Calvörde l Im Gemeindesaal auf dem Pfarrhof – also in der guten Stube neben der Kirche des Pfarrverbandes Calvörde-Uthmöden – begrüßte Pfarrer Jürgen Dittrich im Namen seiner Frau Anke und im Namen von Fritz Brohme, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Pfarrverbandsversammlung, die Gäste. Als eine besondere Wertschätzung beschrieb der Pfarrer, dass Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) nach Calvörde gekommen war. Dittrich verriet: „Minister Willingmann ist zum ersten Mal in Calvörde – der Sommerempfang macht es möglich. Immerhin kommt heute zum dritten Mal ein Mitglied der Landesregierung nach Calvörde – nach Klein Braunschweig an der Ohre. So unbedeutend können wir nicht sein.“ Die braunschweigische Identität ist bis heute eng mit einer kirchlichen Bindung verknüpft.

Auch Kirche will Verantwortung übernehme

Dittrich wies darauf hin, dass der Empfang in einem besonderen Jahr stattfindet. Der Reformationssommer habe in Sachsen-Anhalt eine zentrale Bedeutung. „Als Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen vom Zustand von Kirche und Gesellschaft als Diskussionsgrundlage in Wittenberg an die Tür der Schlosskirche schlug, ahnte er nicht, welche Folgen das haben würde. Er nutzte das modernste Medium seiner Zeit – den Buchdruck, um die Verbreitung der Schriften und Flugblätter in maximaler Ausdehnung zu erreichen“, blickte der Pfarrer in die Geschichte. Diese Demokratisierung der öffentlichen Ausein- andersetzung gehöre – nach Dittrichs Ausführungen – zum bleibenden Erbe der Reformation. Jeder Christ sollte sich selber eine Meinung bilden. „Man muss das auch tun. Es reicht nicht, auf Facebook oder Twitter, das zu schreiben, was andere vorkauen. Die Welt ist oft ein bisschen komplizierter, als man es in 260 Zeichen zusammen fassen kann.“ Um sich seine eigene Meinung zu bilden, dazu solle der Empfang beitragen. „Als Kirche ist es uns sehr wichtig, Verantwortung im gesellschaftlichen Bereich wahrzunehmen. In allen Orten stellen die vielfältigen Angebote einen integralen Bestandteil des Gemeindelebens dar“, beschrieb Dittrich und bedankte sich bei allen engagierten Leuten im Pfarrbereich.

Calvördes Bürgermeister Volkmar Schliephake (CDU) bestätigte, dass die kirchlichen Veranstaltungen einen festen Platz im Kalender der politischen Gemeinde haben. Schliephake sagte: „Ich freue mich, dass ihre Angebote viele Menschen auch über die Gemeinde hinaus erreichen. Es ist eine Bereicherung, dass Politik und Kirche so nah beieinander sind.“

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Die Leichtigkeit des Sommers

Propst Ulrich Lincoln stellte sich mit einem Augenzwinkern vor: „Ich komme aus Vorsfelde. Wer das nicht kennt, das ist der bedeutendste Teil von Wolfsburg.“ Sommerempfang klingt für ihn nach einer gewissen Leichtigkeit. „Bei Sommer muss ich an Urlaub, Sekt, Sonne und Entspannung denken. Der Geist braucht Entspannung, um fliegen zu können oder sich auszutauschen. Es sei eine evangelische Tugend zu wissen, was man schafft und was man nicht schafft. Dabei kümmert sich Gott um die wichtigen Dinge im Leben“, erklärte der Propst.

Mit dieser Leichtigkeit begann auch Wirtschaftsminister Willingmann zu berichten, dass er erst seit Mai letzten Jahres in der Politik ist und vorher als Hochschullehrer tätig war. „Meiner Zunft hängt die Fähigkeit an, einen Saal dieser Größe mit Menschen dieser Anzahl in etwa zehn Minuten in einen Tiefschlaf zu versetzen“, sagte er schmunzelnd und erklärte, sich zu bemühen, das anspruchsvolle Thema kurz und interessant darzustellen.

Eine Frage der Ethik

„Chancen und Grenzen des ethischen Handelns – das klingt merkwürdig. Wenn man ein Unternehmen umstrukturiert, dann wägt man klugerweise vorher die Chancen und Grenzen ab. Mit den Chancen meint man, die Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg und mit Grenzen die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs, ob das Produkt gut ankommt“, schilderte er. Nun kam die Frage der Ethik, was bringt es, anständig zu sein? „Man könnte meinen, dass ethische Regeln in der Wirtschaft nicht oder nur bis zu einem gewissen Grad gelten. Das wiederum – vermute ich – beruht auf einem Missverständnis, dass Wettbewerb und Konkurrenz als solche ethisch bedenklich wären. Auch wenn ich allen Menschen die gleiche Würde zu erkenne, kann und muss ich nicht für alle gleicher Maßen sorgen“, so der Minister. Stattdessen gäbe es bestimmte Pflichtenzuweisungen, bevor die Eltern die Welt insgesamt verbessern wollen, hätten sie zunächst für ihre eigenen Kinder zu sorgen. „Wenn ich Brötchen kaufe, dann orientiere ich mich am Preis, an der zurückzulegenden Entfernung oder daran, welche Brötchen mir am besten schmecken, aber kaum an dem möglichst gleichen Einkommen aller Bäcker. Ist das nicht unethisch?“, fragte Willingmann in den Raum und antwortete selbst mit einem klaren „Nein.“

Keine Brötchen, aber dafür ein Brot vom heimischen Bäckermeister Denni Nitzschke überreichte Fritz Brohme als Dankeschön an den Minister.