Haldensleben l Braunkehlchen sollen im Benitz brüten, Kraniche und Fischadler dort rasten. Weißstörche finden im teils sumpfigen Areal etwas zu fressen, denn der Benitz ist Lebensraum für Kröten und anderen Amphibien.

Dazu kommen Insekten, die Blauflügelige Ödlandschrecke soll dort zu Hause sein, ebenso die Gefleckte Keulenschrecke und die Kleine Pechlibelle. Ihr Zuhause zu schützen, das hat sich der Mensch vor knapp 22 Jahren vorgenommen, so lange existiert das Naturschutzgebiet Benitz schon. Aber darf der Mensch dann trotzdem vorbeikommen, um sich zu erholen? Und wenn ja, wie oft?

Meinungen gehen auseinander

Im Haldensleber Stadtrat gehen die Meinungen darüber auseinander. Deutlich wurde das am vergangenen Dienstagabend im Wirtschaftsausschuss. Mario Schumacher, der Fraktionschef von CDU und FDP, betonte dort: „Der Benitz sollte ein Biotop bleiben und nicht touristisch erschlossen werden“. Denn das sei aus Sicht seiner Fraktion nicht im Sinne des Naturschutzes. Ein Naturschutzgebiet touristisch erschließen zu wollen, sei vielmehr „ein Widerspruch in sich“, sagte Schumacher.

Widerspruch bekam der CDU-Politiker von anderen Stadträten. Von Stefan Scholz etwa, Stadtrat der Bürgerbewegung HDL. „Was spricht dagegen, das Naturschutzgebiet zugänglich zu machen, sodass man etwas davon hat?“, fragte er in die Runde. Seine Fraktionskollegin, Doris Trautvetter, betonte: „Es gibt genug Beispiele, bei denen Naturschutz und Tourismus im Einklang sind“.

Kraniche sollen dort zu hören sein

Grund für die Debatte ist ein Antrag der Bürgerbewegung. Dannach soll das Naturschutzgebiet Bürgern und Gästen der Stadt „als ein regionales Naherholungsgebiet“ zugänglich gemacht werden. Der Vorschlag sieht dort Wanderwege und eine Aussichtsplattform vor, außerdem sollen Schilder und Informationstafeln aufgestellt werden. „Will man der Gesellschaft ein Umweltbewusstsein vermitteln, so muss man ihr die Natur zugänglich machen“, heißt es in der Antragsbegründung.

Tatsächlich ist das, was die Bürgerbewegung fordert, in ähnlicher Weise schon einmal realisiert worden. Auf dem etwa 100 Hektar großen Areal, auf dem sich einst ein Kiessandtagebau befand, sind bereits Wege angelegt. Heute sind sie zwar vielfach verstellt durch herabgestürzte Bäume, zu Fuß aber passierbar. Eine marode Bank am Wegesrand lädt jedoch nicht mehr zum Verweilen ein, eine Infotafel ist verblasst und zugewuchert. Auch die Verbotsschilder um die sumpfige Kernzone des Benitz sind nur noch zu erahnen.

Grünen-Stadtrat Bodo Zeymer will diesen Zustand nicht verändert sehen. „Man sollte alles so lassen, wie es ist“, sagt der ehemalige Biologielehrer. Ein Grund sind für ihn die Kraniche. Früher habe es sie dort nicht gegeben, sagt Zeymer. Heute seien sie regelmäßig dort zu hören. „Kraniche siedeln sich dort an, wo Ruhe ist“, betont der Grünen-Politiker.

Umweltamt für Diskussion aufgeschlossen

Auf die Bedeutung der Kernzone des Benitz für einige Vogel- und Amphibienarten verweist auch Matthias Wilcke nachdrücklich. Er leitet das Natur- und Umweltamt des Landkreises. Der Naturschutz, so betont Wilcke, sei das „Primärziel“ am Benitz. „Wir wollen Flora und Fauna möglichst viel Raum lassen“, sagt der Amtsleiter. Dennoch sei es auch ein Anliegen, „Natur erlebbar“ zu machen. Er gehe aber nicht davon aus, dass eine Aussichtsplattform in der Kernzone möglich wäre. Sehr wohl sei er aber bereit, die Vorschläge zu diskutieren. Dabei müsse es dann um ein Abwägen zwischen dem Wunsch nach Erleben und dem Schutzzweck gehen, betont Wilcke. Der Zustand der vorhandenen Bänke und Informationstafeln solle geprüft werden, versichert der Amtsleiter.

Im Wirtschaftsausschuss am Dienstag einigten sich die Fraktionen schlussendlich darauf, das Anliegen vorerst von der Stadtverwaltung prüfen zu lassen. Zum einen auf die Finanzierbarkeit, zum anderen auf die Genehmigungsfähigkeit bei der Unteren Naturschutzbehörde. Der Hauptauschuss folgte dieser Empfehlung. Am kommenden Donnerstag muss nun noch der Stadtrat zustimmen.

Mehrfach Thema im Stadtrat war zuletzt das direkt ans Naturschutzgebiet Benitz angrenzende Wohngebiet. Zuletzt lehnten die Stadträte mehrheitlich eine weitere Bebauung des Areals mit Einfamilienhäusern ab – teilweise auch mit Verweis auf das angrenzende Naturschutzgebiet.