Stolpersteine

Der Kölner Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt.

Auf den Stolpersteinen wird eine Inschrift eingraviert. Sie enthält die Namen, das Geburtsdatum sowie das Datum der Deportation und, wenn bekannt, das Datum des Todes.

Die Steine sollen die Namen zurückbringen und an jedes einzelne Schicksal erinnern.

Jeder Stein soll laut Konzept per Hand gefertigt und auch per Hand verlegt werden.

Europaweit liegen 73 000 Stolpersteine in 23 Ländern.

Haldensleben l Er hat seinen Großvater nicht mehr kennengelernt. Denn er erblickte erst in dem Jahr die Welt, als dieser starb. 1957 war das. Trotzdem kennt der Haldensleber Peter Harbauer Geschichten von seinem Großvater, hat sich mit dessen schockierenden Erlebnissen beschäftigt und sich dafür eingesetzt, dass in Haldensleben ein Stolperstein an seinen Großvater erinnert.

Barnhard Flörke starb 1957

„Es war immer ein Mensch, der auch in schwierigen Lebenslagen die Hoffnung nicht aufgegeben hat und sich immer wieder aufrappelte“, schreibt Peter Harbauer auf Anfrage der Volksstimme. Er habe von seiner Großmutter und seiner Mutter viel über seinen Großvater gehört, den er nie kennengelernt hat.

Bernhard Flörke, geboren am 22. Mai 1891, hat in Haldensleben den Beruf des Steingutdrehers erlernt. Er beschäftigte sich also mit kunsthandwerklicher Keramikgestaltung. In Haldensleben waren zur damaligen Zeit mehrere Keramikunternehmen ansässig. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde Bernhard Flörke Mitglied der SPD und war als leidenschaftlicher Turner auch Mitglied des Arbeiterturnerbundes. In seiner Freizeit war er außerdem Musiker – er spielte Trompete, Klarinette und Zitter. Mit den Einnahmen verbesserte er sich seinen Lebensunterhalt.

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Soldat im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkrieges wurde Bernhard Flörke von 1914 bis 1918 als Soldat an der Westfront in Frankreich eingesetzt und nahm dort an den Schlachten in Verdun und Douaumont teil. „Diese Jahre waren für ihn und seine Einstellung gegen die Nationalsozialisten prägend“, schreibt sein Enkel heute.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Bernhard Flörke arbeitslos. Er gründete eine Kohlehandlung und ein Fuhrunternehmen. Er war verheiratet und hatte eine Tochter.

Ein Jahr im Konzentrationslager

Im Jahr 1942 wurde der damals 53-Jährige unter anderem von der Frau eines Polizeibeamten denunziert und daraufhin ohne Gerichtsverfahren in das ehemalige Konzentrationslager Lublin-Majdanek in Polen deportiert. Dort wurde er knapp ein Jahr „unter unmenschlichsten Bedingungen“ gefangen gehalten.

„Die Zeit der KZ-Haft waren für meine Großmutter und Mutter schwierige Zeiten, da sie das Geschäft alleine weiterführen mussten“, erinnert sich Peter Harbauer an die Erzählungen der Frauen. Angehörige von KZ-Häftlingen hätten damals keinen guten Stand in der Bevölkerung gehabt.

Bis heute ist Peter Harbauer eine Erzählung seiner Mutter in Erinnerung geblieben. Einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Haldensleben, im April 1945, wurden KZ-Häftlinge durch die Rottmeisterstraße und Magdeburger Straße getrieben. Von einer Frau wurden sie mit heißem Wasser übergossen. „Dieses Erlebnis konnte meine Mutter bis zu ihrem Lebensende nicht vergessen“, schreibt Peter Harbauer. Seine Mutter verstarb im Jahr 2016 im Alter von 96 Jahren.

Stolperstein wird 2020 verlegt

Um an das Schicksal seines Großvaters zu erinnern, hat Harbauer bei der Stadt um die Verlegung eines Stolpersteins gebeten. Aus den Anlagen des Landesarchivs Sachsen-Anhalt geht hervor, dass Bernhard Flörke von 1938 bis zu seinem Tod am 22. Mai 1957 in der Magdeburger Straße 59 gewohnt hat. Dort soll der Stolperstein verlegt werden. „Die Steine sollen uns tagtäglich damit konfrontieren, zu welchen extremsten Verbrechen Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung geführt haben“, schreibt Peter Harbauer in seinem Anschreiben an die Stadt.

Der Stadtrat hat sich für die Verlegung entschieden. Die Kosten von 120 Euro übernimmt Peter Harbauer. Als Termin für die Verlegung hat der Künstler Gunter Demnig März 2020 angegeben. Er hat bereits zwei Stolpersteine für Eugen Frohnhausen und Helene Dreier in Haldensleben verlegt.