- und Bodenverhältnisse in Städten. Doch viele Baumarten seien hart im Nehmen und würden sich auch im Stadtklima gut machen.

Aber manchmal kann auch die Baumexpertin nicht mehr helfen – dann kann sie nur noch das Todesurteil fällen. Dies ist gerade erst auf dem städtischen Friedhof geschehen, wo eine große Eiche abgestorben ist – vermutlich ist sie vertrocknet. „Wenn ich mich für die Fällung entscheiden muss, blutet mir schon das Herz“, sagt Sczech.

Trockenheit schadet den Bäumen

Und das ist auch so, wenn starke Stürme Bäume umreißen, wie es in den vergangenen Jahren mehrmals vorkam. Dann rückt die Baumkontrolleurin aus, sieht sich das Ausmaß vor Ort an und entscheidet über Sofortmaßnahmen und Pflege. „Im Sommer 2017 hatte ich gerade alle Bäume kartiert, da riss ein Sturm hunderte nieder“, erinnert sie sich. Schöne Eichen seien darunter gewesen, die sie nicht mehr retten konnte.

In den vergangenen beiden Jahren hat die Baumwelt jedoch vor allem unter der Hitze sowie der anhaltenden Trockenheit im Sommer gelitten. Hinzu kommt die Absenkung des Grundwasserspiegels – den Bäumen fehlt das Lebenselixier. „Gerade Bäume mit leichten Wurzelwerken wie Birken, Fichten und Douglasien haben dann schlechte Chancen“, erklärt sie. Doch der Klimawandel bringe nicht nur Trockenheit, sondern auch neue Schädlinge mit sich, die die grüne Lunge bedrohen. Bisher sei die Haldensleber Vegetation jedoch weitestgehend von gefährlichen Schädlingen wie dem Eichenprozessionsspinner verschont geblieben.

Dass Andrea Sczech täglich draußen unterwegs sein darf, zählt sie zu den Vorteilen ihres Berufs. Nicht zufällig trägt die zierliche Frau eine Kette um ihren Hals, deren Anhänger ein Baum schmückt. Auf die Frage, was sie an ihrem Beruf liebt, sagt sie: „Bäume beschweren sich nicht. Doch wenn man sie lesen kann, reden sie mit einem.“