Flechtingen l Unter strengen Sicherheitsauflagen hat am Wochenende eine der letzten größeren Veranstaltungen der Region trotz aller Pandemie-Widrigkeiten Zuschauerinteresse geweckt: Schauspielerin Claudia Michelsen (geb. 1969 in Dresden) las im Kurhaus Flechtingen aus den Biografien der Marlene Dietrich (1901 bis 1992). Schon an der Garderobe wurden die Besucher gebeten, sich namentlich in Listen einzutragen, und anzugeben, ob sie sich in den letzten Wochen auf einer Urlaubsreise befunden oder Kontakt zu solchen Personen hatten.

Mehrere Generationen liegen zwischen den beiden Frauen des Abends. Der Umstand, dass Marlene Dietrich zwei Weltkriege erlebt hat, macht daraus beinahe eine Kluft, doch ihre Liebe zur Schauspielerei verbindet beide Schauspielerinnen.

Nach einer Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin spielte Claudia Michelsen in verschiedenen Rollen an der Volksbühne in Berlin, ehe sie 1991 vom Erfolgsregisseur Jean-Luc Godard für „Deutschland Neu(n) Null“ engagiert wurde. Aus dem Fernsehen ist sie spätestens als Polizeikommissarin Doreen Brasch im Magdeburger „Polizeiruf 110“ bekannt, der sie kürzlich für einen Filmdreh nach Mammendorf und in den Wald zwischen Flechtingen und Calvörde geführt hatte. Kurhausleiterin Kerstin Seifert hatte sich für ihre Begrüßungsansprache gründlich mit der Biografie der Wahl-Berlinerin vorbereitet.

In Flechtingen zeigte Claudia Michelsen eine ganz andere Seite ihres Talentes. Sie rezitierte aus Autobiografie und Biografien der Marlene Dietrich. Gewisse Parallelen sind unverkennbar. So verbrachte Claudia Michelsen wie auch Marlene Dietrich einige Jahre in den USA um dort zu drehen. Während Marlene Dietrich schließlich ihre Tochter in die Staaten holte, zog es Jahrzehnte später Claudia Michelsen zurück nach Deutschland, wo sie heute mit ihren beiden Töchtern in Berlin zu Hause ist.

Autobiografische Auszüge

Ihre schauspielerischen und rezitatorischen Fähigkeiten konnte sie im Kurhaus Flechtingen schnell zur Geltung bringen. Die Auszüge aus den Autobiografien und der Erinnerungen ihre Tochter Maria Riva kamen so lebendig und glamourös rüber wie das ganze berufliche Leben der Marlene Dietrich war.

Beschaulich erlebte sie ihre Kindheit im gutbürgerlichen Milieu von Berlin, erhielt Klavier- und Geigenunterricht, lernte französisch und englisch. Ihre Mutter förderte Marie Magdalene, woraus später Marlene wurde, musisch wie auch sprachlich. Als sie eingeschult wurde - in die 2. Klasse - war sie so klein und zierlich, dass sie das schwere Schultor nur mit dem Rücken aufdrücken konnte. Eine Lehrerin wurde zu ihrer einzigen Freundin, denn sie war für ihre Klasse „zu jung und darum einsam“. Als diese Lehrerin nach den Sommerferien 1914 nicht mehr da war, brach für Marie Magdalene eine Welt zusammen. Sehr detailreich beschreibt sie ihre Mutter und ihre Großmutter, die sie mit Liebe überschüttete, in einem Haus „voller Blumen, Düfte, Klaviermusik und Nägelklopfer“, denn die langen Fingernägel ihrer Mutter pochten oft nervös auf Oberflächen herum.

Ihre Liebe zu Theater und Musik konnte Marlene Dietrich in Weimar, in der Stadt Goethes, ausleben, wo sie erst im Internat, später im Pensionat untergekommen war und weiter Musik studierte. Wöchentlich ging es in die Oper, sie genoss die Welt des Theaters. Claudia Michelsen stellte die Entdeckung der Gedichte Rainer Maria Rilke durch Marlene Dietrich wie eine kleine Offenbarung dar. Seine Inspiration beim Gedichteschreiben durch die bildende Kunst beeindruckte Marlene.

Als Josef von Sternberg die junge Theaterschauspielerin 1930 für die „Femme fatale“ Lola Lola in „Der blaue Engel“ engagierte, kam es zum schauspielerischen Durchbruch. Eindrucksvoll schildert Claudia Michelsen die ersten, mehr als bescheidenden Schritte in der Welt Marlene Dietrichs bis in die Paramount-Studios nach Los Angeles. Ihre singenden Rollen machten sie berühmt, ihre Unterstützung für die amerikanischen Soldaten im zweiten Weltkrieg zu einer Patriotin gegen den Nationalsozialismus.

Was ihr besser gefiele, das Schauspielern oder das Lesen? Claudia Michelsen antwortet diplomatisch: „Beides ist anders“, lässt sich schwer vergleich. Doch eines steht fest: Beide Kunstgenres beherrscht sie, das Lesen wie das Schauspielern.