Haldensleben l Der 22. April 2020 sollte ein schöner Tag werden. Kathrin und Thomas Gebhardt feierten ihren Hochzeitstag. Am Morgen kauften sie ihrem siebenjährigen Sohn Elias ein Fahrrad, das nachmittags bei einer Radtour eingeweiht werden sollte. Das Wetter war perfekt zum Radfahren. Kurz vor der Kanalbrücke an der Süplinger Straße endete die Tour abrupt. Und der Albtraum begann.

Die Bilder haben sich in Kathrin Gebhardts Gedächtnis eingebrannt. Die Familie fuhr in Kolonne auf der Dessauer Straße in Richtung Kanalbrücke. Ganz vorn fuhr der siebenjährige Elias, danach Kathrin Gebhardt, anschließend der Papa mit dem kleineren Sohn im Anhänger, das Schlusslicht machte ein Nachbar. Der Unfallgegner kam aus Richtung Ameos-Klinikum auf der Süplinger Straße und wollte rechts in die Dessauer Straße abbiegen. Es war 18.30 Uhr, als das Unglück passierte.

„Ich habe das Auto gesehen und hatte das Gefühl, dass es langsamer wird. Ich dachte, der Fahrer hat mich gesehen“, erinnert sich Elias an die Sekunden vor dem Unfall. Doch der Fahrer sah ihn nicht und erfasste den Jungen. Kathrin Gebhardt musste zusehen, wie ihr Kind stürzte. „Er flog in einem hohen Bogen, landete auf der Nase und blieb liegen. Ich kann nicht beschreiben, was da in mir vorging“, sagt sie heute.

Tatsächlich stellt die Kanalüberführung an der Süplinger Straße eine Herausforderung für die Verkehrsteilnehmer dar, wie Polizeipressesprecher Matthias Lütkemüller bestätigt. „Der Vorrang der Radfahrenden auf dem Radweg muss beim Abbiegen beachtet werden“, sagt er. Doch das sei ein normaler Vorgang im Straßenverkehr und treffe auf viele Kreuzungen zu. Der Unfallort sei kein Unfallschwerpunkt.

Elias blieb auf der Straße liegen

Mitten auf der Kreuzung schmiss die Mutter ihr Rad von sich, rannte zu ihrem Jungen. Sie hob ihn auf die Beine. „Das Gesicht war voller Blut, das aus der Nase rann. Ich war so schockiert“, erzählt sie. Auch Vater Thomas sprang von seinem Rad, schrie den Autofahrer an, der aus seinem Pkw stieg. In solchen Momenten kochen die Emotionen hoch. Der Unfallgegner sagte, er habe das Kind aufgrund der tiefstehenden Sonne nicht gesehen.

Insgesamt 130 solcher Unfälle, bei denen Radfahrer beteiligt waren, gab es im Jahr 2019 in der Börde. Bei 100 Unfällen kamen Personen zu Schaden, 20 Personen wurde schwer verletzt. „Ein signifikanter Anstieg ist in den vergangenen Jahren nicht zu erkennen“, sagt Polizeisprecher Matthias Lütkemüller. Trotzdem sei jeder Unfall einer zu viel.

Ein Zeuge rief den Notruf, die Eltern ebenfalls. Der damals noch Siebenjährige blutete weiter stark aus der Nase. „Ich konnte nichts mehr riechen“, erinnert sich der Junge. Von Schmerzen spricht er nicht, er stand unter Schock. Elias wurde ins Krankenhaus gebracht, für die Eltern begannen zermürbende Stunden. Gegen 21.30 Uhr folgte die Diagnose: Der Junge hatte ein Schädel-Hirn-Trauma und muss 48 Stunden unter Beobachtung bleiben. „Wir waren erleichtert, dass es keine bleibenden Schäden sind“, sagt Kathrin Gebhardt.

Familie kämpft mit den Folgen

Trotzdem hat die Familie mit den Folgen des Unfalls zu kämpfen. Elias weigert sich seither, aufs Fahrrad zu steigen. „Er hat ein Trauma“, sagt seine Mutter. Auch ein neues Fahrrad half nicht, den Jungen zu überreden. Doch auch seine Mutter bewegt sich seither anders im Straßenverkehr, ist umsichtiger geworden.

„Ich habe ständig die Bilder des Unfalls vor Augen“, sagt Kathrin Gebhardt. Oftmals werde sie nachts wach, weil sie von dem schrecklichen Tag träumt. „Der Unfall wird uns wohl alle noch eine Weile beschäftigen“, sagt sie.

Klar ist, dass nicht nur die Umsicht der Autofahrer gefragt ist, sondern dass die Kleinen erst lernen müssen, sich im Verkehr zurechtzufinden. Dafür ist die Verkehrswacht der Börde zuständig. Aufgrund der Corona-Pandemie fielen seit März fast alle Aktionstage in Schulen und Kitas aus, wie der Vorsitzende Nico Knackmuß erzählt. „Die Verkehrserziehung ist von höchster Bedeutung“, sagt er. Nun müssten Eltern die Aufgabe übernehmen. „Das ist nicht leicht, aber wichtig“, sagt er. Kinder und Jugendliche bräuchten Unterstützung beim Lernen. Wenn ab Ende August die frischgebackenen Schulkinder ihren täglichen Schulweg antreten, sei gegenseitige Rücksichtnahme noch wichtiger.

Kathrin Gebhardt ist seit dem Unfall nur noch mit Sturzhelm auf dem Fahrrad unterwegs. „Der Helm hat Elias wahrscheinlich das Leben gerettet“, sagt sie. Sie wolle sich nicht vorstellen, was ohne den Schutz passiert wäre. Es ist, als hätte Elias einen Schutzengel gehabt. Polizei und Verkehrswachten mahnen immer wieder zu ausreichendem Schutz der Radfahrer. Nahezu jeder sechste Unfall, bei dem Radfahrende beteiligt sind, endet laut dem Polizeirevier Börde mit schweren Verletzungen.

Der Unfallgegner nimmt bis heute Anteil an dem Schicksal des Jungen. Zu Elias Geburtstag hat er angerufen und ihm gratuliert. „Ich finde das bemerkenswert von ihm“, sagt Kathrin Gebhardt. Sie hegt keinen Groll gegen den Autofahrer. Sie ist einfach nur froh, dass ihr Kind noch lebt.