Verkehr

Wenn Zeit sparen den Schlaf raubt

Die gehäuft auftretenden Unfälle auf der A2 der letzten Tage sind die Ausnahme, die mittlerweile die Regel sind: Lkw an Lkw quälen sich über die Bundesstraße 1, durch Eichenbarleben, Irxleben und die anderen Dörfer, die das Pech haben, in der Nähe der Autobahn zu liegen.

Von Theo Weisenburger und Lars Koch

Eichenbarleben/Irxleben - Steffen Schleif kennt das schon. Seit sechs Jahren wohnt er in Eichenbarleben, direkt an der Durchgangsstraße, der B1. Wenn er aus seinem Fenster blickt, kann er den Truckern in die Fahrerkabine schauen, so nahe donnern die Lkw an seinem Haus vorbei. Und selbst wenn er die Augen zumacht: zu hören sind die 40-Tonner immer, von morgens um 5 bis abends um 22 Uhr. Das nicht nur, wenn es auf der A2 wieder einmal gekracht hat, sondern neuerdings jeden Tag. Um den Eichenbarlebern den Schlaf zu rauben, reicht nämlich die normale, vor einigen Wochen eingerichtete Brückenbaustelle auf der Autobahn vollkommen. Denn obwohl es für diese keine offizielle Umleitungsempfehlung gibt, hat es sich in Fernfahrerkreisen schon längst herumgesprochen, dass sich mit dem Ausweichen auf die B1 wertvolle Minuten einsparen lassen.

Und auch in Irxleben kennt man diese Situation nur zu gut. „Wenn du Radio hörst und es wird wieder mal ein Unfall auf Höhe Irxleben gemeldet, dann kannst du die Uhr danach stellen, dann dauert es noch zehn Minuten, bis hier ein Lkw nach dem anderen durchrollt“, so der Irxleber Rainer Fuhrmann.

Am vergangenen Mittwoch hatte Steffen Schleif dann genug – wieder einmal. Der Eichenbarleber schrieb einen gepfefferten Beschwerdebrief. Und weil gerade Landtagswahlkampf ist, und allenthalben Plakate mit den schönsten Versprechen hängen, ging der Brief auch nach Magdeburg an die Landes-CDU, die nicht nur die größte Parlamentsfraktion, sondern auch den Ministerpräsidenten und den Verkehrsminister stellt und mit dem Slogan „Unsere Heimat. Unsere Verantwortung“ für sich wirbt.

Noch mehr Staus im Ort sind zu erwarten

„Worthülsen“, sagt Schleif dazu. Beschwerden und Bitten um Hilfe würden ignoriert, und: „Es fehlt an Befindlichkeit und der Wahrnehmung der Landesentwicklung im ländlichen Raum.“  Er schreibt in seinem Brief von Luftverschmutzung, Zustände wie in einem Chemiedreieck zu DDR-Zeiten und wackelnden Häusern: „Wir sind krank durch ein ungesundes und lärmendes Leben auf dem Land.“ Eine Antwort aus Magdeburg bekam er nicht. Im Dorf selbst wird sein Unmut von anderen geteilt, etwa von Ortsbürgermeister Dirk Preuße. Dieser spricht von einer prekären Situation im Ort. Zumindest die für Juni geplanten Arbeiten an defekten Gullydeckeln sind erst einmal vom Tisch und auf September verschoben. Die Gemeinde Hohe Börde zumindest hat auf Schleifs Brief reagiert. Dort wird das Thema schon seit vielen Jahren diskutiert, schließlich ist auch Irxleben vom Ausweichverkehr betroffen, und oft genug auch die Dörfer nördlich der Autobahn. Aber: „Uns sind die Hände gebunden“, sagt Maik Schulz, der Pressesprecher der Gemeinde. Schließlich handelt es sich bei der Ausweichstrecke um eine Bundesstraße, verantwortlich dafür sei der Bund.

Dennoch sei die Gemeinde bemüht, den Anwohnern zu helfen. Ein Angebot sei ein geplantes Treffen vor Ort mit allen Beteiligten, also Anwohnern, Gemeinde, Kreis und Polizei. Gerade von den Ordnungshütern erhofft sich Schleif mehr Einsatz, etwa in Form von mehr Geschwindigkeitskontrollen. Weiter auf der seiner Wunschliste stehen durchgängig Tempo 30 im Ort und ein Verbot für Lkw-Fahrer, die Bundesstraße 1 bei Staus auf der Autobahn als Ausweichstrecke zu benutzen. „Keine Chance“, sagt dazu Jürgen Till, der Leiter des Straßenverkehrsamtes beim Landkreis. Tempo 30 geht nicht, weil: Eine Bundesstraße sei dazu da, dass der Verkehr schnell fließt. Und ein Lkw-Verbot gehe ebenfalls nicht, weil: Jeder habe einen Rechtsanspruch darauf, diese Straße zu nutzen. Ein Verbot könne nur ausgesprochen werden, wenn eine besondere Gefährdung davon ausgehe. Schleif hatte unter anderem eine Regelung aus Dortmund angeführt. Dort ist seit Ende März die durch die Stadt führende Bundesstraße für schwere Lkw gesperrt, um so die Schadstoffbelastung zu verringern. Für Eichenbarleben müsste man diese Belastung erst nachweisen.

Bürgerinitiative soll gegründet werden

Auf eine Ortsumgehung, wie sie schon lange diskutiert wird, hoffen Schleif und Preuße nicht wirklich. „Das werden wir wohl nicht mehr erleben“, meint Steffen Schleif. Stattdessen setzen die Beiden auf die Bürger. Die B1 wird Thema im nächsten Ortschaftsrat sein, sagt Preuße. Schleif denkt noch einen Schritt weiter: Wenn schon die Landespolitik auf die Beschwerdebriefe eines Einzelnen nicht reagiert, dann muss er sich eben Unterstützung holen: Eine Bürgerinitiative soll gegründet werden.

Eine Bürgerinitiave war in Irxleben nicht die Wahl des Mittels. Aber um Rainer Fuhrmann wurde eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen. „Das ist nun schon eine Weile her und war damals auch im Zusammenhang mit dem Verkehr vom Steinbruch Mammendorf auf den Weg gebracht worden.“ Beständig rollten die Kieslaster, und das oft auch recht zügig. Auch Dank der Bemühungen der „Interessengemeinschaft zur Reduzierung des Verkehrslärms in Irxleben“ stehen seit einigen Monaten vier Geschwindigkeitsmessdisplays über den Ort verteilt. Und die zeigen Wirkung „viele fahren nun doch deutlich angepasster durch den Ort“. Allerdings „sind wir nicht gewillt, diese Belastungen in diesen Größenordnungen weiter hinzunehmen. Wir werden Reaktion zeigen und die Planungen dazu laufen“, gibt sich Fuhrmann kämpferisch. Und er steht damit auch nicht allein da. „Wir werden in den nächsten Tagen Kontakt mit den Eichenbarlebern aufnehmen. Dann wird man sehen, was wir gemeinsam angehen können“.

Lütkemüller: „Abfahrverbot für Lkw von der Autobahn ist nicht diskussionswürdig“

Klar sei auch den Machern bei der Interessengemeinschaft, dass man gegen die bestehenden Vorschriften so ohne weiteres nichts unternehmen kann. „Uns kommt es aber eben so vor, als ob sich die Verwaltungen hinter diesen Vorschriften verstecken.“ Ein Abfahrverbot für Lkw von der Autobahn war auch bei den Irxlebern schon eine der vorgebrachten Ideen. Dass so etwas jedoch nicht diskussionswürdig ist, erklärt Matthias Lütkemüller, Polizeisprecher des Polizeirevier Börde. „Wir reden hier von einer Bundesstraße, einer offiziellen Umleitungsstrecke. Und wir reden von Menschen, die in diesen Lkw sitzen. Wer soll denen verbieten, von der Autobahn abzufahren“, stellt Lütkemüller in den Raum.

Wie schwer das Argument einiger Irxleber wiegt, dass es sich an der Baustelle nichts tue, lässt sich schwer beurteilen. Eine Anfrage, warum in der Baustelle nie gearbeitet werde, wurde von Tino Möhring, dem Pressesprecher der zuständigen Niederlassung Ost der Autobahn GmbH wie folgt beantwortet: „Begonnen habe man mit der Maßnahme bereits Mitte Januar. Seit Mitte April kamen dann die Arbeiten hinzu, welche die Verkehrssicherung auf der Fahrbahn nötig machten und zur Einrichtung der Baustelle führten. Die Arbeiten finden seitdem permanent statt, sowohl sichtbar auf der Fahrbahn als auch nicht einsehbar im Böschungsbereich. Dafür müssen die benachbarten Fahrstreifen aus Sicherheitsgründen gesperrt werden.“

Baustelle hat noch bis mindestens 6. Juli Bestand

Eine Entlastung, durch das Verschwinden der Baustelle und dann vielleicht auch wieder weniger Unfälle ist übrigens noch nicht in Sicht. Bis 6. Juli, sollen laut Autobahn GmbH, die Brückenarbeiten auf der Höhe Rasthof Börde an der A2 noch andauern.