Tierschutz

Rehkitz-Rettung mit Drohne und Kamera auf den Feldern bei Behnsdorf

Kurz vor der Ernte wird es für Rehkitze im hohen Gras gefährlich. Landwirte, Jäger und freiwillige Helfer werden zum Rettungsteam. Ein Drohnenpilot mit Wärmebildkamera hilft, die Kitze zu orten und vor den Schneidwerken der Landmaschinen zu retten.

Von Anett Roisch
Angela Kummert zeigt auf einem Feld bei Behnsdorf das gerettete Rehkitz. Die Schneidwerke der Erntemaschinen bedeuten für Tierkinder, die sich im hohen Gras verstecken, eine große Gefahr.
Angela Kummert zeigt auf einem Feld bei Behnsdorf das gerettete Rehkitz. Die Schneidwerke der Erntemaschinen bedeuten für Tierkinder, die sich im hohen Gras verstecken, eine große Gefahr. Foto: Anett Roisch

Behnsdorf - Schon früh morgens um halb 4 Uhr ist ein Rettungsteam mit Drohnenpilot Thomas Heithecker auf den Feldern nahe Behnsdorf im Einsatz. Mit einer Wärmebildkamera sollen Rehkitze im hohen Gras, das gemäht werden soll, aufgespürt werden.

Landwirt Heiner Altenbach, der auch mit Herz und Seele Jäger ist, hat den Drohnenpiloten aus Cremlingen (Landkreis Wolfenbüttel) engagiert. „Wir müssen früh anfangen, denn der Boden muss noch kalt sein, damit die Wärmebildkamera die Tiere erkennen kann“, erklärt Thomas Heithecker. So können vor allem Rehkitze, die die Muttertiere im tiefen Gras der Felder ablegen, entdeckt und in Sicherheit gebracht werden. 

Seine Mission ist es, auch tierisches Leben zu retten

Der Luftbildfotograf, der beruflich als Rettungssanitäter arbeitet, aktiviert die High-Tech-Kamera. In seiner Freizeit hat er es sich zur Mission gemacht, auch tierisches Leben zu retten. Neben der Rehkitzrettung übernimmt er auch Aufträge von Wirtschaftsunternehmen. Die dazu nötigen Genehmigungen nach EU-Recht besitzt der Profi. Im Kofferraum seines Wagens ist auf dem Laptop das zu überfliegende Gebiet zu sehen. 

Heiner Altenbach bewirtschaftet mehrere große Wiesen bei Behnsdorf. Die Flächen sind mit hüfthochem Gras bewachsen. „Wenn der Traktor mit dem Mähwerk das Grün schneidet, kann der Fahrer die Kitze nicht sehen. Naturgemäß bleiben sie fast regungslos so lange liegen, bis die Ricke zurückkehrt“, weiß der Landwirt.

Die Bauern kennen das Problem schon von jeher. Alle Versuche, die Tiere zu vertreiben, bevor die großen Maschinen ihre Runden über die Felder drehen, hatten bislang nicht den erwünschten Erfolg gebracht. „Jäger haben auch die Verantwortung für den Schutz des Wildes. Das gehört dazu“, betont Angela Kummert. Dass Kitze nicht zu Schaden kommen - sei nach ihren Ausführungen – nicht nur die Pflicht des Jägers, sondern auch eine ganz persönliche Herzensangelegenheit. Heiner Altenbach testete bereits im vergangenen Jahr die Drohnenbefliegung. Damals wurden zwei Kitze gerettet.

Hoch motiviert starten nun die Retter. Thomas Heithecker übernimmt die Kontrolle seiner Drohne per Handsteuerung. Auf einem Monitor ist die Landschaft in grau zu sehen. Der Pilot schaut nach Wärmesignaturen. Lange Zeit vergeht. Drei Wiesen werden abgeflogen, ohne dass sich ein Kitz darauf befindet. Plötzlich ist auf dem Monitor ein kleiner weißer Punkt zu erkennen. Gleich daneben befindet sich noch ein etwas größerer Punkt, der sich bewegt. „Das muss die Ricke sein“, sagt Jägerin Angela Kummert. 

Ausgerüstet mit Wäschekörben geht es querfeldein auf die „weißen Punkte“ zu. Per Walkie-Talkie gibt der Drohnenpilot die Richtung an. Nun flieht die Ricke in Richtung Wald. Vorsichtig nähern sich die Retter. Heiner Altenbach entdeckt das Kitz im hohen Gras. Es scheint erstarrt zu sein, nur sein Herz pocht kräftig, was am bebenden Körper zu sehen ist. 

Landwirt Heiner Altenbach entdeckt das Rehkitz

Schnell stülpt Helfer Hans-Joachim Schöpke den Korb über das Jungtier. Die Stelle wird zusätzlich mit einer Stange markiert, damit der Erntefahrer den Standort rechtzeitig erkennt. Dann bekommt Landwirt Heiner Altenbach die Nachricht seines Traktoristen, dass das Schneidwerk, das die Anwelksilage mähen soll, kaputt ist. Nun müssen die Retter Plan B austüfteln. „Wir bringen das Kitz im Korb über den Graben bis zum Waldrand. Sicher beobachtet uns die Ricke“, sagt der Jäger. Angela Kummert zieht Handschuhe an und rupft ganz viel Gras. Das Kitz darf nicht den Menschengeruch annehmen. Die Jägerin nimmt das Kitz samt Gras behutsam und erklärt, dass die Mutter ihr Junges rufen wird. Das Kitz werde sich durch Laute bemerkbar machen. „Es ist nicht älter als ein Tag“, schätzt Angela Kummert und zeigt auf die Reste der Nabelschnur. 

„Die meisten Leute glauben, wenn sie auf ein Rehkitz stoßen, dass es verletzt ist oder die Ricke es verlassen hätte. Aber das ist nicht so, die Tiere drücken sich und bleiben im Gras liegen. So schützt die Natur eigentlich die Jungen ganz gut vor Gefahren", weiß die Flechtingerin. Vor Mähdreschern sind sie so aber nicht geschützt - im Gegenteil. Die Erntezeit ist für junge Hasen und Kitze besonders gefährlich, denn beide Tierarten flüchten nicht bei Gefahr, sondern verkriechen sich noch tiefer im Gras.

Heiner Altenbach ist trotz des Zeitaufwandes und seiner Kosten für die Drohnenflüge froh, dass bei der Aktion ein Kitz gerettet ist. „Selbst wenn wir nur einem Kitz das Leben retten, hat sich der Einsatz gelohnt“, sagt Angela Kummert und verteilt noch Stücke ihres Eierlikörkuchens. Einig sind sich die Helfer, dass das Kitz „Thomas" heißen soll. Und so wird der Rettungspilot auch Namenspatron. Am Abend sind alle Wiesen gemäht. Kein Kietz ist zu Schaden gekommen.