Süplingen l Gerhard Schrader wurde am 12. November 1928 in Süplingen geboren. Damit seine Erinnerungen an sein bisheriges Leben nicht verloren gehen, hat er sie aufgeschrieben. Schwerpunkte bilden in seinen vier handschriftlich gefertigten Bücher die Zeit des Nationalsozialismus‘ und die DDR. Beide Gesellschaftsformen haben den Großteil von Schraders Leben geprägt.

„Wer wissen will, was damals in Süplingen war, muss die Bücher gelesen haben“, versichert der 89-Jährige. Das umfangreichste Buch ist voller Texte, Skizzen und alter Fotos. In seiner Chronik sind zudem alle Süplinger Einwohner von 1940 bis 1970 mit Beruf festgehalten.

Lebendige Erinnerungen

Gerhard Schrader erinnert sich an viele Lebensereignisse. Als ob es gestern gewesen wäre, kann er erzählen, was damals passiert ist. In seiner Kindheit spielte er viel mit den Nachbarskindern in der freien Natur. Damals mussten sie kreativ sein, ihre Spielzeuge selbst herstellen. Aus einem Einrad machten sie einen Brummkreisel. Auch habe jeder als Kind eine Aufgabe gehabt. Gerhard Schrader hütete damals die Gänse, während seine Mutter auf dem Feld arbeitete.

Doch seine Kindheit wurde auch von vielen schrecklichen Ereignissen und Erlebnissen überschattet. „Wir wohnten neben dem Arbeitserziehungslager am Steinbruch, das ein Konzentrationslager war. Ich konnte alles beobachten“, blickt er zurück. Während des Zweiten Weltkrieges richtete die Gestapoleitstelle Magdeburg im Süplinger Steinbruch dieses Lager für 100 Häftlinge ein.

Gräueltaten im Arbeitserziehungslager

Was er dort sehen konnte, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Dem Süplinger steigen Tränen in die Augen, mit bebender Stimme erzählt er: „Ich habe genau gesehen, wie Häftlinge verprügelt, misshandelt und getötet wurden. Es war so grausam.“ Niemand habe laut Schrader gewusst, dass durch die harte Arbeit und den Hunger 20 Häftlinge umgekommen sind. „Ich habe später die Grabstätte eingefriedet, damit die Leute Bescheid wissen“, erzählt er.

Laut dem 89-Jährigen konnten die Familien in Süplingen die Häftlinge für private Arbeit mieten. „Bei uns haben sie aber Speckstippe mit Pellkartoffeln bekommen. Damit sie sich endlich satt essen konnten.“ Dabei sei seine Familie arm gewesen.

Massaker von Isenschnibbe

Im Gedächtnis ist dem Süplinger besonders das Massaker am 13. April 1945 geblieben, als hunderte Gefangene von Magdeburg durch Haldensleben bis zur Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen marschieren mussten. Dort wurden die Häftlinge von SS-Männern in die Scheune getrieben, die anschließend angezündet wurde. Mehr als 1000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen.

Auch den Großangriff auf Magdeburg am 16. Januar 1945 erlebte Gerhard Schrader unter Schrecken selbst mit: „Damals kam ich zur Flak-Einheit in Magdeburg. Die Stadt wurde komplett zerbombt.“

Glücklichere Zeiten nach Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Gerhard Schrader glücklichere Zeiten. 1949 heiratete er seine Frau Margarete. Aus der 67-jährigen Ehe seien zwei Kinder, Annegret und Wolfgang, drei Enkel und ein Urenkel hervorgegangen, erzählt der ehemalige Tischler, während er Bilder ihrer Goldenen und Diamantenen Hochzeit ansieht.

Sein großes Engagement während der DDR wird mit einem Foto belegt, auf dem viele Abzeichen und Urkunden zu sehen sind: „Ich habe mich sehr bei der Gewerkschaft eingesetzt und wurde dann zum Lagerleiter des Kinderferienlagers Wildbach ernannt.“ 34 Jahre lang hatte er bei den VEB Steinwerke in Haldensleben gearbeitet hatte.

DDR-Zeit am schönsten

Rückblickend war für ihn die DDR-Zeit am schönsten: „Es gab so viel Kameradschaft. Die Familien hielten eng zusammen. Besonders mein Betrieb hat viele Mittel freigemacht, damit die Kinder gut versorgt wurden.“

Seine Bücher sollen sein Vermächtnis werden: „Ich möchte, dass meine Kinder, Enkel und Urenkel wissen, wie wir damals in Süplingen gelebt haben. Das weiß kaum einer mehr. Außer mir gibt es in Süplingen nur noch zwei in meinem Alter.“

Nicht im Verlag veröffentlicht

Neben dem umfangreichsten Buch hat Gerhard Schrader drei weitere Bücher geschrieben. Darunter ein Buch über seine Familie – komplett auf Plattdeutsch, was damals gesprochen wurde. In einem drittem Buch widmet er sich seinen Erlebnissen aus der Kindheit. Das vierte Buch handelt von der Zeit, als er noch das Kinderferienlager Wildbach in der DDR geleitet hat.

Er wollte die Bücher von einem Verlag veröffentlichen lassen, wurde aber abgelehnt: „Sie wollten mindestens 200 Bücher herausbringen. Das war mir zu viel.“