Haldensleben l „Wir haben nur MS, wir sind nicht krank!“, sagt Daniela Lehmann und lacht. Die Männer und Frauen, die am Tisch um sie herum sitzen, nicken zustimmend. Wenn jemand über diese Aussage urteilen darf, dann sie alle. Denn jeder von ihnen hat MS – die Krankheit Multiple Sklerose. Betroffene leiden grob gesagt unter einer chronischen Entzündung von Nervenfasern – der Krankheitsverlauf ist bei jedem Patienten unterschiedlich. Am häufigsten verläuft die Krankheit zunächst in Schüben. Das heißt, dass episodisch Symptome auftreten, die sich nach einem gewissen Zeitraum entweder spontan oder nach einer Therapie wieder zurückbilden.

Nicht nur jammern

Von solchen Schüben berichtet auch Daniela Lehmann. „Ich habe meine Diagnose 1995 erhalten. Damals war ich 23 Jahre alt“, erzählt sie. Die junge Frau und ihr Mann steckten mitten in der Familienplanung. „Ich hatte damals eine gute Neurologin. Sie klärte mich umfassend über die Krankheit auf, nahm mir meine Ängste und sagte, solange es mir gut gehe, könne ich alles machen, was ich mir vorgenommen habe“, erinnert sich Daniela Lehmann. Zwar hatte sie kleinere Krankheitsschübe, in denen sie Taubheit in Fingern und Füßen verspürte, aber ihren Traum, Mutter zu werden, nahm sie trotzdem in Angriff. Als das zweite Kind ein halbes Jahr alt war, kam dann allerdings ein größerer Schub. Gerade wollte Daniela Lehmann aus dem Bett steigen und ihrem Baby die Flasche geben, als sie merkte dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Nach und nach steigerte sich die Taubheit im Körper und stieg aufwärts, schließlich konnte die junge Frau auch ihre Arme nicht mehr bewegen und kam ins Krankenhaus.

Es dauerte viele Tage, bis der Schub nachließ und Daniela Lehmann sich wieder bewegen konnte. Es waren nicht nur Medikamente, die ihr halfen. „Ich habe mich da selbst wieder rausgeholt. Ich wollte das einfach nicht, ich musste mich doch um meine Kinder kümmern“, sagt sie. Mit purer Willenskraft und der Hilfe ihrer Familie habe sie sich schließlich zum Normalzustand zurück gekämpft. Das ist viele Jahre her und seitdem hatte Daniela Lehmann keine größeren Schübe mehr.

Gruppe besteht seit 2009

Dass Multiple Sklerose aber auch ganz anders verlaufen kann, weiß die Klein Ammensleberin durch ihre Selbsthilfegruppe. Die gründeten sie und andere Betroffene im April 2009. Mittlerweile besteht die Haldensleber Gruppe aus 31 Mitgliedern, die im ganzen Landkreis Börde wohnen und von denen sich immer zehn bis zwölf jeden dritten Freitag im Monat treffen.

„Vor allem wollten wir nicht nur über unsere Krankheit jammern, sondern auch miteinander lachen, fröhlich sein und uns über Alltägliches austauschen“, sagt Daniela Lehmann. Wer im Kreise der Multiple-Sklerose-Patienten sitzt, merkt, dass dieses Vorhaben gelungen ist. Kaffee und Kuchen stehen auf dem Tisch, es wird miteinander gealbert und gekichert und wenn über die Krankheit gesprochen wird, dann offen und ehrlich. „Jeder von uns hat seine Erlebnisse mit der Multiplen Sklerose“, schildert Daniela Lehmann. „Der eine nimmt Medikamente, der andere nicht, der eine kann bereits schlecht laufen, der nächste hat andere Beschwerden“, sagt sie. Aber so tun, als seien sie wegen ihrer Multiplen Sklerose dem Tode geweiht, das wollen die Mitglieder auf keinen Fall.

Mit Projekt in Schulen

Welche Ursachen es für die Krankheit gibt, darüber streiten sich Mediziner auf der ganzen Welt noch immer. Auch, ob sie vererbbar ist, ist umstritten. Einige Gruppenmitglieder haben ebenfalls Fälle von Multipler Sklerose in der Familie, andere nicht. „Da gibt es überhaupt keine Klarheit. Wir lassen uns aber nicht verrückt machen. Sterben muss jeder von uns – aber nicht an dieser Krankheit“, sagt Daniela Lehmann. Gemeinsam mit ihren Freunden aus der Gruppe, die dem Landesverband Sachsen-Anhalt der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft untersteht, kann sie auch mal über die Erkrankung lachen. Gegenseitig machen sich die Mitglieder Mut und helfen einander auch außerhalb der Gruppentreffen.

„Es geht uns um den Austausch. Jeder kann hier Fragen loswerden, Probleme ansprechen, wir haben Telefonlisten, in denen die Mitglieder im Fall der Fälle einen Ansprechpartner finden“, sagt Daniela Lehmann. Regelmäßig lädt die Gruppe auch Referenten ein – unter ihnen Ärzte, Physiotherapeuten, Psychologen, Vertreter von Sanitätshäusern und andere. Zudem unternehmen die Männer und Frauen gemeinsam Fahrten. „Wir pflegen auch gute Kontakte zu Selbsthilfegruppen in Gardelegen und Stendal“, erzählt Daniela Lehmann. Mit dem Projekt „Run for Help“ ist die Haldensleber Gruppe seit 2010 außerdem in Schulen und Einrichtungen im Landkreis Börde unterwegs – so soll unter den Jugendlichen das Verständnis für die Krankheit gefördert werden.

Neue Mitglieder willkommen

Neue Mitglieder sind in der Haldensleber Gruppe jederzeit willkommen. „Vor allem können auch Angehörige von MS-Erkrankten zu uns kommen“, sagt Daniela Lehmann. Das nächste Treffen werde voraussichtlich am 18. November stattfinden – ihre Zusammenkünfte haben die Mitglieder in den Räumen des Gesundheits- und Behindertensportvereins an der Magdeburger Straße 44 in Haldensleben. Weil sich Termine aber manchmal verschieben, können Interessenten sich vorher mit Daniela Lehmann unter der Telefonnummer 039202/512 54 oder per E-Mail an da_lehmann@t-online.de in Verbindung setzen.

Informationen gibt es auf der Internetseite der Gruppe unter www.shg-haldensleben.jimdo.com