Zirkusprojekt

Menschen mit Behinderung werden im Drömling zu Stars in der Manege

Eigentlich ist das Sommerfest der Evangelischen Stiftung Neinstedt traditionell eine große Wiedersehensfeier mit vielen Gästen aus ganz Sachsen-Anhalt. Stattdessen hat es am Wochenende wegen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie eine Zirkusvorstellung nur für die Bewohner der Behinderteneinrichtung und deren Familien gegeben.

Von Anett Roisch
Conny, die 13. Fee, lässt beim königlichen Festmahl die Teller kreisen. Ihr zur Seite stehen die Köche, Clown Ringel und Pirat Jani. Zur Krönung dreht sich beim Hauptgang der 13. goldene Teller auf ihrem schwarzen Hut.
Conny, die 13. Fee, lässt beim königlichen Festmahl die Teller kreisen. Ihr zur Seite stehen die Köche, Clown Ringel und Pirat Jani. Zur Krönung dreht sich beim Hauptgang der 13. goldene Teller auf ihrem schwarzen Hut. Foto: Anett Roisch

Piplockenburg/Mannhausen - „Willkommen am Hofe vom Königreich Boninien mitten im Land der Drömlinge. Begrüßen Sie mit uns König Markus, den Ersten und Königin Brigitte, die Herzliche“, verkünden zur Premiere von Zirkus Bonini Clown Ringel, alias Antje Hildebrand vom Circus Knopf und Pirat Jani Gambke vom Theatro los Piratos. Mit lautem Jubel, Trampeln mit den Füßen und einem monstermäßigen Applaus locken die Zuschauer die 14 Artisten, Menschen mit Handicap, vom gesamten Hofstaat in die Manege, die in Piplockenburg aufgebaut war. Die Bewohner vom Calvörder Haus Bonin und vom Etinger Mariannenhof und deren Betreuer hatten sich im Rahmen eines mehrtägigen Projektes in Zirkusstars verwandelt.

„Gaukler spielt auf!“, heißt es, als die Köche und das Königspaar mit zwölf Teller auf langen Stöcken balancieren und plötzlich die 13. Fee Conny auftaucht. Groß ist der Ärger, denn ein Teller fehlt. Es gibt keinen bösen Fluch, sondern die Schönheit bekommt von der Königin goldenes Geschirr und darf auf ihrem schwarzen Hut einen Teller kreisen lassen.

Über sieben Berge und über sieben Brücken reitet ein Prinz von Calvörde entlang der Flachwasserzone ins Land der tausend Gräben, um Rapunzel Franzi zu retten. Der Königssohn gesteht, dass er noch eine Fahne oder besser eine Standarte vom gestrigen Abend hat. Gezeichnet vom Saufgelage und ziemlich lustlos ruft er den bedeutenden Satz der Sätze: „Rapunzel, wirf dein Haar herunter!“ Der Prinz will hochklettern, doch der Zopf samt Haarpracht fällt vom Turm. Die Schöne lässt ihren Retter selbstbewusst links liegen, benutzt das lange Haar als Springseil und erntet tosenden Beifall. 

Im Reich der Frösche

Der Drömling ist das Reich der Frösche. Und so müssen die Prinzessinnen nicht lange weinen, bis ein Grünling, der die Kugel im Brunnen auf den Kopf bekommen hatte, ihnen ihr Lieblingsspielzeug aus der Tiefe holt. Undankbar küsst Königstochter Elisa aber dann doch den Prinzen Heiko Löwenherz, der eindrucksvoll seinen Säbel schwingt. Prinzessin Susi streckt dem verzweifelten Frosch die Zunge raus. Leonard springt wagemutig durch Reifen und beeindruckt als Akrobat mit seinem Können im Capoeria – einem brasilianischen Kampftanz - das Publikum. Jongleure lassen bunte Tücher, Ringe und Schweine durch die Luft fliegen.

Die Mitbewohner und Familien jubeln und feiern ihre Stars. Begeistert von den Fähigkeiten der Artisten ist auch Michael Lange, Teamleiter der Behinderteneinrichtung der Stiftung in Calvörde und Etingen. Er bedankt sich für das Engagement der Akteure und seiner Mitarbeiter, die trotz Hitze und Corona-Auflagen das Projekt umsetzen. Den Zirkus Bonini gibt es bereits seit 2005. Während einige Artisten schon von Anfang an dabei waren, sind nun einige Stars neu dazu gekommen. Das Zirkusprojekt ist - nach den Ausführungen von Lange - überaus wichtig für die Bewohner, die durch das Mitwirken an Selbstbewusstsein gewonnen haben. Es sei eine Wohltat zu erleben, wie die Mitwirkenden über sich hinauswachsen und wieviel Spaß alle haben.

„Unserer Bewohner sind eigentlich so eingeschränkt, dass man denkt, oh was kann derjenige überhaupt zur Zirkusvorstellung beitragen? Und dann sieht man die Show und es passt alles ganz genau“, sagt Betreuer Thomas Jüttner und freut sich über den Erfolg seiner Schützlinge. Ein Dankeschön geht an die Aktion Mensch, die das Vorhaben finanziell unterstützt.

Heilerziehungspflegerin Kristin Klatt steckt noch im Froschkostüm und verkündet im Namen der Majestäten und des gesamten Hofstaates: „Jetzt gibt es im Königreich Eis für alle!“