Haldensleben l Der Kaufmann und Heimatforscher Hermann Bolms schrieb in der Beilage zum Wochenblatt (Heimatblatt für das Land um Obere Aller und Ohre Nr. 5/6 vom 26. Juni 1936) über das Ratsfischerhaus: „Zu seinem Schmuck steht das alte schöne Haus nun da und entbietet allen, die durch das Stendaler Tor hereinkommen und hier Einkehr halten wollen, ein freundliches Willkommen der Stadt Neuhaldensleben.“

Der damalige Bürgermeister Ernst Wolter hatte aus den städtischen Mitteln einen Zuschuss bereitgestellt, der Malermeister Schwarze hatte die Malerarbeiten gesponsert, die Leitung der farbigen Ausführung des Anstriches lag in den bewährten Händen des Kunstmalers Uffrecht.

Heim für alte Bürgerfamilien

Haldensleben ist arm an alten und schönen Fachwerkhäusern, deshalb sollten die noch bestehenden gepflegt werden, hier insbesondere das Ratsfischerhaus. Das Haus könnte sicher viel erzählen von den alten Haldensleber Bürgerfamilien, die es einst bewohnten.

Es wurde um 1600 erbaut und es überstand den großen Stadtbrand um 1661 fast unbeschadet, obwohl die meisten Häuser in der unmittelbaren Umgebung ein Raub der Flammen wurden.

Das Haus gehörte zunächst der Bürgerfamilie Mumme. Joachim Mumme war Messerschmied. Danach besaß die Familie Keßel das Grundstück. Im Jahre 1766 kauft der aus Calvörde stammende Ratsfischermeister Gabriel Christoph Reps das Grundstück für 400 Taler. Das Anwesen bestand aus dem Wohnhaus, einem Hof, einem kleinen Garten, einer Scheune, einem Stall und einem Brunnen, dazu gehörte noch ein Recht, auf des Nachbarn Hof auffahren zu dürfen. Diese sogenannte „Auffahrtsgerechtsame“ bestand noch bis 1945.

Die Familie Reps erhielt vom Magistrat das „Ober-Ohre-Revier“ zum Abfischen (vom Gut Detzel bis zur Ratsmühle) für 44 Taler pro Jahr in Erbpacht, später wurde der Abschnitt von der Wrangelbrücke (Burgwallbrücke) bis zur Ratsmühle dazu gepachtet.

Nach einer Reihe von Ratsfischer-Generationen übernahm im Jahr 1923 Wilhelm Reps das alte Ratsfischerhaus, dazu kaufte er das sogenannte „Kunstlersche Etablissement“ (eine Schankwirtschaft) und die ehemalige Zieglersche Badeanstalt an der Ohre. Er ließ die Gaststätte zu einem großen Restaurant ausbauen und nannte es „Gambrinus“. Er stellte „Gambrinus“ als Konzert- und Ballhaus seinen Gästen vor, ebenso als „Erstes Restaurant am Platze“.

Letzter Ratsfischer starb 1932

Reps kaufte Paddel- und Ruderboote und lud seine Gäste zum „Kahnfahren auf der Ohre“ ein. Daraus entwickelte sich ein reges Geschäft – ein „Wasservergnügen“ auf der Ohre. Um 1930 wurde auch ein Kino eingerichtet, das von den Bürgern als „Freizeitvergnügungsstätte“ genutzt wurde.

Der allseits bekannte und geschätzte Wirt Wilhelm Reps starb 1932 völlig überraschend bei der Vorbereitung eines Fischerzuges auf der Ohre. Seine Nachkommen übernahmen die große Gaststätte, das Kino, das gesamte Areal der Badeanstalt, die Kahnfahrten auf der Ohre und das Ratsfischerhaus in der Stendaler Straße 15. Wilhelm Reps war der letzte hier sesshafte Namensträger dieses Haldensleber Bürgergeschlechts. Seine Nachkommen führten die Tradition des „Ratsfischens“ nicht mehr fort.

Das Ratsfischerhaus ist seit Jahren unbewohnt und verwandelt sich vor allen Dingen in eine Ruine! Möge es bald gerettet werden und sich in einem neuen schönen Ansehen präsentieren können – ähnlich wie im Jahre 1936. Heimatforscher Hermann Bolms richtete 1936 einen Aufruf an alle Bürger der Stadt: Bewundert die alten schönen Fachwerkbauten nicht nur in anderen Städten, sondern erhaltet und schützt sie auch in unserer Stadt, sie sind es wirklich wert!“