Morsleben l „Die Grenze ist offen!“ – Wo und wann er diesen Satz zum ersten Mal gehört hat, daran kann sich wohl jeder DDR-Bürger erinnern. Der Morsleber Edgar Lahmann hört ihn am späten Abend des 9. November 1989 am Telefon von seinem Bruder. So richtig glauben kann er das Gehörte zu dem Zeitpunkt nicht.

Der gebürtige Altmärker wohnt seit 1982 in Morsleben, direkt im Sperrgebiet. Bis zum Mauerfall 1989 erlebt er dort viel, kann einige Geschichten über Begebenheiten in der „verbotenen Zone“ erzählen. „Wenn man sich der Sperrzone zu sehr näherte wurde man ja gleich festgenommen. Und zwar teilweise von Leuten, die auch hier im Ort wohnten und Nachbarn waren. Das war schon manchmal komisch“, sagt Edgar Lahmann. Ein Lied kann er auch vom Ausfüllen der Passierscheine singen – wollte die Familie feiern, ging regelmäßig das Verhandeln los, wer von Freunden und Verwandten die Genehmigung erhalten würde, ins Sperrgebiet zu reisen.

Wie jeder im Sperrgebiet wohnt Edgar Lahmann einigermaßen fern der Außenwelt mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern – wohl auch deshalb kann er kaum glauben, dass das nun abrupt vorbei sein soll. Ob die Grenze tatsächlich offen ist, davon muss er sich unbedingt selbst überzeugen. „Ich ging Freitag früh zur Arbeit und meldete mich mit einem Kollegen beim Fahrsteiger ab“, erzählt Edgar Lahmann über den 10. November. Seit 1978 ist er im Endlager Morsleben (ERAM) beschäftigt – bis heute.

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Vor der Schicht noch in den Westen

Gemeinsam mit seinem Kollegen macht sich der damals 30-Jährige am 10. November 1989 gegen 7 Uhr auf den Weg – so tun es auch andere ERAM-Mitarbeiter, die die Chance nutzen und in den Westen nach Helmstedt gucken wollen. „Wir vom Endlager waren mit die ersten, die drüben waren. Wir waren eben nah dran“, erinnert sich Edgar Lahmann und lacht. 7 D-Mark holt er von zuhause und fährt als Beifahrer seines Kollegen los zur Grenze. Ihn treibt dabei auch das Unwissen an, das ihn schon jahrelang quält. „Ich wollte immer wissen, wie es hinter der Sperrzone weitergeht. Wie es hinter der Grenze aussieht. Das konnte ich mir nicht vorstellen“, erinnert sich der Morsleber, der den Grenzstreifen stets vor Augen hatte.

An der Auffahrt Marienborn werden Lahmann und sein Kumpel zurückgewiesen. „Wir sollten die Autobahn-Auffahrt Ostingersleben benutzen“, erzählt er. Gesagt, getan: Die fünf Kilometer bis zur Grenzübergangsstelle Marienborn sind relativ zügig gemeistert. Dann stockt der Verkehr ein wenig – Zollerklärung ausfüllen, weiter im Schritttempo fahren. Edgar Lahmann und sein Freund sind unsicher, ob sie wirklich über die Grenze dürfen. „Meinen Sie, wir schicken heute noch jemanden zurück?“, fragt ein Zöllner die beiden Zweifelnden.

Als die Männer den breiten weißen Streifen überfahren, der auf der Fahrbahn die Grenze zwischen Ost und West markiert, kann es Edgar Lahmann kaum fassen und schon gar nicht begreifen. „Ich dachte nur: Das ist die Wiedervereinigung! Dort waren so viele Menschen, die sich freuten und ich hatte Tränen in den Augen“, erinnert er sich – noch immer gerührt. Übermannt von seinen Emotionen, bittet er den Kollegen, anzuhalten.

Viele Touristen an der Grenze

Lahmann steigt aus, küsst spontan den Boden auf der Westseite, hebt die Hände gen Himmel und jubelt. Viele Touristen sind an diesem Morgen an dem Grenzübergang, noch mehr Fernsehkameras, Journalisten und Fotografen. Der jubelnde Edgar Lahmann wird plötzlich zum beliebten Fotomotiv – die Kameras sind auf ihn gerichtet. Er fragt einen der Fotografen, ob er ihm nicht ein Bild schicken könnte. „Ich bin american tourist, ich verstehe kein Deutsch“, antwortet der.

Ein Foto von sich erhält Edgar Lahmann einige Tage später trotzdem. Ein Bekannter schenkt ihm eine Ausgabe der Bild-Zeitung vom 11. November 1989 - dem Sonnabend nach dem Mauerfall. Auf Seite 4 der deutschlandweiten „Einheitsausgabe“ prangt das Foto des jubelnden 30-Jährigen mit der Unterschrift: „Helmstedt - kurz hinter der Grenze: Ein DDR-Bürger kniet vor seinem Wartburg auf dem Asphalt, hebt die Hände wie ein siegreicher Boxer - ein Kniefall für die Freiheit“. Dass der Wartburg eigentlich ein Lada ist, das können die Bild-Reporter aus dem Westen offenbar nicht gleich erkennen. Diese Tatsache ist für Edgar Lahmann aber auch unwichtig.

„Ein Kniefall für die Freiheit. Das stimmt!“, denkt er, als er das Bild sieht. Jahre später erhält er nach einigen Telefonaten mit der Zeitung Abzüge seines Fotos zur freien Verwendung. Wer der Fotograf war, können selbst die Bild-Redakteure nicht mehr sagen. Der Mauerfall bedeutete für die Medien ein kleines Chaos.

Für Edgar Lahmann und seinen Kumpel geht der erste Grenzübertritt mit einem Imbiss weiter. „In Helmstedt haben wir gefrühstückt. Dann fragte uns jemand, ob wir schon unser Begrüßungsgeld abgeholt haben. Davon hatten wir natürlich noch nichts gehört“, erinnert sich der Morsleber. Die Männer gehen ins Helmstedter Rathaus, das ihnen so prächtig erscheint, dass sich Edgar Lahmann heute noch daran erinnert. Dort erhält jeder 100 D-Mark – die Kollegen können ihr Glück wieder kaum fassen.

Die wertvolle Währung gleich auf den Kopf hauen, das kommt für die Männer nicht in Frage. Aber von Bekannten mit „West-Erfahrung“ wissen sie, wohin man gehen muss, wenn man Westware benötigt. So wird der erstbeste Aldi-Markt angesteuert und Edgar Lahmann kauft dort – natürlich – Bananen für sich und die Familie.

Nur mal gucken, nicht abhauen

Danach geht es wieder zurück. Lahmann und sein Kumpel wollten schließlich – wie so viele DDR-Bürger an diesem Tag – „nur mal gucken“ und nicht abhauen. Um 13 Uhr sind die Kollegen wieder bei ihrer Arbeitsstelle und treten pflichtbewusst den Dienst an. In den kommenden Tagen bekommt Edgar Lahmann noch viel von der Wende mit. Denn in Morsleben steht die Autoschlange, die über die heutige B1 in den Westen möchte. Teilweise 30 Stunden lang harren ganze Familien in ihren Trabis aus. Lahmanns und andere Morsleber bringen ihnen Schmalzstullen und Suppe, helfen mit Benzin und Autoteilen, wenn eines der Fahrzeuge liegen bleibt.

Edgar Lahmann lebt heute noch mit seiner Frau in Morsleben. Daran, wegzugehen, dachte er nie – weder vor noch nach der Wende. „Aber dass dieses eingesperrt sein nicht mehr ist, das hat viel für uns geändert“, sagt er. Deshalb feiern Lahmanns in jedem Jahr am 9. November mit Freunden und Verwandten den Mauerfall bei Glühwein und Bratwurst.

In diesem Jahr wird die Gesellschaft am Abend noch einige Kilometer weiter zur Gedenkstätte „Deutsche Teilung“ Marienborn ziehen. Dort findet das Festival „Grenzenlos“ statt, bei dem nicht nur offizielle Vertreter anwesend sein werden, sondern ab 19 Uhr auch Zeitzeugen sprechen. Einer davon ist Edgar Lahmann.

Sein Bild von damals ziert auch den Flyer zu der Veranstaltung. Denn wohl kaum ein Bild passt besser zu 30 Jahren Grenzöffnung, als ein bewegter Morsleber, der über die neu erlangte Freiheit jubelt.