Haldensleben l Es sind keine guten Zeiten für viele Bauern der Region, schließlich gab es zwei schlechte Ernten in Folge. Das wissen Menschen, die sich darüber informieren. Alle anderen merken es nicht.

Das war mal anders. Früher, sagt Andrea Fritsche, habe es nach schlechten Ernten beim Bäcker kein Brot gegeben. Menschen seien teilweise sogar verhungert. Natürlich sei die Wertschöpfung des Bauern so mehr geschätzt worden. Diese Zeiten, so betont die Leiterin der Landwirtschaftlichen Fachschule Haldensleben, seien längst vorbei.

Die gesellschaftliche Wertschätzung der Bauern wird auf der am Freitag beginnenden Grünen Woche Thema sein. Die internationale Messe für landwirtschaft und Ernährung soll Auftakt einer Kampagne werden. Bundesagrarministerin Julia Klöckner will damit das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft verbessern.

Schüler unterstützen Traktorenproteste

Dass dieses Verhältnis aus Sicht einiger Bauern mindestens angespannt ist, zeigten die kürzlichen Traktorenproteste in vielen deutschen Städten. Für Freitag sind neue Bauerndemonstrationen angekündigt. Auch in Magdeburg werden etwa 500 Traktoren erwartet – und damit auch Verkehrsbehinderungen. Die Bauern tragen ihren Protest damit in die Städte. Für nicht wenige von ihnen kommen viele Probleme genau dort her.

Für Florian Nieter etwa. Der 24-Jährige ist Schüler an der Haldensleber Fachschule, im kommenden Monat will er dort seinen Abschluss machen. Daneben arbeitet er bei einem Landmaschinenhändler in Altenweddingen. Nieter war bei den Traktorenprotesten im vergangenen Herbst dabei. Am Freitag will er wieder protestieren.

Vielen Menschen in den Städten fehle es an Wissen über die Landwirtschaft, sagt Nieter. Auch würden die Grünen dort stärker gewählt. Nieter lässt keinen Zweifel daran, dass ihm das missfällt. Regierungen mit Beteiligung der Grünen spalteten die Gesellschaft, sagt er. Viele Menschen würden den Bauern nun die Schuld geben für zu hohe Nitratwerte im Grundwasser und das Insektensterben. „Die Landwirtschaft soll für einige am besten noch so sein wie vor sechzig Jahren, mit einem Hahn auf dem Misthaufen“, ärgert sich der Landwirtschaftsschüler.

„Aber der Misthaufen sollte nicht stinken“, pflichtet ihm sein Mitschüler Nicolas Kusenberg bei. Auch er will im kommenden Monat seinen Abschluss machen, auch er war im Herbst bei den Traktorenprotesten dabei. Kusenberg wohnt derzeit im Wohnheim der Fachschule in Haldensleben. Nach dem Abschluss geht er zurück in seinen Betrieb, er leitet die Pflanzenproduktion einer Firma in Brandenburg. Es ist ein Ökobetrieb, allerdings ein großer mit rund 1600 Hektar Ackerfläche.

Rechtfertigungsdruck

Kusenberg sagt, auch auf sie als großer Ökobetrieb würde mit dem Finger gezeigt. Auch sie müssten sich rechtfertigen, etwa für ihre Pflanzenschutzspritze. „Das ist in den Augen vieler etwas Böses“, sagt er. Kusenberg betont, er sei „Landwirt aus Leidenschaft.“ Das „gesellschaftliche Ansehen seines Berufsstandes“ mache ihm allerdings sorgen. „Da liegt einiges im Argen“, sagt der 26-Jährige.

Kusenberg würde sich wünschen, dass auch konventionelle Betriebe sich mehr öffnen für die Verbraucher. Es müsse eine andere Öffentlichkeitsarbeit her, um das Bild des Berufsstandes zu verbessern, sagt er.

Bauernbilder in Kinderbüchern

Für Schulleiterin Fritsche beginnen die Probleme schon in Kinderbüchern. Dort liefen die Tiere auf dem Bauernhof frei herum, gefüttert würden sie vom Opa. Großviehanlagen oder Breifutterautomaten suche man vergebens. Landwirtschaft werde dort vielfach „verniedlicht“, sagt Fritsche. Mit der heutigen Realität vieler Landwirte habe das wenig zu tun. In Kinderbüchern sowie in Teilen der Gesellschaft sei das gesellschaftliche Bild von Landwirtschaft „antiquiert“.

Gegen die Klimaproteste wollen sich Schulleitung und Schüler ausdrücklich nicht stellen. „Greta Thunberg ist nicht Schuld“, betont Fritsche. Die von ihr angestoßene Klimadebatte animiere Menschen vielmehr, sich mit landwirtschaftlichen Themen zu befassen. Darüber hinaus würden viele junge Bauern Landwirtschaft und Umweltschutz heute ohnehin viel stärker zusammendenken als früher, sagt die Schulleiterin.