Haldensleben l Transparente flattern im Wind. Entlang der Kiefholzstraße sind Wäscheleinen gespannt. An ihnen hängen Zettel mit dem sogenannten Versorgungsbarometer. Es verdeutlicht, wie Beschäftigte die Lage in der Psychiatrie wahrnehmen.

Die Skala reicht von „Optimale Versorgung, gutes und gesundes Arbeiten“ bis „Verwahrpsychiatrie, innere Kündigung“. Der Zeiger steht an der Grenze zwischen Gelb und Orange - also zwischen „Unzureichende Versorgung, Gefährdungsanzeige stellen“ und „Beziehungsarbeit nicht mehr leistbar, Burnout droht“.

Mitarbeiter aus 168 Kliniken befragt

Dieses ernüchternde Fazit geht aus einer Verdi-Umfrage hervor. Laut der Gewerkschaft haben 2329 Mitarbeiter aus 168 psychiatrischen Fachkrankenhäusern und Fachabteilungen mitgemacht. Verdi zufolge können es sich drei Viertel von ihnen nicht vorstellen, bis zur Rente in ihrem Beruf zu bleiben. Viele Versorgungsaufgaben könnten nur noch zum Teil oder gar nicht mehr erfüllt werden. Selbst bei akuten Krisen, bei denen beispielsweise Suizidgefahr bestehe, könne die erforderliche Betreuung oft nur durch Einschnitte an anderer Stelle gewährleistet werden.

Die Stimmung in Haldensleben scheint sogar noch schlechter zu sein als der Durchschnitt. Das ergab ein Barometer, auf dem die Teilnehmer der Kundgebung ihre Einschätzung mit Klebepunkten wiedergeben konnten. Nur ganz wenige landeten im gelben Bereich.

Klinikleitung sieht keinen Grund zur Sorge

Die Erstellung des Verdi-Barometers und der bundesweite Aktionstag haben einen Grund: Am 19. September stimmt der Gemeinsame Bundesausschuss über eine Änderung der Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) ab. Darin sind Richtlinien zur Personalausstattung festgelegt. Nach Angaben von Verdi ist statt einer Verbesserung allerdings sogar ein Rückschritt möglich. Zum Ende des Jahres könnten die neuen Regeln in Kraft treten. „Das vorhandene Personal wird weiter reduziert. Wer übrig bleibt, hat noch weniger Zeit für die Patienten“: Mit diesen Worten fasste Gewerkschaftssekretärin Manuela Hase die Folgen zusammen.

Dabei sei die Situation schon jetzt alles andere als rosig: „Die Belastung ist nicht mehr auszuhalten“, erklärte Manuela Hase. Zu Überlastung und Frustration kämen konkrete Gefährdungen und starke psychische Belastungen durch körperliche oder verbale Angriffe. Deshalb müsse die personelle Ausstattung nicht reduziert, sondern deutlich verbessert werden. „Gute Betreuung braucht gute Besetzung und gute Bezahlung“, so Manuela Hase.

Aktive Mittagspausen

Um auf diese Situation aufmerksam zu machen, gab es gestern in Haldensleben zwei „aktive Mittagspausen“. Daran nahmen nicht nur Mitarbeiter teil. Auch interessierte Bürger, Angehörige von Patienten und Politiker waren eingeladen. Mehrere Abgeordnete aus Stadt-, Kreis- und Landtag nahmen die Gelegenheit wahr.

Auf Anfrage der Volksstimme nahm auch die Leitung des Haldensleber Klinikums zu dem Thema Stellung: „Die Novellierung der derzeit geltenden PsychPV (Psychiatrie-Personalverordnung) wird auf Bundesebene, unter Einbindung von versierten Fachleuten, im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), erarbeitet. Auf die Inhalte haben wir keinen Einfluss“, erklärte Krankenhausdirektor David Kayser. „Die derzeit geltende PsychPV wurde im Jahr 1991 erlassen. Seitdem hat sich die stationäre, psychiatrische Versorgung weiterentwickelt, sodass eine Anpassung der Verordnung erforderlich wird. Dies führt dazu, dass Kliniken ihre Versorgungskonzepte individuell anhand des Bedarfs, also der Patienten, anpassen müssen.“

Das in der Verordnung vorgeschriebene Personal sei „obligatorisch vorzuhalten“. Abweichungen seien nicht möglich. Allerdings lägen aktuell noch zu wenige Details vor, „um die Novellierung bewerten und einschätzen zu können“, so David Kayser.

Mitarbeiter beklagen katastrophale Situation

Als Chefarzt und stellvertretender ärztlicher Direktor ergänzte Dr. Ulrich Sandmann: „Bezüglich der Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeitenden haben wir im Ameos Klinikum Haldensleben in den letzten Jahren kräftig investiert, um diese zu verbessern und attraktiv zu gestalten.“

Beispiele seien der Neubau der Erwachsenenpsychiatrie, die Sanierung und Erweiterung der Gerontopsychiatrie und die Entstehung des Therapiezentrums. Es seien „hochmoderne und ansprechende Behandlungsplätze und Aufenthaltsmöglichkeiten für unsere Patienten, sowie attraktive Arbeitsplätze für unsere Mitarbeitenden entstanden“, so Sandmann. Auch in den kommenden Jahren werde man weiter investieren, um das Leistungsspektrum zu erweitern und „der Versorgungssituation gerecht zu werden“.

Standard liege über Durchschnitt

„Der Standard, den wir hier vorhalten, liegt deutlich über dem Durchschnitt psychiatrischer Kliniken, so sind wir sowohl in der Unterbringung der Patienten, als auch bei den vorgehaltenen Therapie- und Behandlungsangeboten sehr gut und breit aufgestellt“, betonte Ulrich Sandmann. Anlass zur Sorge sehe man als Klinikum keinen. Stattdessen hoffe man, dass die eigenen „Forderungen nach einer besseren Personalausstattung politischen Anklang“ fänden.

Aus der Perspektive der Beschäftigten klang die Situation jedoch ganz anders: „Wir nutzen den Aktionstag, um auf die katastrophale Personalsituation in unserem Klinikum aufmerksam zu machen“, erklärte eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte. Das gelte nicht nur für die Psychiatrie, sondern auch für die Somatik. „Die Leute arbeiten oft zehn Tage durch, bis sie einen freien Tag bekommen. Es ist so, dass viele einfach nicht mehr können.“ Die Grenze des Erträglichen sei erreicht. Auch bei der Bezahlung „werde gepokert ohne Ende“. Mitunter lägen Gehälter 1000 Euro brutto unter den Vorgaben aus dem Tarifvertrag. Viele Kollegen hätten das Klinikum bereits verlassen, weil sie anderswo mehr verdienen könnten. Es gehe darum, den „Niedergang des Klinikums“ aufzuhalten.

Manuela Hase informierte darüber, dass Verdi die Ameos-Gruppe bereits zweimal zu Tarifverhandlungen für die Standorte im nördlichen Sachsen-Anhalt aufgefordert habe. Bis zum 15. September werde man auf eine Antwort warten. Vom Ergebnis werde abhängen, wie es weitergehe, so die Gewerkschaftssekretärin.