Späterer Schulbeginn

Immer wieder wird über einen späteren Schulbeginn in Deutschland diskutiert. Bisher gibt es hierzulande jedoch kaum konkrete Erfahrungen.

Vor einigen Jahren hat die Wedeler Moorwegschule in Schleswig-Holstein die erste Unterrichtsstunde auf 8.35 Uhr verlegt. Das hatte jedoch zu Protesten bei berufstätigen Eltern geführt, die ihre Kinder erst ab 8.20 Uhr zur Grundschule bringen durften. Als Kompromiss wurde eine Betreuung ab 7.30 Uhr eingeführt, die allerdings kostenpflichtig ist.

Gute Erfahrungen mit einem späteren Schulanfang hat die Stadt Seattle im US-Bundesstaat Washington gemacht. Dort wurde der Unterrichtsbeginn in allen öffentlichen Schulen von 7.50 Uhr auf 8.45 Uhr verlegt. Untersuchungen zeigten, dass die Schüler seitdem im Schnitt tatsächlich 34 Minuten länger schlafen. Auch der Notendurchschnitt der Schüler hat sich der Studie zufolge um 4,5 Prozent verbessert.

In anderen Ländern wie Frankreich, England, Spanien oder Finnland fängt der Unterricht regulär erst um 9 Uhr an.

In Sachsen-Anhalt soll die erste Stunde laut einem Erlass der Landesregierung zwischen 7 Uhr und 8.15 Uhr beginnen. Ausnahmen können beantragt werden. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) zeigte sich aufgrund der jüngsten Diskussion flexibel. Bedingung: Es dürften keine Konflikte beim Schülerverkehr entstehen. Doch im ländlichen Raum ist dies meist die größte Hürde . (jj)

Haldensleben l Viele Lehrer blicken morgens täglich in müde Gesichter. Wenn es nach den Schülern ginge, würden sie eine Stunde länger schlafen. Seit Jahren reißt die Debatte um einen späteren Unterrichtsbeginn nicht ab. Schüler in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien sind ausgeschlafener – sie beginnen um 9 Uhr mit der Schule. In Deutschland wird am Schulbeginn bis 8 Uhr festgehalten, auch wenn die Schüler sich etwas anderes wünschen.

Viele Wissenschaftler geben den jungen Leuten recht: Untersuchungen zufolge brauchen gerade Jugendliche in der Pubertät viel Schlaf und sind am späten Vormittag leistungsfähiger. Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung raten sogar dringend von einem Schulbeginn vor 8 Uhr ab, weil eine halbe Stunde weniger Schlaf die Leistungsfähigkeit um bis zu 30 Prozent reduzieren soll. Besser wäre ein Beginn ab 9 Uhr morgens. Jugendliche brauchen nach Angaben der Mediziner eigentlich sogar acht bis neun Stunden Schlaf, was jedoch nur die wenigsten schaffen würden.

Manche stehen um 5 Uhr auf

Das sehen die Schüler der Ganztagsschule „Johannes Gutenberg“ in Wolmirstedt auch so. „Wenn die Schule später beginnen würde, wären wir ausgeschlafener“, sagt Schülersprecher Niels Klatt. Der Elftklässler erklärt, dass einige Schüler bereits um 5 Uhr aufstehen, um den langen Schulweg anzutreten – zu Schulbeginn ist dann schon viel Energie verloren gegangen. „Der Nachteil wäre natürlich, dass der Unterricht sich dann in den Nachmittag hinein verschiebt“, sagt er.

In der Wolmirstedter Gemeinschaftsschule beginnt der Unterricht um 7.20 Uhr – also 80 Minuten früher als in der Studie gewünscht. „Für unsere Schule wäre es durchaus denkbar, den Schulbeginn zumindest auf 8 Uhr zu verlegen“, sagt Regine Albrecht, Schulleiterin der Ganztagsschule. Doch dann wären Nachmittagsangebote schwieriger zu organisieren. Viele Kinder hätten außerdem feste Freizeitaktivitäten am Nachmittag, die dann in Gefahr geraten. „Man müsste abwägen und planen, ob ein späterer Unterrichtsbeginn das wert wäre“, sagt sie.

Auch Susanne Pichottky, Schulleiterin des Bördegymnasiums in Wanzleben, weist auf dieses Problem hin. „Ein späterer Beginn würde bedeuten, dass die Schüler erst gegen 17.30 Uhr zu Hause wären und private Aktivitäten damit völlig entfallen würden“, so die Schulleiterin. Eine Stunde mehr Schlaf würde den Schülern so eine Stunde Freizeit rauben.

Weite Anfahrtswege

Außerdem weist die Leiterin des Gymnasiums auf ein weiteres Problem hin: Die Anfahrtswege der Lernenden. „Unsere Schüler reisen aus 56 verschiedenen Orten mit Bussen an. Damit sind wir an den öffentlichen Personennahverkehr gebunden“, erklärt sie.

Das wäre auch in Wolmirstedt ein Problem. Dort wurden die Zeiten des Schulbeginns zwischen Grundschule, Gemeinschaftsschule und dem Gymnasium in der Nachbarschaft bewusst zusammengelegt, um den Transport der Schüler zu vereinfachen. „Für die ländlichen Regionen könnte das vor allem zu einem logistischen Problem werden“, sagt Schulleiterin Regine Albrecht.

Logistische Probleme für Verkehrsnetz

Auch Bördebus-Geschäftsführerin Dorita Erdmann weist auf Probleme hin. „Das Verkehrsnetz ist ein komplexes, zusammenhängendes System. Man müsste ein solches Szenario durchplanen“, sagt sie. „Es könnte funktionieren, aber vielleicht auch nicht.“ Das Problem seien die Einzugsgebiete der Schulen. Zudem sei es eine betriebswirtschaftliche Frage, denn der Einsatz der Busse kostet Geld. „Ob den Schülerticket-Beitrag dann noch jemand bezahlen will, ist fraglich“, sagt sie.

Trotzdem wären einige Schüler des Landkreises angetan von der Idee, später mit der Schule zu beginnen. „Eine Art Pilotklasse wäre schön“, schlägt Schülersprecher Niels Klatt vor. „Dann könnte man anhand weniger Schüler ausprobieren, ob das funktioniert.“ Der Vorteil für alle: Ausgeschlafene, (meist) gut gelaunte Schüler.