Zobbenitz l Kathrin Bohnet ist eine derjenigen, die in Zobbenitz von Tür zu Tür gegangen war, um Unterschriften gegen die Errichtung der Solaranlage zu sammeln. Sie überreichte die Listen mit den 180 Unterschriften an Ulrich Grothe, Ortsteilbeauftragter von Zobbenitz. „Der Ort hat laut offizieller Statistik 280 Einwohner. 40 davon sind Kinder, die nicht wahlberechtigt sind“, erklärte Grothe. Er kommt bei 240 Einwohnern auf eine Zahl von 75 Prozent, die sich mit ihrer Unterschrift gegen den Solarpark positionieren.

Rückblick: Projektentwickler Enrico Wöhlbier aus Gardelegen stellte im August das Projekt bei einer Informationsveranstaltung auf dem Hof des Dorfgemeinschaftshauses vor. In großer Zahl waren Zobbenitzer der Einladung gefolgt. Markus Renz, kaufmännischer Geschäftsführer des Vorhabenträgers Sunovis GmbH, berichtete, dass sich das Unternehmen auf den Bau von Freiflächenanlagen spezialisiert hat. Die Anlage könnte – nach den Ausführungen von Renz – 80 Hektar groß werden. Vorteil der großen Anlage sei, dass der Strom günstig produziert und in das öffentliche Netz eingespeist werden könnte. Etwa 42.000 Haushalte könnten im Jahr mit diesem Strom versorgt werden. Die Anlage soll an der höchsten Stelle 2,30 Meter hoch und deshalb problemlos hinter einer Hecke zu verstecken sein. Die Fläche werde nur vorübergehend der Landwirtschaft entzogen. Nach der Laufzeit von 25 Jahren soll die Anlage dann wieder abgebaut werden. Schafe könnten dort weiden. Renz versicherte, dass den Bürgern vor Ort ein Stromtarif angeboten werde. Schon bei der Projektvorstellung entbrannte eine heftige Debatte über das Für und Wider.

„Wir erben die Welt nicht von unseren Vätern, sondern wir leihen sie uns von unseren Kindern. Wir wollen, dass unsere Kinder genauso schön noch hier leben – wie wir jetzt“, betonte Liane Grothe, die mit ihrem Mann Ulrich zwei Söhne hat.

„Diese riesengroße 100-Mega-Watt-Anlage ist wirklich so dicht an unserem Dorf geplant, dass sie uns in unserem täglichen Leben beeinflussen würde“, beschrieb Kathrin Bohnet, die von ihrem Haus die Anlage sehen würde. Die junge Frau wies darauf hin, dass in dem eingezäunten Solar-Areal dann kein Platz mehr für Rehe, Rotmilane und Rebhühner sei, die sie bei Spaziergängen mit dem Hund oft beobachten könne.

Annette Freudenreich befürchtet, dass sich später niemand um die versprochenen Bepflanzungen kümmern wird. „Man kann ja solche Anlagen bauen, aber nicht in diesem Ausmaß und an dieser Stelle“, appellierte die Feuerwehrfrau. Ihr Mann Ralph Freudenreich ergänzte: „Wir haben keine freie Sicht mehr auf den Wald. Zu 99 Prozent wird die Anlage uns im Dorf blenden.“ David Reß, Leiter der Zobbenitzer Feuerwehr, sagte: „Wenn es in der Solaranlage zu einem Flächenbrand kommt, wissen wir nicht, wie wir dort löschen sollen. Da ist doch Spannung drauf.“

Als Bewohner der Mittelstraße gab Hans-Joachim Feilhaber zu bedenken, dass die Lkw mit den Materialtransporten die Häuser zum „Wackeln“ bringen. „Dieser Solarpark ist drei Mal so groß wie Zobbenitz“, sagte Feilhaber mit dem Blick auf die Landkarte. „Ich sehe es nicht ein, dass hier in Zobbenitz der zweitgrößte Solarpark von Deutschland gebaut werden soll“, ergänzte er.

Einer, der den Bau der Anlage befürwortet, ist Bernhard Herrmann, sachkundiger Bürger im Calvörder Gemeinderat. „Man kann nicht immer prinzipiell dagegen sein. Wir wollen alle erneuerbaren Strom haben und aus der Braunkohle aussteigen“, sagte Herrmann. Er wies darauf hin, dass der sandige Boden der geplanten Fläche nicht ertragreich sei. „Da ist in den 30 Jahren nach der Wende nichts angebaut worden. Wenn dort Hecken angepflanzt werden, ist doch von der Anlage nach ein paar Jahren nichts mehr zu sehen“, erklärte er und verwies auf die Steuereinnahmen, die mit dem Betrieb der Anlage erwirtschaftet werden könnten. „Die ganze Gemeinde könnte also Nutznießer sein“, betonte Herrmann.

Der kommunale Beauftragte im Ort ärgert sich darüber, dass das Vorhaben – seiner Ansicht nach – technisch nicht zu Ende gedacht sei. „Es wird hier ein Keil ins Dorf getrieben. Das tut der Gemeinschaft nicht gut“, sagte Grothe.

Projektentwickler Enrico Wöhlbier bezweifelt, dass die Zobbenitzer, die die Listen unterschrieben haben, nicht alle tatsächlichen Fakten kennen, um über das Für und Wider der Anlage entscheiden zu können.

Wöhlbier erklärte sich deshalb bereit, bei der nächsten Sitzung des Wirtschafts- und Umweltausschusses die Idee des Vorhabens für die Gemeindevertreter sowie für die Bewohner von Klüden und Zobbenitz noch einmal zu erläutern und Fragen zu beantworten.

Calvördes Bürgermeister Volkmar Schliephake (CDU) nahm die Unterschriftensammlung entgegen und sagte, dass es bisher noch keinen offiziellen Antrag des Investors gäbe. „Jeder hat erst einmal das Recht, Ideen einzubringen und etwas zu beantragen. Inwieweit dann das Vorhaben umgesetzt werden kann, ist noch nicht klar. Zum anderen gibt es ja erheblichen Gegenwind und die Bedenken der Bürger, die wir ernst nehmen. Genauso nehmen wir auch die Antragsteller ernst. Jeder hat das Recht, gehört zu werden“, sagte der Bürgermeister.

Schliephake betonte, dass es ein ungeschriebenes Gesetz sei, dass die Gemeinde nichts gegen den Willen der Mehrheit der Menschen, die es betrifft, tun werde. Die Kommune sei hingegen aber auch verpflichtet, die Einnahmenseite zu betrachten und jede Möglichkeit von Ansiedlung von Gewerbe zu bewerten und abzuwägen.

„Die Zeit aus den 90er Jahren, in der Unternehmen Schlange stehen, um sich anzusiedeln, ist vorbei. Man muss auf erneuerbare Energien bauen, dort wo es möglich ist, wo es Sinn macht und wo es Akzeptanz findet“, erklärte der Gemeindechef.

Thema ist der Bau der Solaranlage bei der öffentlichen Zusammenkunft des Wirtschafts- und Umweltausschusses am Dienstag, 13. Oktober, um 18.30 Uhr im Goldenen Löwen in Calvörde.