Haldensleben l Es war noch vor dem Morgengrauen, als sich Mitarbeiter des Ameos Klinikums trafen. Sie sind dem landesweiten Aufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt, die zum Streik bei den Ameos Kliniken aufgerufen hatten. Um 5.15 Uhr begrüßten die Streikenden die Frühschicht und riefen zur Teilnahme auf. Insgesamt nahmen laut Verdi 70 der 600 Beschäftigten in Haldensleben an dem Streik teil.

„Wir sind überrascht, dass so viele Mitarbeiter bei dem Streik dabei waren“, sagt Falk Ludwig, Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Gesundheit, Wohlfahrt, Kirche und Soziales. „Es ist ein Zeichen, dass die Mitarbeiter die Nase voll haben.“ Im Vorfeld habe eine E-Mail des Regionalgeschäftsführers Lars Timm viele der Mitarbeiter verunsichert. Darin droht der Direktor mit abreitsrechtlichen Konsequenzen, wenn die Mitarbeiter an dem Streik teilnehmen.

Unter der Überschrift „Ein Streik wird den Erhalt von Fachabteilungen und Ihrer Arbeitsplätze stark gefährden“ schrieb er: „Für Sie würde das erhebliche Veränderungen, unter anderem im Form von weiten Fahrtwegen zu einer anderen Arbeitsstätte bedeuten“. Im Falle eines Streiks müsse Ameos „massive, betriebswirtschaftliche und nicht rücknehmbare, betriebsbedingte Entscheidungen“ treffen. Für Verdi eine klare Drohung. Der Geschäftsführer sagt dazu: „Mir ging es nur darum, die Mitarbeiter sachlich auf die Auswirkungen eines Streiks hinzuweisen.“

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Bis zu 1000 Euro weniger Lohn

Trotz der Drohung der Geschäftsführung setzten sich in Haldensleben gestern um 8 Uhr die Streikenden vom Klinikum an der Kiefholzstraße in Richtung Innenstadt in Bewegung. Auf dem Haldensleber Markt folgte vor dem Rathaus eine lautstarke Kundgebung. Der Betrieb im Klinikum selbst lief indes weiter. „Im Gesundheitswesen wird für Streiks normalerweise eine Notdienstvereinbarung geschlossen, damit Patienten weiterversorgt werden“, erklärt der Gewerkschaftsvertreter. „Weil Ameos diese nicht mit uns abgeschlossen hat, haben wir selbst einen Plan erstellt.“

Dabei geht es der Gewerkschaft bei dem landesweiten Streik darum, einen Tarif für die Beschäftigten zu erwirken. Bisher arbeiten sie gänzlich ohne Tarifbindung. Die Haldensleber verdienen bis zu 1000 Euro weniger als Kollegen in Krankenhäusern mit Tarifvertrag. Laut Tabelle bekommt dort eine gelernte Krankenschwester zwischen 2800 und 3500 Euro brutto, je nach Länge der Beschäftigung.

Mit den Haldensleben streiken auch die Mitarbeiter in den Kliniken Bernburg, Aschersleben, Staßfurt und Schönebeck. Diese fünf der insgesamt zehn Standorte von Ameos in Sachsen-Anhalt unterliegen im Gegensatz zu Häusern in Halberstadt oder Oschersleben keiner Tarifbindung.

Im Juli hatte Verdi Ameos zu Tarifverhandlungen aufgefordert. „Nach vier Aufforderungen gibt es noch immer keine Reaktion auf Arbeitgeberseite“, so Verdi-Sprecher Jörg Förster. Ameos-Regionalgeschäftsführer Lars Timm dementiert das: Ameos habe Verdi und dem Personal mitgeteilt, dass man sich ab 2020 „gehaltstechnisch bewegen“ und „individuelle Lösungen“ suche werde.

Ende des Jahres soll es Mitarbeitergespräche geben. „Wir werden Zukunftspakete anbieten, die Gehaltssteigerungen und den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen beinhalten“, so Timm. Aber eine Bezahlung wie sie Verdi fordert, „bekommen wir nicht finanziert“. Bundesweit litten Krankenhäuser unter Verlusten. Zahle man nach Tarif, müsse man weitere Arbeitsplätze abbauen.