Haldensleben l Der Laubbaum steht zwischen zwei Grundstücken. Seit vielen Jahren steht er da, doch plötzlich wird er zum Problem. Dem Nachbar missfällt, dass das Laub auf seinem Rasen landet und er die Arbeit damit hat. Es sind kleine Dinge wie diese, die in einem jahrelangen Nachbarschaftsstreit das Fass zum Überlaufen bringen. Anja Bohnet, die Frau der Haldensleber Schiedsstelle, kann davon ein Lied singen.

„Manchmal fragt man sich schon, warum die Menschen nicht einfach miteinander reden“, sagt Anja Bohnet. Gerade bei Nachbarn meine man, die Nähe für ein Gespräch sei gegeben. Doch oftmals ist genau diese Nähe der Grund des Streites. „Oftmals schwelen solche Streitigkeiten seit Jahren im Hintergrund. Dann bringt eine vermeintliche Lappalie die Situation zum eskalieren“, sagt die Schiedsfrau.

Acht Personen wandten sich im vergangenen Jahr in ihrer Sprechstunde an die Streitschlichterin im Ehrenamt. Die städtische Schiedsstelle ist grundsätzlich dafür da, Streitigkeiten zwischen Nachbarn außergerichtlich zu einigen. Das soll vor allem die Gerichte entlasten. In Sachsen-Anhalt kann seit 2001 eine Klage bei Nachbarschaftsstreitigkeiten sogar erst dann erhoben werden, nachdem von einer Schiedsstelle, einem Rechtsanwalt oder Notar versucht worden ist, die Auseinandersetzung beizulegen.

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Seit fünf Jahren schlichtet Anja Bohnet die Fehden der Haldensleber Zankhähne. Die Sprechzeiten teilt sie sich mit ihrer Kollegin Evelin Stier, ebenfalls ehrenamtliche Schiedsfrau. Jede Verbands- und Einheitsgemeinde unterhält eigene Schiedsstellen. Jene in Haldensleben ist nur zuständig, wenn der Antragsgegner in Haldensleben und seinen Ortsteilen wohnt. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich in einer Nachbarschaftssache die Grundstücke der Kontrahenten in Haldensleben befinden.

Vier sogenannte Schiedsverfahren hat Anja Bohnet im vergangenen Jahr durchgeführt. Das ist eine Art Mini-Prozesstag, an dem alle Beteiligten vorgeladen werden und eine Schlichtungsverhandlung im Rathaus abhalten. „Ich spreche dabei jedoch kein Urteil, sondern helfe bei der Lösungsfindung“, sagt sie. Im Anschluss steht den Streitenden immer noch der Rechtsweg offen

Die meisten Streitigkeiten in Haldensleben beschäftigen sich laut der Schiedsfrau mit dem Garten oder Grundstücksgrenzen. Da geht es um Bäume, die zu dicht an der Grenze stehen oder ins Nachbargrundstück wachsen. Da geht es um ständige Lärmbelästigung durch schallende Musik. Oder auch um Beleidigungen.

Zäune erhitzen die Nachbarsgemüter

Besondere Fälle sind meist jene, die sich mit Zäunen beschäftigen. Seit Jahren ist der Zaun das Symbol des Nachbarstreites. Dabei macht sogar das Nachbarschaftsgesetz einen Unterschied, ob der Zaun genau auf der Grenze steht oder nur an der Grenze. Befindet sich der Zaun auf der Grenze, stellt sich oft die Frage, wer den Zaun pflegt oder im Schadenfall repariert. Steht der Zaun jedoch an der Grenze, kann der Eigentümer sich ein Fort Knox bauen, wenn er das will. „Manchmal geht es hier um Zentimeter“, sagt Anja Bohnet.

Für die Schiedsfrau ist es bei den Gesprächen wichtig, ruhig zu bleiben und sich nicht von den Emotionen anstecken lassen. „Ich darf mich auf keine Seite schlagen und muss dafür oft auch eigene Erlebnisse ausblenden“, beschreibt sie die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Doch manchmal seien ihr auch die Motive des Streits unklar. „Manchmal würde schon ein wenig Rücksichtnahme helfen“, sagt sie.

Umso erfreulicher ist es für sie, wenn Streitigkeiten doch schneller beigelegt werden können als vorher gedacht. „Manchmal sind die Fronten so verhärtet und dann geht es doch flott“, sagt sie. In einigen Fällen helfe es einfach schon, dass eine schlichtende Person zwischen den Streithähnen sitzt und ihnen zuhört.

Die Schiedsstelle im Rathaus ist jeden dritten Mittwoch im Monat von 17 bis 18 Uhr für die Sprechzeit geöffnet.